Wie sinnvoll ist Weiterbildung in Krisenzeiten?

Unternehmen sind sich unsicher, ob sie in der Krise in Weiterbildung investieren sollten. Doch gerade jetzt könnte das den Mitarbeitenden psychisch guttun.
© gettyimages / utah778

Unternehmen sind sich unsicher, ob sie in der Krise in Weiterbildung investieren sollten. Doch gerade jetzt könnte das den Mitarbeitenden psychisch guttun.

Weiterbildung ist aktuell eines der wichtigsten Themen in Unternehmen. Mitarbeitende müssen für die nahe Zukunft fit gemacht werden, um dem Wettbewerb standhalten zu können. Immer mehr Skills und Fähigkeiten werden benötigt und gefordert und das in einer Geschwindigkeit, mit der kaum Schritt zu halten ist. Das ist den meisten Unternehmenden klar. Aber wie lässt sich dieser Anspruch in Corona-Zeiten, mit zum Teil erheblichen wirtschaftlichen Einbußen und ermüdeten Mitarbeitenden im Homeoffice umsetzen? Ist Weiterbildung ein Motivator oder eine Bestrafung?

+++Sie bekommen von HR nicht genug? (heart) Dann melden Sie sich jetzt für unsere Newsletter an. Hier geht es zur Anmeldung!+++

Das Thema „Weiterbildung“ beschäftigt die meisten Unternehmen gerade jetzt in der Pandemie besonders intensiv, denn es gilt abzuwägen: Soll die Zeit im Homeoffice, möglicherweise mit geringerem Arbeitsaufkommen oder gar in Kurzarbeit, genutzt werden, um die Mitarbeitenden fit für die Zukunft zu machen? Ist es eine Chance, aus der Krise zu wachsen und sich zu stabilisieren, oder werden zusätzlich möglicherweise kaum vorhandene Finanzen vernichtet? Trägt Weiterbildung zur Krisenbewältigung bei?

Auf der Seite der Mitarbeitenden gibt es ebenso Abwägungen: Die einen sehen das Angebot an eine Fortbildung als Wertschätzung, als Motivation und Möglichkeit, sich zu entwickeln, sich für die Zukunft zu rüsten und dem Gehirn Abwechslung und neues „Futter“ zu bieten.

Die Anderen verstehen ein solches Angebot als deutlichen Hinweis auf ihre Unzulänglichkeit, auf die Notwendigkeit, sich verbessern zu müssen, als Warnhinweis mit Blick auf ihre Zukunft im Unternehmen. Die Vorstellung einer Fortbildung ist für wieder andere Mühe, Ermüdung und großer Kraftaufwand. Das ist nicht besonders reizvoll. Beide Personenkreise befinden sich in der Abwehrhaltung. Wie steht es also um die Weiterbildung in der Corona-Zeit und bietet sie „Futter“ fürs Gehirn und die Seele?

Finanzkrise und Parallelen

In der Finanzkrise konnten wir beobachten, dass viele Mitarbeitende selbst in ihre Weiterbildung investiert haben, um als Arbeitskraft wertvoll zu bleiben. Dieses Engagement ist auch heute zu beobachten. Auf der Führungsetage erscheint mir allerdings das persönliche Engagement zur Weiterbildung und zum Wachsen eher mit Blick auf die eigenen beruflichen Möglichkeiten motiviert zu sein. Der Fokus ist auf die Person selbst gerichtet, nicht zwingend auf die Tätigkeit im derzeitigen Unternehmen.

Eine repräsentative Umfrage der Forsa Gesellschaft für Sozialforschung aus dem Jahr 2007 – also zu Beginn der Finanzkrise – im Auftrag des Fernlerninstituts ILS (Institut für Lernsysteme) hat gezeigt, dass jede:r dritte Mitarbeitende verstärkt über eine berufliche Weiterbildung nachdachte. In der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren war es sogar fast jede:r zweite.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass Weiterbildung auch unter Corona-Bedingungen bei Angestellten beliebt ist:

„Für fast die Hälfte der rund 1.000 Befragten (46 Prozent) ist die berufliche Weiterbildung sehr wichtig, für weitere 32 Prozent wichtig. Nur zwölf Prozent erachten sie als weniger wichtig und immerhin noch zehn Prozent halten Weiterbildung in ihrem Beruf für unwichtig.

