Unkontrollierte Ablenkung und kontrollwütige Chefs behindern den Lernprozess

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(c) gettyimages/Kateryna Kon; Science Photo Library
(c) gettyimages/Kateryna Kon; Science Photo Library

Wie lernen Menschen eigentlich am besten? Diese Frage beschäftigt Mitarbeiter und Personaler gleichermaßen, schließlich verringert sich die Halbwertszeit des Wissens stetig und das Tempo arbeitsweltlicher Veränderungen nimmt weiter zu. Henning Beck, Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer, im Gespräch über gehirngerechte Arbeitswelten, den positiven Effekt von Fehlern und Neuro-Mythen.

Herr Henning Beck, wie lernen Sie denn eigentlich?
Das kommt darauf an, was ich lerne, wann ich es lerne und zu welchem Anlass. Beim Auswendiglernen muss es einen Rhythmus geben aus Wiederholungen und Pausen. Wenn man einen Vortrag halten und ihn einüben will, geht es weniger darum, den Inhalt eins zu eins zu vermitteln. Ich muss mir den Inhalt eines Vortrags konzeptionell erschließen.

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Sie plädieren für ein inspirierendes Büro. Wie würde eine gehirngerechte Arbeitswelt aussehen?
Wie ein mittelalterliches Kloster, in dem die drei verschiedenen Arbeitsmodi im Einklang stehen: Es muss Räume geben, in denen man konzentriert und ungestört arbeiten kann. Dann braucht man Räume, in denen man sich mit anderen austauschen kann. Und schließlich sind Räume zur Entspannung wichtig. In einem Kloster gibt es meist einen zentralen Garten, der der Entspannung dient. Dieser Garten wird umrundet von einem Kreuzgang, in dem man sich mit anderen austauschen kann. Von dem Gang abgehend befinden sich Schreibstuben für den Rückzug. Der physische und aktive Raumwechsel fördert das Denken und lenkt es in andere Richtungen.

Das Gehirn legt sich nie auf seine faule Hirnhaut

Das Gehirn ist selbst beim Nichtstun immer in Aktion. Es schläft nie.
Es legt sich nie auf seine faule Hirnhaut. Es ist immer aktiv, auch wenn wir Pausen machen und schlafen. Während dieser Zeit verdaut man Informationen zu Wissen, und zwar nur dann. Dafür ist eine reizfreie Umgebung dringend notwendig.

Wie sollte ein Arbeitsplatz gestaltet sein, damit wir gut lernen können?
Jede Arbeit benötigt ein anderes Umfeld. Arbeitet man im Team oder benötigt man eher einen ruhigen Rückzugsort? Es kann sinnvoll sein, einen individuell gestalteten Schreibtisch zu nutzen oder aber in einer Art offenem Büro ohne feste Arbeitsplätze zu sitzen. Gerade wenn man projektbezogen arbeitet, muss man nicht unbedingt an einem Tisch verankert sein.

In der Regel wollen Menschen Wurzeln schlagen, wenn auch nur temporär.
Das ist oft der Fall. Das ist aber weniger eine Abgrenzung gegenüber Kollegen oder anderen Abteilungen. Es geht um die Definition des eigenen Bereichs. Um eine Rückzugsmöglichkeit, eine Art Basisstation, von der ausgehend man agiert.

Galeerenartige Großraumbüros sind also gar nicht immer sinnvoll?
Das ist ein großer Mist, ja.

Welche Schritte geht das Gehirn beim Lernen?
Zuerst einmal brauche ich ein Problem, das mich nervt. Ich muss unzufrieden sein. Ich muss mich in das Problem einarbeiten, Fragen stellen und dann zu einem Punkt kommen, an dem ich keine Lust mehr habe. Dann gehe ich auf Distanz zum Thema. Währenddessen wird unterbewusst mein Wissen kombiniert. Das ist die passive Phase, der Zustand des aktiven Wartens.

