„Wir sehen Demografie als Topthema“

Das Beratungsunternehmen Kienbaum gründet ein wissenschaftliches Institut, das sich vor allem Zukunftsthemen widmen soll. Leiten wird es Walter Jochmann, Geschäftsführer von Kienbaum Managment Consultants. Ein Gespräch über Demografie, Innovation und Wandel.

Herr Jochmann, Kienbaum gründet aktuell ein neues Institut, das unter anderem einen Fokus auf Führung legt. Ist dies für Sie ein HR-Thema, das mehr Beachtung finden müsste?
Um zu beschreiben, worauf es uns dabei ankommt, passt der Begriff Leadership ziemlich gut. Denn es geht dabei auf der einen Seite um Aspekte wie Führungsverhalten und Führungseinstellungen und auf der anderen Seite um Managerqualitäten. Das heißt, es ist zu wenig, nur den menschelnden Prozess, also die Beziehung zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter, zu betrachten. Es sollte mehr um die Aufstellung von Teams oder die zukunftsorientierte Sicherstellung der Schlüsselfunktionen gehen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Denn Führung ist sehr viel mehr als nur der operative Auseinandersetzungsprozess in der direkten Linie.

Ihre Beispiele wie die zukunftsorientierte Sicherstellung der Schlüsselfunktionen gehen auch sehr in Richtung Demografie.
Ja, denn Umfragen zeigen, dass viele CEOs die Themen Demografie und technologischer Wandel – je nach Weltregion und Altersstruktur der dortigen Bevölkerung – unterschiedlich stark als absolutes Topthema sehen. Wir sehen Demografie als Topthema. Weil es die Verfügbarkeit von talentierten Arbeitnehmern eingrenzt, man den Bedarf aber trotzdem mit dem Angebot zusammenbringen muss. Von daher sind es gegebene Rahmenbedingungen, dass sich Unternehmen um gute Talente bewerben müssen und dass Führungskräfte daran gemessen werden, dass sie von ihren Mitarbeitern gewählt werden würden. Und wahrscheinlich werden sie das zukünftig sogar. Die Demografie beziehungsweise das Ringen um Arbeitnehmer wird uns sicherlich in den nächsten dreißig Jahren begleiten, wenn nicht länger.

Und in diese Diskussion will sich Kienbaum mit dem Institut für Leadership und Transformation vermehrt einbringen?
Das Institut hat zwei Ziele. Zum einen soll es den Innovationsprozess der gesamten Kienbaumgruppe forcieren. Das betrifft dann alle beratungsnahen Leistungen, bei denen uns eben unter anderem der Umgang mit der Demografie momentan sehr stark beschäftigt, beispielsweise die daraus resultierenden notwendigen Personalplanungs- und Kompetenzplanungssysteme. Auch Leistungsfähigkeit, Gesundheitsmanagement und Elder Workforce sind hier Stichworte.
Das zweite Ziel ist grundsätzlicher: Wir werden uns stärker mit gesellschaftlichen Fragestellungen beschäftigen, die die Personalarbeit betreffen. Natürlich sind da der Technologiewandel und dessen Auswirkungen auf die Belegschaften ein Thema. Und da soll es nicht nur um Social Media gehen, das wäre zu kurz gegriffen. Wir werden uns auf jeden Fall auch mit Big Data befassen und der aktuell immer noch unbefriedigenden strategischen und operativen Datenlage in den Unternehmen. Weitere Themen werden wir dann definieren, wenn wir die Arbeit aufgenommen haben. Was voraussichtlich im April der Fall sein wird.

Das Institut soll wissenschaftlich arbeiten, aktuell sind Sie im Auswahlprozess für eine private Hochschule als Kooperationspartner. Fehlte diese Perspektive bisher bei Kienbaum?
Wir hatten immer schon Hochschulkooperationen. Aber der Innovationsprozess bei Kienbaum ist bisher aus den Geschäftsbereichen heraus gekommen. Zukünftig brauchen wir aber, um im internationalen Beraterwettbewerb mithalten zu können, nicht nur wettbewerbsfähige sondern auch wettbewerbsführende Antworten. Die können wir alleine aus der Beratungspraxis mit den dort zur Verfügung stehenden Kapazitäten aus unserer Sicht nicht zufriedenstellend entwickeln. Mit der Bündelung von universitären Ressourcen und den Kienbaumressourcen können wir das eher bewerkstelligen.

Sie werden das Institut leiten. Was bedeutet dieser Aufgabenwechsel für Sie persönlich?
Es ist ja nur ein gradueller Wechsel. Ich bin weiter in zentralen Gremien der Gruppe, gerade in den strategischen, tätig. Und ich bin ja auch Gesellschafter der Gruppe. Ich fokussiere mich nur stärker auf Schlüsselprojekte und –kunden, auf Aspekte wie Innovation und Marketing. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichem Partner stehe ich für die Positionierung des Instituts. Das heißt, dass ich mich zwar wissenschaftlich stärker betätigen werde, aber das ist nicht die Kernaufgabe, auch wenn ich dafür dann mehr Raum habe. Aber für die Grundlagenforschung ist die Hochschule zuständig.