Wir brauchen mehr Familienfreundlichkeit

Auch wenn sich manches verbessert hat: Wir müssen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch mehr wagen. Wir benötigen Frauen und Männer sowohl im Beruf als auch zu Hause. Eine aktuelle Studie zeigt, wie mehr Familienfreundlichkeit gelingen kann.

Die Prognosen sind weithin bekannt: Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist seit 2003 rückläufig und es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Bis 2060 wird die Bevölkerung in Deutschland von derzeit knapp 81 Millionen auf etwa 65 bis 70 Millionen Menschen schrumpfen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird – je nach Höhe der Altersgrenze und Umfang der Zuwanderung – von aktuell 49 Millionen auf zwischen 34 und 40 Millionen Menschen sinken. Die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung führen zu einem Anstieg des Altersdurchschnitts.

Beide Effekte – die rückläufige Entwicklung der Bevölkerungszahl in Deutschland und der steigende Altersdurchschnitt – werden massive Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland haben. Denn in Zukunft werden weniger Erwerbstätige die sozialen Sicherungssysteme finanzieren müssen. Zudem ist davon auszugehen, dass sich der Rückgang qualifizierter Fachkräfte negativ auf Wirtschaftswachstum und Innovationsfähigkeit auswirken wird. Eine Möglichkeit gegenzusteuern liegt in einer modernen und leistungsfähigen Familienpolitik. Vergleiche mit anderen westeuropäischen Ländern zeigen, dass sich höhere Geburtenraten weniger durch hohes Kindergeld erreichen lassen, sondern vielmehr durch Investitionen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Partner ermöglichen.

Erfreulicherweise passen hier die wirtschaftliche Notwendigkeit und die persönlichen Wünsche der Menschen in Deutschland gut zusammen. Denn: „Familienfreundlichkeit ist für die überwältigende Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland von großer Bedeutung für ihr persönliches Wohlbefinden“, so ein Ergebnis unserer 361° A.T. Kearney-Familienstudie „Vereinbarkeit wagen!“. Eltern wünschen sich, dass beide Partner in gleichem Umfang erwerbstätig sein können und sich gleichermaßen um Haushalt und Familie kümmern. Männer wünschen sich mehr Zeit für die Familie und legen Wert darauf, die Entwicklung ihrer Kinder von Beginn an aktiv zu begleiten.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist somit das Losungswort der Zukunft. Sie mindert die Gefahr von Geburtenrückgang und Fachkräftemangel und verschafft Unternehmen einen wichtigen Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig räumt sie mit tradierten Rollenbildern auf: Die Frau ist nicht länger nur Mutter am Herd, der Mann nicht länger ausschließlicher Versorger, vielmehr übernehmen beide neben ihrem Beruf zu gleichen und partnerschaftlichen Teilen familiäre Verantwortung.

Doch damit steigt nicht nur die Zufriedenheit von Mann und Frau. Ohne funktionierende Familien gleich welcher Ausprägung ist nicht nur die Wirtschaft, sondern auch der Wohlstand der Bürger in ernster Gefahr. Die Notwendigkeit, Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können, ist dringend. Und unverzichtbar.