Je mehr Kontrolle, desto schlechter das Ergebnis

Was stört den Prozess des Lernens?
Unkontrollierbare Ablenkung und wenn Chefs ihre Mitarbeiter zu sehr kontrollieren: Je mehr Kontrolle, desto schlechter das Ergebnis. Das belegen auch Tests. Tatsächlich werden dann Gehirnregionen aktiv, die das Denken blockieren. Dann muss man viel Energie dafür aufwenden, die Beobachtung zu ignorieren. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Trifft das auf jede Form der Arbeit zu?
Das spielt insbesondere bei Wissensarbeit eine Rolle. Wenn es darum geht, kreativ zu sein, Ideen zu haben. Wird man dabei kontrolliert, muss das Gehirn unheimlich viel Energie dafür aufbringen, die Kontrolle auszublenden. Es hat dann weniger Energie übrig für die kreative Leistung. Kontrolle bedeutet ja immer auch eine Form von Bewertung. Man quantifiziert seine eigene Handlung sofort, weil es das Außen ja auch tut.

Was behindert, außer der Kontrolle, den Lernprozess noch?
Angst, gerade dann, wenn man Neues wagt und scheitern könnte. Das Gehirn bewertet diese Situation als potenziell gefährlich. Man exponiert sich, macht sich angreifbar. Deswegen ist angstfreier Raum wichtig. Und man muss den Mitarbeitern klarmachen, dass es in Ordnung ist, dass viele Ideen erst einmal Schrott sind. Ohne diesen Schrott kann aber nichts Neues und Großes entstehen.

Ist die deutsche Unternehmenskultur davon nicht noch weit entfernt?
Das ist weniger eine Frage der Kultur als der Branche. Es gibt solche, in denen man auf Korrektheit, Konformität, Effizienz und Fehlerfreiheit Wert legt. Dort ist es schwer, eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der neue Ideen entstehen.

Kreative und querdenkende Menschen sind unbeliebt

Warum gibt es diesen Wunsch nach Konformität überhaupt?
Kreative und querdenkende Menschen sind unbeliebt, die mag man nicht, weil sie all das infrage stellen, was man sonst immer auf eine bestimmte Art tut. Sie stellen Autoritäten und Abläufe infrage, ecken an und widersprechen. Das ist anstrengend. In vielen Branchen hasst man dieses Querdenken.

Brauchen wir überhaupt eine fehlerfreie Arbeitswelt?
Fehlerfreiheit ist kein Alleinstellungsmerkmal. Ich brauche dafür keine Menschen. Alles, was man „effizienter“ machen kann, können Algorithmen. Maschinen halten Regeln ein und brechen sie nicht. Gerade zu Beginn eines Prozesses sind Fehler aber gar nicht verkehrt. Durch sie unterscheiden wir uns von der unkreativen Maschine. Schauen Sie sich an, wie Kinder spielen: Sie tun das nicht, um zu gewinnen, sondern um Regeln aufzustellen. Ein Kind baut einen hohen Turm aus Klötzchen und bringt ihn dann zu Fall, um zu sehen, was passiert. So lernen Menschen.

„Es geht darum, den richtigen Fehler, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort zu machen. Aus Fehlern entsteht oft das neue große Ding.“

Also steht am Anfang einer Idee ein zerstörerischer Akt?
Auf der Suche nach einer Idee sollten wir uns fragen: Was müssten wir völlig falsch machen, um das Projekt oder die Aufgabe zum Scheitern zu bringen? Wie müsste ich es anstellen, damit das Ganze richtig gegen die Wand fährt? Es geht darum, die Blickrichtung zu wechseln, den richtigen Fehler, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort zu machen und dieses Wissen dann zu nutzen. Aus Fehlern entsteht oft das neue große Ding.

