Wie die Zeit entsteht

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In der Provinz zuhause und doch weltbekannt. Das trifft vor allem auf die Uhrenindustrie zu, die wie kaum eine andere Branche von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt wird. Die Hersteller müssen modern sein, ohne die Tradition zu vergessen.

Es ist schon ein klein wenig verrückt“, sagt Rüdiger Bucher. „Wir haben eine weltumspannende Luxusindustrie, in jedem Lifestyle-Magazin, in den besten Lagen in den Metropolen finden Sie die großen Uhrenmarken. Aber wenn Sie mal schauen wollen, wo die Marken herkommen, dann müssen Sie manchmal in die verwinkelsten Schweizer Täler, in die kleinsten Dörfer.“ Uhrmacher sind oft sehr heimatverbunden, ergänzt Bucher. Der Journalist ist seit nunmehr zehn Jahren Chefredakteur des Uhrenmagazins Chronos und muss es wissen.

Zwischen Neuerfindung und Insolvenz

Auch in der deutschen Uhrenindustrie ist das nicht viel anders. Zwar haben einige Marken ihre Heimat in größeren Städten, wie Sinn in Frankfurt, Meistersinger in München oder Montblanc in Hamburg. Doch Junghans beispielsweise, 1861 gegründet, 1903 mit 3.000 Beschäftigten weltweit der größte Uhrenhersteller und zeitweise sogar annähernd 10.000 Beschäftigte zählend, ist in Schramberg im Schwarzwald zu Hause, einer Stadt mit derzeit knapp 20.000 Einwohnern. Heute arbeiten bei Junghans rund 120 Mitarbeiter.

Dass es in Schramberg überhaupt noch eine Uhrenproduktion gibt, war trotz 154-jähriger Firmengeschichte vor ein paar Jahren alles andere als sicher, weiß Matthias Stotz zu berichten. Er kam 2007 zu Junghans, um nach einer Einarbeitungszeit die Geschäftsführerfunktion zu übernehmen. Die Marke gehörte seit 2000 zu der in Hong Kong ansässigen EganaGoldpfeil Holding. Der Mode- und Luxuskonzern wollte aus Junghans zuerst eine Handelsmarke machen, also eher in Asien produzieren und dann unter dem Markennamen in Europa vertreiben. „Am Ende war Junghans bei Importweckern für 9,99 Euro und Funkuhren für 60 Euro angelangt. Davon kann man weder Löhne zahlen noch Standorte in Deutschland halten – und das hat letztendlich auch der Marke geschadet“, sagt Matthias Stotz und ein gewisses Unverständnis ist ihm heute noch anzuhören. Der 46-Jährige ist in vierter Generation Uhrmacher, in seinem Fall sogar Uhrmachermeister. Später hat Egana erkannt, dass die Stärke des Unternehmens in seiner langjährigen Tradition liegt, und ein neues Konzept entwickelt. Um bei dieser Entwicklung mitzuwirken, hat man ihn damals geholt. „Ich hatte zwar das Gefühl, dass Junghans versucht, sich neu zu finden, aber das alles noch etwas unglücklich verlief“, erzählt er. Doch soweit kam es vorerst nicht. Am 21. August 2008 meldete die EganaGoldpfeil für die europäische Holding Insolvenz an, den Betrieben stand die Trennung vom Mutterkonzern bevor. Für die Uhrenmacher in Schramberg kam das aus heiterem Himmel.

Mit einigen Jahren Abstand lässt sich sagen, dass das für Junghans eher Glück als Unglück war, auch wenn die ganze Episode schon vor der Insolvenz dem Unternehmen sehr viel wertvolles Know-how gekostet hat. Hatte das Unternehmen in den 1980er Jahren noch gut 1.500 Mitarbeiter, blieben Anfang 2009, als man die Insolvenz überstanden und in einer Schramberger Unternehmerfamilie neue Eigentümer gefunden hatte, gerade einmal 86 übrig. Dennoch ließ sich so, befreit von  Konzernaltlasten, die Marke neu aufbauen – nicht zuletzt auch, weil die Bevölkerung anscheinend an Junghans hing und das Medienecho entsprechend groß war. „So etwas passiert bei einer kleinen Regionalmarke nicht. Ich kam mir vor wie bei einer Werksschließung von Opel“, erinnert Matthias Stotz sich.


Zum Produktionsprozess gehört neben der Montage auch die Qualitätskontrolle, wie hier zu sehen bei Junghans (c) Nico Pudimat/Junghans

Für ein Unternehmen, das sich mit seinen Spitzenprodukten im unteren fünfstelligen Bereich bewegt, jedoch im Hauptsegment mit Preisen zwischen 300 und 1.500 Euro bewusst für Normalverdiener erreichbar bleiben will und den Claim „Die deutsche Uhr“ führt, war das eine ideale Ausgangsposition. Und das Bild der Marke ist für den Uhrenhersteller entscheidend, denn Tradition alleine reicht nicht, um beim Kunden wahrgenommen zu werden. „Sie brauchen eine bestimmte Botschaft, ein besonderes Design und Sie brauchen Produktqualität“, sagt Journalist Bucher.