Trotz Verbesserungen weiterhin Handlungsbedarf

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sich in Deutschland in den letzten Jahren positiv entwickelt. Unsere Studie zeigt, dass Beschäftigte in Deutschland insgesamt sehr zufrieden mit ihrer persönlichen Vereinbarkeitssituation sind. Immer mehr Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nehmen familienfreundliche Leistungen in Anspruch. Auch die Bewertung der Kommunikation zum Thema Familienfreundlichkeit zeigt einen positiven Trend. Gut die Hälfte aller Befragten findet zudem, dass die Führungskräfte ihres Unternehmens beim Thema Vereinbarkeit mit gutem Beispiel voran gehen. Führungskräfte und direkte Vorgesetzte können durch ihre Vorbildfunktion viel bewegen: Beschäftigte, deren Vorgesetzte Vereinbarkeit vorleben, sind im Vergleich zu den Beschäftigten, die ihren Vorgesetzten keine Vorbildfunktion bescheinigen, deutlich zufriedener mit ihrer Arbeitssituation und empfinden die Vereinbarkeit im Unternehmen als selbstverständlicher. Doch der positive Trend erreicht nicht alle:
•    Frauen bewerten die Entwicklung der Familienfreundlichkeit in den vergangenen zwölf Monaten deutlich schlechter als Männer
•    Paare, bei denen beide Partner Vollzeit arbeiten, sind unzufriedener mit ihrer persönlichen Vereinbarkeitssituation als Paare, bei denen mindestens ein Partner seine Arbeitszeit reduziert hat
•    Klassische Teilzeit ist fast ausschließlich ein Thema für Frauen
•    Eine zufriedenstellende Kinderbetreuung ist in vielen Betrieben nach wie vor ein Manko
•    Gegenüber dem Vorjahr haben mehr Beschäftigte Angst vor beruflichen Nachteilen, falls sie familienfreundliche Leistungen ihrer Firmen in Anspruch nehmen. Dabei sorgen sich Frauen stärker als Männer. Die deutlich gestiegene Präsenzkultur ist eine mögliche Erklärung dafür
•    Eine Tätigkeit in vollzeitnaher Teilzeit, also mit einer Arbeitszeit von 80 bis 90 Prozent einer Vollzeittätigkeit, ist für Männer sowohl in der Gesellschaft als auch in Unternehmen immer noch deutlich weniger akzeptiert als für Frauen

Wege zu mehr Vereinbarkeit

Fest steht: Wir brauchen eine bessere Vereinbarkeit. Denn wir benötigen Männer und Frauen sowohl im Beruf als auch zu Hause, um sich um Kinder und pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Daran führt überhaupt kein Weg vorbei. Die Frage ist nur – wie schaffen wir die Vereinbarkeit?

Drei Faktoren sind relevant dafür: Zeit, Geld und Infrastruktur. Für Letzteren ist die Politik verantwortlich: hier gibt es den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr. Doch was ist mit der Betreuung der Kinder im schulpflichtigen Alter? Der Anteil der Schüler, die am Ganztagsunterricht teilnehmen, hat sich zwar erhöht, lag aber im Schuljahr 2012/13 immer noch erst bei einem Drittel. Deutschland befindet sich heute mit seinem Schulsystem, das noch stark auf Halbtagsschulen setzt, im internationalen Vergleich in einer Sonderrolle. In Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und den USA zum Beispiel sind Ganztagsschulen so verbreitet, dass es dafür keinen eigenen Begriff gibt. Dort bedeutet Schule ganz selbstverständlich, dass Schüler auch am Nachmittag betreut werden. Das verbessert die Planbarkeit ihres Arbeitslebens für Eltern. Die Betreuungslücke unseres deutschen Schulsystems ist für Eltern ein Hinderungsgrund, mehr Stunden zu arbeiten.

Die verfügbare Infrastruktur beeinflusst somit auch den Aspekt Zeit. Zeit bedeutet vor allem Flexibilität in der Gestaltung der Arbeitszeit. Wir haben junge Väter in deutschen Unternehmen befragt. Sie glauben, dass Vereinbarkeit kein Wunschtraum sein muss, sondern funktioniert – vorausgesetzt, sie werden dabei unterstützt. So sagen 83 Prozent der Befragten, dass sich eine Tätigkeit in vollzeitnaher Teilzeit positiv auf ihre persönliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie auswirken würde. Doch leider ist eine reduzierte Arbeitszeit auf etwa 80 bis 90 Prozent noch nicht ausreichend akzeptiert, so dass Männer berufliche Nachteile befürchten, würden sie in dieses Arbeitszeitmodell wechseln.

Das Thema „Familienarbeitszeit“ ist ein guter Weg, um durch staatliche finanzielle Anreize einen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Das neu eingeführte ElterngeldPlus-Gesetz ist hierzu ein richtiger erster Schritt. Ergänzend kommen die Unternehmen ins Spiel, denn der für mehr Akzeptanz von vollzeitnaher Teilzeit notwendige Kulturwandel muss genau dort vorangetrieben werden. Lebensphasenorientiertes Arbeiten muss durch Langzeitarbeitskonten möglich sein. Elternzeit sollte als ein fester Karrierebaustein akzeptiert und kein Karrierehindernis sein.