Sie haben einmal den schönen Satz gesagt: „Die Schwächen unseres Gehirns sind unsere Stärken.“
Wir sind so oft von unseren Schwächen enerviert. Uns nervt, dass wir uns nicht an alles erinnern können, dass wir Zeit schlecht einschätzen, dass wir uns ablenken lassen, unkonzentriert sind oder dass wir schlecht rechnen können. Aber dahinter steckt eine Stärke. Würden wir nie etwas vergessen, wäre eine bedeutungsvolle Gewichtung des Inhalts schwer. Nur durch Vergessen können wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Würden wir uns nie ablenken lassen, könnten wir nicht über den Tellerrand schauen. Könnten wir die Zeit wie ein Uhrwerk einschätzen, wären wir nicht zu Gedankenexperimenten in der Lage.

Veränderungsfähig sein, um überleben zu können

Fehlerfreiheit als das Ende vom Menschen?
Wenn wir alles fehlerfrei und effizient machen würden, wären wir so leistungsfähig wie ein monokultiviertes Getreidefeld: Bei dem ist es gut, wenn alles gleich bleibt. Aber sobald sich etwas ändert, stirbt es. Wir müssen veränderungsfähig sein, um überleben zu können.

Lohnt sich denn lebenslanges Lernen für Mitarbeiter noch, wenn durch die künstliche Intelligenz ohnehin die meisten Jobs überflüssig sein werden?
Geht es darum, etwas auswendig zu können, braucht man keine Weiterbildung; das können Maschinen besser. Allerdings sollten wir überhaupt nicht mit Maschinen konkurrieren. Die meisten sind auch gar nicht intelligent, sondern funktionieren nur nach dem „Wenn-dann-Schema“.

Dennoch werden Maschinen Arbeitsplätze ersetzen.
Eintönige, monotone Tätigkeiten sollte man ja auch ersetzen. Sie sind unmenschlich und langweilig. Unser Gehirn ist dafür nicht gemacht. Es ist nicht wichtig, dass unsere Sinnesreize fehlerfrei abgespeichert werden, sondern dass wir ihnen einen Sinn geben und eine Bedeutungsebene erschaffen. Daten allein sind tot, sie haben keine Geschichte. Für uns ist der Unterschied zwischen einem lachenden und einem weinenden Smiley ein grundlegender. Für einen Computer ist die Abweichung allerdings nur gering. Das ist auch der Unterschied zwischen Lernen und Verstehen.

Was halten Sie davon, wenn Unternehmen versuchen, den Erfolg einer Weiterbildung zu messen?
Das ist ein kniffliger Punkt. Eigentlich lässt sich Wissen nicht messen. Man kann die Korrektheit von Antworten überprüfen, aber eine Idee ist nicht messbar. Als Personaler braucht man den Mut und das Vertrauen, dass geschulte Mitarbeiter ihr neu erlerntes Wissen auch im Alltag einsetzen.

Wie kann Weiterbildung gelingen?
Angestellte brauchen das Gefühl, dass sie das erworbene Wissen direkt anwenden können, dann sind sie auch motivierter. Man muss den Mitarbeitern Problemfragen stellen, anhand derer sie ihr Wissen ausspielen können.

Soziale Anerkennung statt Boni

Sollten Mitarbeiter für ihren Erfolg belohnt werden?
Menschen brauchen kein externes Anreizsystem, denn wir alle wollen lernen, besser werden und zeigen, wie gut wir sind. Wir brauchen soziale Anerkennung, keine Boni.

Die Belohnung besteht also im Lernen selbst?
Die Lösung eines Problems verschafft uns ein gutes Gefühl, das mehr ist als ein kurzer Belohnungsschuss. Der ist nur kurzweilig. Wir brauchen eine dauerhafte Bestätigung, Feedback und Würdigung.

Welche Rolle spielt es, ob ich eine Weiterbildung intern oder extern mache?
Der Raum beeinflusst in hohem Maße das, was und wie wir lernen. Wir lernen den Raum und das Umfeld mit dazu. Für einen neuen Blickwinkel kann es sinnvoll sein, die Räumlichkeiten zu wechseln.