Darüber hinaus hat eine aktuelle Studie vom Institut der deutschen Wirtschaft gezeigt, dass Mitarbeitende von kleinen Unternehmen sogar bereit sind, sich in ihrer Freizeit fortzubilden und zwar mit einem Zeitanteil von 40 Prozent.“

Wir sehen also, dass Weiterbildung auch in Krisenzeiten überwiegend beliebt und begehrt ist und die Mitarbeitenden aktiv daran mitwirken sich fortzubilden, um für die Arbeitsanforderungen der nahen Zukunft gerüstet zu sein.

Die Sicht der Unternehmen

Für die Unternehmen ist es nicht leicht abzuwägen, ob eine Investition in die Mitarbeitenden in Krisenzeiten sinnvoll oder die Zukunft so ungewiss ist, dass eine Weiterbildung womöglich eine Fehlinvestition wäre. Ist sich die Führung überhaupt schon im Klaren darüber, wohin die Zukunftsreise geht und welche Skills benötigt werden? Zudem stellt sich die Frage, ob gesichert ist, dass wenn eine Mannschaft die gewünschten und benötigten Skills erlernt und vertieft hat, automatisch den so dringend notwendigen Turnaround liefern kann oder ob es der verkehrte Zeitpunkt für Weiterbildung und folglich rausgeworfenes Geld ist? Das sind unter anderem die Abwägungen der Unternehmen.

Viele Firmen zeigen sich in der Krise weitsichtig. Sie geben Mittel frei trotz finanzieller Engpässe, recherchieren und bemühen sich um Fördermittel und Steuererleichterungen. Mit ihrem Angebot zur Weiterbildung rüsten sie sich für schnell wachsende und umfangreiche Anforderungen der nahen Zukunft. Sie wollen ihre Mitarbeitenden und Führungskräfte motivieren, wertschätzen und bei der Stange halten. Der Fachkräftemangel ist groß und eine hohe Fluktuation ist eine große Bedrohung für das Unternehmen. Es sind also in vielerlei Hinsicht gut investierte Mittel. Möglicherweise trägt Weiterbildung sogar zur Krisenbewältigung bei?

In gewisser Weise tut es das, denn „Futter“ fürs Gehirn lenkt von Sorgen und Nöten ab und wendet die Gedanken hin zu positiven Aspekten. Menschen zum Beispiel in Kurzarbeit haben oftmals zu viel Zeit, über reelle Ängste und Nöte nachzudenken. Es mangelt an Ablenkung durch und an Austausch mit Kolleg:innen. Nutzen die betroffenen Mitarbeitenden jedoch die Zeit zu Hause sinnvoll, bleiben neugierig, um Wissen zu erlangen und sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln, kommen sie in die Produktivität und lenken damit ihre Gedanken in eine positive Richtung. Ein gutes Gefühl stellt sich ein, etwas Sinn- und Wertvolles zu tun.

Es ist also ein Mosaikstein in der Krisenbewältigung und die Vorteile liegen auf der Hand. Allerdings ist nicht zu verkennen, dass Online-Weiterbildung im Homeoffice die Teilnehmenden dahingehend herausfordert, strukturiert arbeiten zu können und Lerninhalte selbst erschließen zu müssen. Das fällt nicht allen leicht, denn Motivation und Disziplin sind in einer Gemeinschaft einfach stärker. Unterschiedliche Studien haben leider gezeigt, dass die Abbruchquote bei Online-Weiterbildungen hoch ist. Die Betroffenen gaben als Grund dafür mangelnden Austausch mit anderen und das Gefühl, alleingelassen zu sein, an.

