„Wir brauchen einen bezahlten Vaterschaftsurlaub“

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Acht Jahre lang führte Laurence Parisot den Arbeitgeber­verband Frankreichs. Im Interview erklärt sie, warum sie mit dem Spitznamen „Jeanne d’Arc der Industrie“ ganz gut leben kann und wie sie französischen Männern das Putzen beibringen will.

Frau Parisot, im Alter von fünf Jahren fuhren Sie Wasserski, mit sieben Jahren saßen Sie zum ersten Mal auf einem Motorrad. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie mutiger und ambitionierter als andere Mädchen sind?
So habe ich das noch nie gesehen (lacht). Ich wollte schon als Mädchen lieber Erste als Zweite oder Dritte sein.

Von 2005 bis 2013 waren Sie Präsidentin des größten französischen Arbeitgeberverbandes, MEDEF. Dieser vertritt die Interessen von 750.000 Unternehmen. War es ein Vor- oder Nachteil, als erste Frau an der MEDEF-Spitze zu stehen?
Ohne jeden Zweifel beides. Die erste ­MEDEF-Präsidentin zu sein, war einerseits ein Vorteil, weil es viel Aufmerksamkeit, Neugier und manchmal auch Wohlwollen erzeugte. Es war andererseits aber ein Nachteil, weil die Frauenfeindlichkeit in Frankreich noch sehr ausgeprägt ist. Ich musste viele Hürden überwinden.

Woran machen Sie fest, dass Frankreich frauenfeindlich ist?
Frauenfeindlichkeit ist eine Art Rassismus und somit etwas, das manchmal nur schwer zu erkennen ist. Aber Sie können sie spüren, wenn manche Ihrer Ideen zurückgewiesen werden – und das ohne jede Erklärung, gute Gründe oder Argumente. Und Sie können sie spüren, wenn sich Männer um Sie herum und gegen Sie solidarisieren.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich durchzusetzen?
Indem ich sehr, sehr viel gearbeitet habe. Eine Frau muss sehr viel mehr arbeiten als ein Mann, da sie sich keinen Fehltritt erlauben darf. Einer Frau wird kein Fehler verziehen. Eine zweite Variante sich durchzusetzen, besteht darin, kreativ zu sein. Das gibt einem in schwierigen Situationen einen gewissen Zeitvorsprung.

Von den Medien wurden Sie als „Lara Croft der Reformen“, „Jeanne d’Arc der Industrie“ und als „Eine Frau im Krieg“ bezeichnet. Wie erklären Sie sich diese Namen?
In diesen Bezeichnungen schwingen sowohl ein Stück Wahrheit als auch Übertreibung mit. Wahr ist, dass man, wenn man die Führung einer wichtigen Organisation übernimmt, hartnäckig, entschlossen, überzeugt und überzeugend sein muss. Das ist der positive Aspekt. Der negative Aspekt sieht so aus: Wenn eine Frau Autorität besitzt, sagt man, sie sei autoritär. Wenn ein Mann Autorität besitzt, sagt man, er zeige Führungsstärke. Diese Art von Frauenfeindlichkeit liegt den Namen zugrunde, die mir die Medien gegeben haben. Aber ich freue mich auch, wenn man mich Jeanne d’Arc nennt: Jeanne d’Arc kommt aus Lothringen und das tue ich auch.

Bis heute sind nur 18,5 Prozent der Abgeordneten in der französischen Nationalversammlung Frauen. Bleibt die Politik eine Männerdomäne?
Ja. Sämtliche Machtpositionen sind für Frauen schwer zugänglich. Es gibt allerdings Fortschritte. Das „Gesetz über die Gleichstellung in der Politik“ hat vor allem auf kommunaler Ebene und im Senat das politische Personal stark verändert. In den kommenden Jahren wird außerdem das „Gesetz über die Gleichstellung in Aufsichtsräten börsennotierter Gesellschaften“ seine Früchte tragen. Das ist ein gewaltiger Fortschritt.

Beide Gesetze beinhalten Frauenquoten. Warum befürworten Sie diese?
Wenn wir darauf warten, dass die Dinge sich von allein regeln, riskieren wir, noch 2000 Jahre lang zu warten. Es ist besser, eine Quotenfrau zu sein als eine, die daran gehindert wird, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Sie sind Mitglied im Club „Le Siècle“ (dt.: Das Jahrhundert), der als elitärster seiner Art in Frankreich gilt, und zählten zu den Organisatoren von „Davos der Frauen“. Welche Rolle spielen Netzwerke für Frauen?
Netzwerke spielen eine essentielle Rolle, weil man stets und ständig gegen Bedingungen vorgehen muss, die sich negativ auf Frauen auswirken. Aber es geht dabei nicht um Feminismus. Die eigentliche Herausforderung ist ein ausgewogener Mix der Geschlechter.

In Frankreich sind 84 Prozent der Frauen zwischen 35 und 49 Jahren berufstätig. Nur 30 Prozent arbeiten in Teilzeit. Machen Frauen in Frankreich deshalb häufiger Karriere?
Der Erfolg der französischen Frauen in der Arbeitswelt lässt sich vor allem mit unserem Schulsystem, dem Stellenwert der Vorschule, den Krippen und den sozialen Sicherungssystemen erklären. Das ganze System wurde so konzipiert, dass die französische Frau arbeiten kann und ihre Karriere nicht beenden muss. Vollzeit zu arbeiten ist Standard. Teilzeitarbeit hat in Frankreich keinen hohen Stellenwert.