Der Trend geht zu E-Learning und gamifiziertem Lernen. Sinnvoll oder Unsinn?
Der Vorteil liegt darin, dass E-Learning mehr Interaktion ermöglicht zwischen dem Inhalt und dem Lernenden. Ich bin dann kein passiver Konsument, sondern aktiv und kann mich in einer Art Lernwelt bewegen, mit anderen kommunizieren und interagieren. Man sollte aber immer bedenken, dass es nicht darum gehen kann, den Leuten Daten einzubläuen. Und zu Beginn muss immer erst die Frage beantwortet werden: Warum machen wir das?

Welche Nachteile gibt es beim E-Learning?
Wir merken uns etwas besser, wenn wir es in ausgedruckter Form lesen. Hier spielt das Raumgefühl wieder eine Rolle: Wir erinnern, an welcher Stelle im Buch oder auf welcher Seite wir eine Information gelesen haben, wenn wir es in den Händen gehalten haben. Das ist beim digitalen Leser nicht der Fall.

Das Lernzeitfenster schließt kurz vor der Pubertät

Wovon ist der Lernerfolg noch abhängig?
Wenn man erst spät ein Instrument lernt, wird man es wahrscheinlich nicht mehr virtuos spielen. Wenn ich als Kind damit beginne, kann das klappen. Dieses Lernzeitfenster schließt sich aber kurz vor der Pubertät, denn sobald wir auf der Welt sind, baut das Gehirn ab. Je älter man wird, desto schwerer wird es auch, seine Denkmuster zu überwinden. Man muss sich dennoch klarmachen: Das Gehirn passt sich immer an. Je mehr wir es nutzen, desto frischer bleibt es.

Wie können wir unser Gehirn und Denken wachhalten?
Indem wir uns viel mit anderen austauschen. Mit anderen zu kommunizieren ist das beste Gehirnjogging überhaupt. Das hält uns frisch und macht unser Denken schneller.

Sie sagen, es gebe keine unterschiedlichen Lerntypen. Welche Neuro-Mythen gibt es noch?
Wir nutzen zum Beispiel nicht nur zehn Prozent unseres Gehirns. Das ist kompletter Unsinn. Unser Gehirn arbeitet immer als Ganzes. Ein anderer Mythos ist der vom angeblichen Reptiliengehirn, das sich im innersten Kern unseres Gehirns befände und unsere Triebe steuern würde. Es gibt nicht die eine Region, die vernünftig arbeitet, und die andere, die archaisch funktioniert. Ein anderer Mythos ist der, dass Männer und Frauen unterschiedlich denken würden.

„Ich finde Frauengehirne optisch schöner. Sie sind meist symmetrischer, kleiner und kompakter. Männliche Gehirne sind oft etwas ausgebeulter.“

Es gibt keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Denken?
Zumindest nicht so, wie es populärwissenschaftlich oft dargestellt wird. Es gibt einfach generell unterschiedliche Denkweisen, auch unabhängig vom Geschlecht. Es ist außerdem nicht so, dass Frauen mehr sprechen als Männer: Beide verwenden im Durchschnitt täglich die gleiche Anzahl von Wörtern. Allerdings gibt es anatomische Unterschiede: Ich finde Frauengehirne optisch schöner. Sie sind meist symmetrischer, kleiner und kompakter. Männliche Gehirne sind oft etwas ausgebeulter.

Henning Beck / (c) Marc Fippel
Henning Beck / (c) Marc Fippel

Der studierte Biochemiker und promovierte Neurowissenschaftler Henning Beck unterstütze bereits Start-ups in Kalifornien dabei, innovativer zu werden und die Tricks des Gehirns zu nutzen. Dem prämierten Science Slammer Beck geht es darum, komplexes Wissen unterhaltsam und verständlich zu vermitteln.

Auf der 4. Tagung Corporate Learning am 29. November in Berlin hält er eine Keynote zum Thema „Gehirngerechte Arbeitswelten.“ Mehr Informationen zur Tagung finden Sie hier.

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