Begünstigende Faktoren

Und das Geld? Deutschland gibt etwa 200 Milliarden Euro für Familienpolitik aus. Mehr als 160 verschiedene Maßnahmen werden für Familien bezahlt. Es geht also nicht um noch mehr Geld, sondern darum, die Mittel sinnvoll einzusetzen. Es kann nicht sein, dass wir auf der einen Seite mit dem ElterngeldPlus-Gesetz Anreize schaffen, damit Mütter schnell wieder ins Berufsleben zurückkehren und sich Eltern ihre Arbeitszeit partnerschaftlich aufteilen – wir aber gleichzeitig mit dem Betreuungsgeld Mütter dazu ermuntern, zu Hause zu bleiben. Ebenso müssen wir das Ehegattensplitting so verändern, dass nicht mehr das Alleinverdienermodell begünstigt wird, sondern eine partnerschaftliche Arbeitsaufteilung.

Unsere Studie macht deutlich, wodurch sich familienfreundliche Unternehmen von weniger familienfreundlichen Unternehmen unterscheiden. Dabei zeigt sich, dass in familienfreundlichen Unternehmen folgende Faktoren besonders ausgeprägt sind:
•    Führungskräfte sind Vorbilder
•    Beschäftigte haben ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihren Vorgesetzten
•    Vorgesetzte interessieren sich für Beschäftigte als Menschen
•    Es gibt eine hohe Passgenauigkeit der Angebote für Beschäftigte mit Kindern
•    Es gibt eine hohe Passgenauigkeit der Angebote für Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen
•    Ansprechpartner zum Thema Vereinbarkeit sind den Beschäftigten bekannt
•    Prozesse zur Inanspruchnahme von familienfreundlichen Leistungen sind den Beschäftigten bekannt
•    Mitarbeiter müssen seltener außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sein.

Unternehmen haben einen sehr großen Einfluss auf die tatsächliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie, müssen ihre Rolle allerdings noch stärker ausfüllen, vor allem in punkto Unternehmenskultur. Familienfreundlichkeit sollte von der Unternehmensführung als strategisches Instrument festgelegt werden, um Fachkräfte zu sichern und die Mitarbeitermotivation zu erhöhen. In der Phase des Wandels in der Unternehmenskultur unterstreichen positive Beispiele auf Führungsebene die Glaubwürdigkeit. Um Berührungsängste auf allen Ebenen abzubauen, helfen Testphasen für Mitarbeiter und Vorgesetzte, zum Beispiel für befristete vollzeitnahe Teilzeitlösungen. Vereinbarkeit lohnt sich für die Unternehmen. Denn in familienfreundlichen Unternehmen …
•    … sind 86 Prozent der Beschäftigten sehr zufrieden mit ihrer Arbeitssituation (versus 37 Prozent in Unternehmen, in denen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie keine Selbstverständlichkeit ist)
•    … sind 83 Prozent der Beschäftigten mit der persönlichen Regelung, Beruf und Familie zu vereinbaren, voll und ganz zufrieden.
•    … werden 84 Prozent der Beschäftigten in den kommenden Jahren nicht aus eigenem Antrieb den Arbeitgeber wechseln (versus 68 Prozent in weniger familienfreundlichen Unternehmen)
•    … würden 80 Prozent der Beschäftigten ihr Unternehmen als Arbeitgeber uneingeschränkt weiterempfehlen (versus 35 Prozent in Unternehmen, in denen Familienfreundlichkeit keine große Rolle spielt)

Somit müssen wir alle „Vereinbarkeit wagen!“, für Menschen in Deutschland, die sich zu recht beides wünschen: Erfolg im Beruf und ein erfülltes Privatleben, und vor allem für die, die wir am meisten brauchen: unsere Kinder.

Die Studie

A.T. Kearney setzt sich seit Anfang 2011 mit der Initiative „361° – Die Neu-Erfindung der Familie“ für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. Um zu messen, was sich tatsächlich beim Thema Familienfreundlichkeit tut, hat A.T. Kearney bereits zum dritten Mal eine repräsentative Befragung von Arbeitnehmern zu den Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrem Unternehmen durchgeführt. In der Telefonbefragung im Februar 2015 haben 1.013 Beschäftigte im Alter von 18 bis 67 Jahren ausführlich Stellung zu diesem Thema genommen. Die Ergebnisse sind in der aktuellen 361° A.T. Kearney-Familienstudie „Vereinbarkeit wagen!“ zusammengefasst. Mehr zur Initiative 361° finden Sie unter hier.