Und oft sind es auch die Geschichten hinter der Uhr, würde Thilo Mühle ergänzen. Er ist Geschäftsführer des Uhren- und nautische Instrumentenherstellers Mühle-Glashütte. Das Unternehmen ist 1869 von der Familie Mühle in Glashütte ins Leben gerufen worden. „Aber Sie dürfen auch keine großen Fehler machen, weil der Kunde durch die Möglichkeiten des Internets heute sehr schnell informiert ist. Darauf müssen Sie sich in Ihrer Markenzielsetzung und Kommunikation einstellen.“

Uhrenmekka im Erzgebirge

In Glashütte wird der eingangs beschriebene Charakter der deutschen Uhrenindustrie besonders augenscheinlich. Das Städtchen im Erzgebirge hat kaum 7.000 Einwohner und dennoch sind hier fast alle deutschen Uhrenhersteller zu Hause, die auch international Rang und Namen haben, ob das Nomos Glashütte ist, Glashütte Original, Mühle oder auch Zurückgekehrte wie Tutima und junge Marken wie Moritz Grossmann. Um den Ortsnamen im Titel tragen zu dürfen, reicht es aber nicht, in Glashütte seinen Firmensitz zu haben. Es müssen mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung am Uhrwerk auch tatsächlich dort stattfinden. Dies hat durchaus schon zu juristischen Zwistigkeiten unter den Manufakturen geführt. Glashütte Original gegen Nomos, Nomos gegen Mühle. „Die Regel ist schon etwas Besonderes“, erläutert Rüdiger Bucher. „Sie führt zu einer gewissen Wertigkeit. Schon früher galt die Stadt als Zentrum des feinen Uhrenbaus in Deutschland. Das Spannende dabei ist aber, dass der Endkonsument den Namen besser kennt als die Marken.“

Daran konnte auch die DDR nicht viel ändern. Nach den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg wurden die Glashütter Betriebe enteignet. Zeitmesser und Instrumente aus Glashütte wurden ebenfalls vom Militär verwendet. So produzierte beispielsweise Mühle damals auch Tachometer und Drehzahlmesser, die neben Automobilen und Motorräder von Maybach, Horch oder BMW auch in Militärfahrzeugen verbaut wurden. Damit waren diese Uhrenhersteller de facto Teil der Rüstungsproduktion und so gewissermaßen zur Demontage freigegeben. Was dann übrig war, wurde zwangsverstaatlicht und im Gesamtbetrieb VEB Glashütter Uhrenbetriebe zusammengefasst. „Mein Vater sagte spaßeshalber immer: ‚Am Abend war ich noch Kapitalist und am nächsten Tag war ich schon staatlicher Leiter in meinem eigenen Betrieb‘“, erzählt Thilo Mühle. Dieser Tag war im Jahr 1972. Im wiedervereinten Deutschland gründeten sich die Unternehmen nach und nach wieder neu und knüpften an alte Traditionen an. Vor allem Glashütte hat es die deutsche Uhrenindustrie zu verdanken, dass sie heute wieder ein Renommee hat, ist Rüdiger Bucher überzeugt. Und wenn er in diesem Zusammenhang von Glashütte spricht, meint er in erster Linie A. Lange & Söhne, mit deren Gründer Ferdinand Adolph Lange 1845 die Uhrmachertradition in Glashütte begann. Lange & Söhne waren es auch, die nach der Neufirmierung in den 90er Jahren großangelegte Marketingkampagnen gefahren haben. Zugegebenermaßen auch mit einer sehr guten Uhr, wie Rüdiger Bucher betont. Einzelne Modelle knacken heute ohne Weiteres den Stückpreis von einer Million Euro – damit steht das Unternehmen Schweizer Größen wie Patek Philippe in nichts nach.

Für Mühle-Glashütte begann die eigenständige Firmengeschichte 1994 wieder. Thilo Mühles Vater Hans-Jürgen konzentrierte sich zunächst auf nautische Präzisionsinstrumente, was sich heute noch im vollen Unternehmensnamen widerspiegelt und eine Verbindung ist, die gar nicht so ungewöhnlich für Chronometerhersteller ist. Armbanduhren kamen erst 1996 hinzu. Technisch gesehen, war der Wiedereinstieg für die Glashütter Betriebe durchaus machbar, berichtet Thilo Mühle, der seinem Vater 2007 nachgefolgt ist. Schwieriger war der Aufbau einer zeitgemäßen Vertriebsstruktur. „Es ist ein sehr großer Vorteil gewesen, dass das Thema Mechanik trotz der Quarzuhr in der DDR nie ganz abgeschafft wurde und wir hier dank der Historie und Ferdinand Lange ein sehr hohes Eigenverständnis für Qualität im mechanischen Bereich haben.“ Dass Glashütte die Mechanik erhalten blieb, ist wohl auch nur dem Beharren der Hersteller zu verdanken – eigentlich sollte es diese Produktion in den volkseigenen Betrieben nicht mehr geben.