Andere Firmenlenker sind ermattet, deprimiert, zögerlich, überfordert. Die Zukunft ist ungewiss. Die Pandemie hat viele Ressourcen aufgebraucht. Wozu in die Mitarbeitenden investieren, wenn doch unklar ist, ob sie morgen überhaupt noch an Bord sind. Wo ist das Engagement der Mitarbeitenden, den Laden am Leben zu erhalten, beklagt manch Leader. Es wird, oft unausgesprochen, unternehmerisches Denken und Handeln von den Mitarbeitenden erwartet. Das ist ein unrealistischer Anspruch seitens der Firmenführung, es sei denn, die Unternehmenskultur einerseits bietet einen Rahmen dafür und andererseits die Mitarbeitenden werden zu dieser Denke geschult und entwickelt.

Aus dem Blick der Mitarbeitenden

Wie uns Studien zeigen, befürwortet der überwiegende Teil der Mitarbeitenden nicht nur das Angebot an Weiterbildung, sondern geht das Thema eigeninitiativ an. Diese Gruppe fühlt sich wertgeschätzt und motiviert und rüstet sich aktiv für die Zukunft. Energie wird freigesetzt und Perspektiven tauchen vor dem inneren Auge auf. Die positive innere Haltung und die Lernbereitschaft helfen durch Krisen hindurch.

Manch ein Mitarbeitender empfindet ein Weiterbildungsangebot hingegen als Zeichen dafür, dass er oder sie nicht genügt und sich verbessern müsste. Sie/Er empfindet es als mühsam, zu den ohnehin schon großen Anforderungen und psychischen Belastungen auch noch die Kraft aufbringen zu müssen, neuen Stoff lernen zu sollen. Wozu sich anstrengen, wenn Mitarbeitende abgebaut werden, das Unternehmen keine erkennbare Perspektive bietet oder möglicherweise die Firma morgen nicht mehr existent ist, fragt sich so mancher. Wie wir gesehen haben, halten 22 Prozent der Befragten der Forsa-Studie Weiterbildung für weniger beziehungsweise für gar nicht wichtig.

Hingegen zeigt die  BeLL-Studie („Benefits of Lifelong Learning“), die in 10 europäischen Ländern durchgeführt wurde: „Fast alle Lernenden bemerkten positive Auswirkungen in ihrem unmittelbaren Umfeld, in Familie, am Arbeitsplatz und anderen sozialen Netzwerken. Lernen, so gaben mehr als 80 Prozent der Befragten in der Studie an, verbessere das allgemeine Wohlbefinden und sorge für mehr Zufriedenheit.“

Fazit

In meinem Blogartikel „Lebenslanges Lernen – die Chance der Zukunft“ habe ich den Buchautor Bernhard Marr zu Wort kommen lassen, der die Expertenaussage des Weltwirtschaftsforums in Davos zitiert: „Innerhalb von nur fünf Jahren werden 35 Prozent der Fähigkeiten, die heute auf dem Arbeitsmarkt als unentbehrlich gelten, obsolet sein“. Weiterbildung ist also nicht nur ein Goody für erfolgreiche Führungskräfte, sondern unumgänglich, um auch morgen auf dem Arbeitsmarkt „mitspielen“ zu können. Zudem macht Fortbildung glücklich, begünstigt den Aufstieg auf der Karriereleiter und hält geistig gesund. Davon profitieren wir sogar im Ruhestand.

Wir haben gesehen, Weiterbildung in Krisenzeiten

  • stärkt die Identifikation mit dem Unternehmen
  • verbessert die Mitarbeiterbindung
  • motiviert und regt geistig an
  • rüstet für die Zukunft und schenkt dadurch Sicherheit

Durch das Weiterbildungsangebot verschaffen sich Unternehmen nicht nur ein positives Image nach innen, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil nach außen. Zum einen gegenüber Unternehmen, die keine Weiterbildung anbieten, zum anderen durch das Signal, Entwicklung zu ermöglichen und Karrierechancen zu bieten.

„Jeder, der aufhört zu lernen, ist alt, mag er zwanzig oder achtzig Jahre zählen. Jeder, der weiterlernt, ist jung, mag er zwanzig oder achtzig Jahre alt sein.“
– Henry Ford –