Der Zeigarnik-Effekt: wie man ihn sinnvoll nutzt

30.09.2019  |  Senta Gekeler
Wer den Zeigarnik-Effekt richtig nutzt, arbeitet produktiver und hat einen freien Kopf.
© gettyimages / cyano66

Unerledigte Aufgaben bleiben im Gedächtnis; das hat Vor- und Nachteile. Wer den Zeigarnik-Effekt versteht, kann ihn nutzen, um produktiver zu arbeiten.

Nach dem Dunning-Kruger-Effekt und seinen prominenten Beispielen wird es mal wieder Zeit, ein psychologisches Phänomen aus dem (Arbeits-)Alltag unter die Lupe zu nehmen. Heute geht es darum, wie man den Zeigarnik-Effekt nutzen kann, um produktiver zu arbeiten und zudem die Freizeit dank freiem Kopf noch mehr genießen zu können.

Was ist der Zeigarnik-Effekt?

Der Zeigarnik-Effekt besagt, dass Menschen sich an nicht beendete Aufgaben eher erinnern als an abgeschlossene Aufgaben. Der Name geht zurück auf die russische Psychologin Bljuma Wulfowna Zeigarnik, die das Phänomen Mitte der 1920er Jahre bei einem Kellner in einem Café beobachtete. Ihr war aufgefallen, dass der Kellner sich die Bestellungen der verschiedenen Gäste im Kopf merken konnte. Sobald er allerdings die gewünschten Speisen und Getränke an den richtigen Tisch gebracht hatte, konnte er sich bereits wenige Minuten später nicht mehr daran erinnern, wer was bestellt hatte. Er erinnerte sich demnach nur an Bestellungen, die er noch nicht abgeschlossen hatte.

+++Sie bekommen von HR nicht genug? (heart) Dann melden Sie sich jetzt für unsere Newsletter an. Hier geht es zur Anmeldung!+++

Zeigarnik untersuchte das Phänomen 1927 in einem Experiment an der Berliner Humboldt-Universität. Sie stellte 164 Probanden verschiedene Aufgaben, zum Beispiel, etwas zu zeichnen oder zu basteln. Manche Aufgaben durften sie beenden, bei anderen unterbrach die Psychologin sie währenddessen. Und tatsächlich: In der anschließenden Befragung konnten sich die Probanden deutlich besser an die Aufgaben erinnern, die sie nicht abgeschlossen hatten. Daraus schlussfolgerte Zeigarnik, dass das Gehirn für bevorstehende Aufgaben eine gewisse Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt, die es wieder abbaut, sobald die Aufgabe vollendet ist und keine weitere Handlung mehr erfordert.

Ein zweischneidiges Schwert

Auch wenn der Effekt in der weiteren Forschung oft nicht replizierbar war und deshalb unter Wissenschaftlern umstritten ist, erscheint das Grundprinzip einleuchtend. Zudem kann man sich daraus den ein oder anderen Workhack ableiten. Das Beispiel mit dem Kellner zeigt: Der Zeigarnik-Effekt kann durchaus sinnvoll sein. Unabgeschlossene Aufgaben wollen schließlich beendet werden, deshalb ist es gut, wenn man sich an sie erinnert.

Allerdings kann, gerade im Büroalltag, genau das zum Verhängnis werden. Denn aus verschiedenen Gründen schafft man es häufig nicht, alle Aufgaben vor Feierabend abzuschließen. Der Zeigarnik-Effekt führt dann dazu, dass einem auch in der Freizeit noch durch den Kopf geht, welche E-Mails und Telefonate man noch führen muss und welche Projekte noch offen sind. Das ist nicht nur lästig, sondern kann auch zu chronischem Stress oder Schlafproblemen führen und damit im schlimmsten Fall sogar gesundheitsschädlich sein.

Trotz unerledigter Arbeit abschalten können

Glücklicherweise ist man dagegen nicht komplett machtlos, denn man kann das Gehirn auch austricksen. Dabei hilft eine gut organisierte To-do-Liste. Auf diese schreiben Sie alle nicht abgeschlossenen Aufgaben, also: was genau zu tun ist und wann Sie es erledigen werden. Egal, ob Sie sich dabei Stift und Papier bedienen oder auf Apps wie Asana oder Wunderlist zurückgreifen: Damit sind die unvollendeten Aufgaben für das Gehirn fürs erste „verarztet“ und Sie können den Feierabend, das Wochenende oder den Urlaub genießen, ohne ständig daran denken zu müssen. Indem man die Aufgaben auf eine To-do-Liste auslagert hat, hat man sie gefühlt zumindest vorübergehend abgeschlossen, bis man sich wieder bewusst dransetzt.

Die Hemingway-Methode: Schnell zurück in die Arbeit finden

Auch umgekehrt kann man den Zeigarnik-Effekt nutzen, wie es beispielsweise der Schriftsteller Ernest Hemingway getan hat. Sein Trick war es, seine Arbeit immer bewusst an einer Stelle zu unterbrechen, an der er theoretisch auch noch hätte weitermachen können, um am nächsten Tag möglichst schnell wieder hineinzufinden. Auch wenn nicht bekannt ist, ob Hemingway den Zeigarnik-Effekt kannte, hat er ihn sich damit zunutze gemacht. Da unterbrochene Aufgaben im Gedächtnis bleiben, ist man nach einer Pause auch motivierter, direkt weiterzuarbeiten – und weiß im Idealfall sofort, was genau gerade zu tun ist.