Von Hand wird der „Windflügel“ in die Uhr „Lange Zeitwerk“ von Lange & Söhne gesetzt (c) Lange Uhren GmbH

Quarz schlägt Mechanik, vorerst

Außerhalb der DDR-Grenzen führte der sogenannte Quarzschock Anfang der 1970er Jahre ebenfalls zu einigen Verwerfungen. Es war nicht so, dass man diesen Technologiewechsel verschlafen hatte, sondern vor allem die Schweizer waren einfach nicht in der Lage, schnell genug günstige Quarzwerke auf den Markt zu bringen. Quarzuhren setzen nicht wie mechanische Uhren auf die Unruh als Taktgeber – einer Kombination aus Schwungrad und Spiralfeder –, sondern auf einen Quarzkristall, der in einer bestimmten Frequenz schwingen kann. Die japanischen Hersteller, allen voran Seiko, hingegen waren schneller mit der günstigen Massenproduktion und die elektronischen Uhren trafen einfach den Zeitgeist. „Daran wäre beinahe nicht nur Junghans, sondern die ganze deutsche und auch die Schweizer Uhrenindustrie kaputtgegangen“, erinnert sich Matthias Stotz. „Man hatte eigentlich abgeschlossen mit der Mechanik“, sagt auch Journalist Bucher. „Es hat sogar Hersteller gegeben, die ihre Mechaniker angewiesen haben, die alten Maschinen zu verschrotten.“

Ein unglaublicher Aderlass an Know-how, auch weil kaum noch jemand Uhrmacher lernen wollte, wozu auch bei einem Wegwerfprodukt, bei dem bestenfalls die Batterie gewechselt wird. Die Wende in der Abwärtsspirale für die Europäer brachten die Schweizer mit der massentauglichen Swatch – ironischerweise einer Quarzuhr. Seit den 80er, spätestens aber seit den 90er Jahren konzentrierte sich der Markt wieder auf die mechanischen Werke. Inzwischen führt ab einem gewissen Preisniveau kein Weg mehr an der Mechanik vorbei, gerne auch mit Klangspiel.

Breite Märkte und kleine Nischen

Etwas über hundert Uhrenhersteller gibt es heute in Deutschland, schätzt Rüdiger Bucher. Aber rund 80 davon seien absolute Nischenproduzenten mit sehr kleinen Auflagen – manchmal mit wenigen hundert Stück im Jahr. Die Schweizer Riesen Rolex und Omega reichen regelmäßig an die Millionen heran. Zudem verbauen hierzulande nur wenige komplett eigene mechanische Werke. Viele wie Junghans, die allerdings über eigene Funkwerke verfügen, und Mühle setzen auf Schweizer Werke. In Glashütte werden diese dann mit eigens entwickelten und zum Teil traditionellen Bauteilen wie der Glashütter Dreiviertel-Platine ergänzt.

Der Bundesverband Schmuck und Uhren kommt auf andere Zahlen als Bucher. Er zählt nur 49 Betriebe in Deutschland. Generell aber geht es den deutschen Herstellern gut, darin sind sich Bucher, Mühle und Stotz einig. Auch wenn immer mal wieder Wellen zu spüren sind, wie beispielsweise in der Wirtschaftskrise 2008/2009.


Junghans produziert auch Funkuhren. Hier im Bild das dazugehörige Räderwerk (c) René Jungnickel/Mühle Glashütte

Doch warum gibt es diesen Markt für mechanisch angetriebene Uhren überhaupt, noch dazu, da Quarz eigentlich die präzisere Technik ist? Dass hier sehr viel Statussymbolik und Wertorientierung dabei ist, liegt auf der Hand. Und nach der Jahrtausendwende und der zunehmenden Öffnung der Märkte ist das Interesse an der Marke als solches noch viel stärker geworden. Made in Germany spielt hier eine große Rolle. Und doch ist es auch die Technik selbst. „Mich fasziniert noch heute die Präzision, die hier gelebt wird. Wir haben bei Bauteilen stellenweise Wiederholgenauigkeiten von einem Tausendstel – also einem Nanometer“, erläutert Thilo Mühle. Für Rüdiger Bucher ist auch das Thema Entschleunigung ein Grund. „In einer Welt, die immer schneller wird, ist ein Gegenstand, der eine alte Technik verwendet, einfach erfreulich. Eine mechanische Uhr veraltet nicht.“ Auch sei das Thema Handarbeit und Handwerkskunst nicht zu unterschätzen, ergänzt er.

Matthias Stotz hat persönlich hingegen so seine Schwierigkeiten mit dem Begriff Handwerkskunst. Für ihn als Uhrmachermeister gilt eine höhere Messlatte. „Aber ich kann verstehen, dass es Menschen fasziniert, wie in so einem kleinen Kosmos die Teile ineinander spielen und funktionieren, zu erleben wie Zeit entsteht und wie sie vergeht. Das hat etwas Nachvollziehbares.“


Der S.A.R. Flieger- Chronograph von  Mühle-Glashütte (c) René Jungnickel/Mühle Glashütte