Wenn schon Quote, dann Familienquote

Elternschaft bedeutet heute eher Karrieretod als Karrierechance. Es wird Zeit für einen Kulturwandel in den Unternehmen, der die Familie in das Zentrum der Personalpolitik stellt.

Ellenbogen ausfahren. Härter verhandeln. Und nur nicht zu früh vom Gas – in ihrem Buch „Lean in“ skizziert die Facebook-Gewaltige Sheryl Sandberg das Schnittmuster karrierewilliger Frauen. Selbstbewusst sollen sie sein und risikobereit. Sie lassen sich nicht verdrängen, brüsten sich mit Erfolg und rechnen ab wie Männer: unüberhörbar, unnachgiebig und manchmal sogar unnahbar.

Sandberg ist der Popstar unter den Management-Gurus. Sie redet viel. Und sie redet häufig. Nur eines kommt der Frauen-Vorkämpferin eher mühsam über die Lippen: die Frauenquote. „Nicht die Lösung des Problems.“

Das Thema entzweit Stammtische und Bundestagsfraktionen. Vor allem: Die Kontroverse verdrängt eine neue, übergreifende Debatte über die Familienpolitik. Mehr Frauen in Führungsfunktionen braucht das Land. Aber noch mehr braucht es Instrumente, die es Müttern und Vätern ermöglichen, Beruf und Karriere unter einen Hut zu bringen. Die Frauenquote ist der Ausdruck einer Misere, nicht aber die Lösung eines grundlegenden Problems: Familie und Kinder. Wenn schon Quote, dann Familienquote.

Schätzungsweise 200 Milliarden Euro buttert die deutsche Volkswirtschaft jährlich in die Förderung von Familien. Ergebnis: eine Geburtenrate so niedrig wie kaum woanders. Grund: die weitgehende Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Vor die Wahl gestellt zwischen Job und Kinder, entscheiden sich zu viele junge Frauen und Männer entweder für das eine oder das andere. Fatal ist beides. Entweder stecken wegen des überwiegend patriarchalischen Rollenmusters in der Gesellschaft gut und teuer ausgebildete Mütter in der beruflichen Sackgasse, oder es bleiben die Kinder aus.

Die „Rush Hour des Lebens“

Für viele Frauen und Männer zwischen 25 und 40 Jahren beginnt das Erwachsenenleben, als habe jemand die Welt um sie herum mit der Fast-Forward-Taste beschleunigt. „Rush Hour des Lebens“ heißt die heißeste Phase in der Erwerbsbiografie geplagter Twens und Thirtysomethings. Wie leben? Womit Geld verdienen? Wo arbeiten und wohnen? Es prasselt nur so auf sie nieder. Schon die ersten Berufsjahre entscheiden über das Einkommen in der gesamten Berufslaufbahn. Bis zu einem Alter von 35 Jahren sind die Gehaltszuwächse in Deutschland besonders hoch. Anschließend flacht die Kurve dramatisch ab.

Das ganze System krankt daran, dass Elternschaft eher Karrieretod bedeutet als Karrierechance. Aus der klassischen Erwerbsbiografie mit initialer Ausbildung und schnellem Aufstieg müssen Berufswege mit hoher Flexibilität für Elternschaft und Weiterbildung werden, die den beruflichen Aufstieg in jedem Alter ermöglichen.

Unternehmen, so das Ergebnis einer A.T. Kearney-Studie, tun aus ihrer Sicht viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aus Sicht ihrer Beschäftigten aber noch viel zu wenig. Dabei ist Familiensicherung gleich Zukunftssicherung. Es ist höchste Zeit für einen Kulturwandel in den Unternehmen, der die Familie in das Zentrum der Personalpolitik stellt.

Ein Weg: Maßnahmen zur Entzerrung der „Rush Hour des Lebens“. Eine Initiative von uns läuft darauf hinaus, Elternzeiten durch Weiterbildung aufzuwerten. Zusätzliche Qualifizierung zahlt sich aus: Unternehmen schließen frühzeitig Qualifikationslücken, binden Fachkräfte und entlasten so das Recruiting. Motivation der Belegschaft und Produktivität steigen. Eltern wiederum vereinbaren erfolgreiche Karriereentwicklung mit Familienzeit. Zusammen mit besseren Betreuungsmöglichkeiten können sie anschließend wieder vollwertige Arbeitsplätze besetzen. So kommen Frauen nach oben. So entstehen Wachstum und Wohlstand.

„Schon die Frage zu stellen, wie sie Familie und Karriere vereinbaren möchten, verunsichert Frauen“, sagt Sandberg, die eine neue Führungskultur etablieren möchte. Statt Frauenquote will sie eine Welt, in der Frauen solche Fragen nicht mehr hören. Darum hat sie ihre Einstellungspraxis geändert. Sie selbst fragt Bewerberinnen und Bewerber, die Familie planen, welche Unterstützung sie brauchen, um Job und Kinder zu vereinbaren. Und dieser Weg ist richtig.