Frauen haben in Frankreich Recht auf 16 Wochen Mutterschaftsurlaub, Männer auf elf Tage. Eine Elternzeit wie in Deutschland gibt es nicht. Dennoch liegt die Geburtenrate bei 2,0 Kindern pro Frau. Wie passt das zusammen?
Die hohe Geburtenrate in Frankreich ist auf das Vertrauen der Franzosen in die sozialen Sicherungssysteme zurückzuführen. Wenn man Franzosen fragt, was sie für das stärkste Symbol Frankreichs halten, sagen sie: die soziale Absicherung.

Sie fordern einen verpflichtenden Vaterschaftsurlaub. Warum?
Wir bräuchten einen obligatorischen, bezahlten Vaterschaftsurlaub von zwei Monaten. Wenn Sie Arbeitgeber sind und in Ihrem Unternehmen ein junger Mann und eine junge Frau arbeiten, werden Sie viel mehr auf den jungen Mann setzen, weil die junge Frau früher oder später ein Kind bekommen wird und dann erst mal nicht da ist. Der junge Mann dagegen wird präsent sein. Wenn Sie aber einen verpflichtenden Vaterschaftsurlaub einführen, egalisiert sich diese Situation und die junge Frau wird ebenso gute Karrierechancen haben wie der junge Mann.

Aber nur, wenn auch die Frau eine Babypause von höchstens zwei Monaten macht.
Für den Beginn schlage ich eine Elternzeit für Männer von zwei Monaten vor. Vielleicht dehnt man das später auf vier Monate aus. Es gibt noch einen weiteren Vorteil: Wenn ein Mann Elternzeit nimmt, kümmert er sich genauso um Haushalt und Kind wie die Frau. Nimmt ein Mann keine Elternzeit, wie das in Frankreich oft der Fall ist, bleibt der Haushalt an der Frau hängen. Und das bleibt so, solange das Paar zusammen ist.

2009 gab es in Frankreich eine hitzige Debatte über Justizministerin Rachida Dati, die fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter an einer Kabinettssitzung teilnahm. Sie haben die Ministerin verteidigt. Warum?
Jeder muss frei sein, die Dinge zu händeln, wie er sie für richtig hält. Wenn sich die junge Ministerin körperlich in der Lage fühlte, an der Kabinettssitzung teilzunehmen, sehe ich keinen Grund, warum sie es nicht hätte tun sollen. Das sagt doch nichts über ihre Muttergefühle aus.

Kritiker warfen Rachida Dati vor, Mütter mit ihrem Verhalten unter Druck zu setzen.
Damit bin ich nicht einverstanden. Es gibt in unserem System einen Mutterschaftsurlaub, aber jeder sollte damit machen, was er will. Die Ministerin war in der Lage, Mutterschaft und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Ich sehe keinen Grund, ihr diese Möglichkeit zu verwehren.

Sie selbst sind ledig und haben keine Kinder. Stehen Sie unter Rechtfertigungsdruck, wenn Sie zu Themen wie „Vereinbarkeit von Karriere und Familie“ Stellung beziehen?
Ich bin seit Jahren Unternehmerin und habe eine Vielzahl von Konstellationen gesehen: Frauen, die Lust haben zu arbeiten, aber die von ihrer Familie Schuldgefühle eingeredet bekommen; andere, die durch den Mangel an Krippenplätzen eingeschränkt werden; wieder andere, die eine vielversprechende Karriere aufgeben, um ihre Kinder großzuziehen. Um diese Herausforderungen zu erkennen, muss man nicht verheiratet sein!

In Deutschland bleiben viele Frauen ein Jahr nach der Geburt eines Kindes zu Hause. In dieser Zeit bekommen sie das sogenannte Elterngeld. Was halten Sie davon?
Es ist eine rückwärtsgewandte Politik, Frauen zwölf Monate lang nach der Geburt eines Kindes zwei Drittel ihres Gehalts zu zahlen. Das drängt eine junge Frau in eine ausschließliche Mutterrolle. Es befördert nicht die Rückkehr in den Beruf. Im Business entwickeln sich die Dinge in einer phänomenalen Geschwindigkeit weiter. Wenn Sie ein Jahr lang weg sind von Ihrem Arbeitsplatz und Ihrer Firma, verlieren Sie den Anschluss. Ich finde, das passt nicht in die heutige Welt.

In Deutschland wird das Elterngeld als ein Element der Familienpolitik erachtet, auf das man eigentlich stolz sein kann.
Deutschland kann stolz sein, Angela Merkel als Kanzlerin zu haben. Deutschland kann stolz sein auf sein Wirtschaftsmodell und auf seine Fußballmannschaft. Aber Deutschland kann nicht stolz auf sich sein, wenn es um die Gleichstellung von Mann und Frau geht.

Ségolène Royal war 2007 die erste Frau, die es bei einer Präsidentschaftswahl in die Stichwahl schaffte. Sie unterlag Nicolas Sarkozy. Wann ist Frankreich bereit für eine Präsidentin?
Ich hoffe bald. Als Ségolène Royal kandidierte, wünschten sich viele Franzosen mehr Weiblichkeit in der Politik. Leider ist dieser Wunsch heute nicht mehr so stark wie damals.

Es fällt auf, dass Sie sich in den Medien zu diversen politischen Themen äußern, außen- wie innenpolitisch. Streben Sie eine politische Karriere an?
Ja, das ist sehr gut möglich.