Zurück in die Lehre

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Eigentlich war sie glücklich als Diversity Managerin bei der Otto Group. Doch dann kam der Ruf der Bremer Hochschule – sie musste einfach zusagen. Leena Pundt ist mit ihren 32 Jahren deutschlandweit eine der jüngsten HR-Professorinnen.

Da war die Überraschung unter Leena Pundts Kollegen 2012 sicherlich groß. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren Diversity Managerin Konzern Personal der Otto Group, hatte die Senior Experts Consultancy ins Leben gerufen, ein konzernweites Diversity Controlling und internes Frauennetzwerk mitkonzipiert. Doch dann sagte die damals Dreißigjährige ihren verdutzten Kollegen, dass sie ein Kind erwarte – und daher mitten in einem aufwändigen Veränderungsprozess für einige Zeit ausfallen würde. „Auf Verwunderung folgte natürlich Freude“, sagt Leena Pundt rückblickend.

Angefangen hatte sie 2011 als Beraterin für Projekte, ihre Position wurde einige Wochen später in Diversity Managerin umbenannt. Pundt sprach mit den Unternehmen der Gruppe, stellte ihre Konzepte vor, vernetzte sich mit der Unternehmenskommunikation und der Personalentwicklung. Naturgemäß reagierten Firmen und Abteilungen unterschiedlich auf ihre Vorschläge. „Sie können niemanden zum Jagen tragen“, erinnert sich Pundt an die Widerstände in ihrer Anfangszeit. „Wenn jemand noch nicht bereit ist, sich mit Vielfalt auseinanderzusetzen, dann hat er andere Prioritäten. Das habe ich natürlich respektiert.“ Sie arbeitete also mit jenen zusammen, die sich aus eigenem Antrieb verändern wollten. „Ich suche mir generell immer eine Umgebung, die etwas bewegen will“, sagt sie.

Angestoßen wurde der Change vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Winfried Zimmermann. Er fragte sich, wie die weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe dem demografischen Wandel begegnen könne. Eine nachhaltige Personalstrategie, die strukturiert alle Diversity-Aktivitäten bündelt, war das Ziel. Sie sollte Frauen in Führungspositionen bringen, Fachkräfte aus dem Ausland einbinden, Potenziale von Älteren wertschätzen. „Ich kann das gut“, sagte Leena Pundt bei der Bewerbung auf die neu geschaffene Stabsstelle. Anfangs arbeitete sie noch zwei Tage die Woche als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Lüneburg, drei Tage bei der Otto-Group. An den Wochenenden begab sie sich in die textlichen Tiefen ihrer Dissertation, die Forschungsphase war bereits abgeschlossen.

Mit der Expertise präsent bleiben

Als sie 2013 in Elternzeit ging, hieß das jedoch nicht, dass ihre Kollegen auf ihren Rat verzichten mussten. „Ich zeigte Präsenz, um meiner damaligen Chefin zu signalisieren, wie sehr mir die Themen am Herzen liegen. Ich habe nicht nur gesagt, dass ich wiederkommen möchte, sondern es auch gezeigt.“ Ihre Chefin war Sandra Widmaier, Direktorin Konzern Personal. Sie trieb das Thema Diversity maßgeblich voran. Leena Pundt war für sie und die Kollegen erreichbar, ging zur Diversity Konferenz, die sie mitkonzipiert hatte, und spielte auch in einem internen Informationsfilm über die Diversity-Projekte mit. Das Unternehmen profitierte also von ihrer Expertise, obwohl sie nicht vor Ort sein konnte.

Dass Expertise in Unternehmen bestehen bleibt, auch wenn Mitarbeiter es verlassen, ist etwas, das Leena Pundt bereits seit einigen Jahren beschäftigt. Sie schrieb ihre Diplomarbeit über Silver Workers und forschte in ihrer Promotion tiefergehend über Menschen, die über das Rentenalter hinaus arbeiten wollen. Es gebe so viel Potenzial, das ungenutzt bleibe, sagt Pundt mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen wie dem demografischen Wandel. Das war auch der Grund, weshalb sie zur Otto Group ging. „Ich wollte unbedingt umsetzen, was ich in meinen Forschungsarbeiten immer empfahl.“

Und sie merkte schnell, es schreibt sich leicht, dass Unternehmen eine Kultur entwickeln sollen, in der ältere Arbeitnehmer mehr wertgeschätzt werden. In der Realität ist dies ein langwieriger Prozess, der so ziemlich alles einbezieht, was zur Unternehmensidentität gehört. „Da gibt es keinen Quick Win, das dauert“, sagt Pundt und lacht. Denn sie freut sich darüber, dass sie es dennoch geschafft hat. Diversity Management ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur bei der Otto Group.

Dass sich die Unternehmensgruppe langfristig mit Vielfalt beschäftigt, liegt beispielsweise an dem System, das Pundt mit der Leiterin des HR Controlling entwickelte. Jedes Jahr werden Diversity-Ziele mit den verschiedenen Firmen vereinbart und kontrolliert. Für die Fokusgruppe Silver Workers baute sie – die Bosch Management Support GmbH als Vorbild – die Senior Experts Consultancy mit auf. Sie ermöglicht Mitarbeitern, die in den Ruhestand gegangen sind, dem Unternehmen ihre Expertise projektweise noch zur Verfügung zu stellen. Eine Win-win-Situation, sagt Leena Pundt. Denn so könnten ohne Zusatzkosten Fachkräfte-Engpässe ausgeglichen werden.

In Hamburg sagt man Tschüss

Als sie 2014 nach zehn Monaten aus der Elternzeit kam, fühlte es sich für sie bereits nach einer Stunde so an, als wäre sie nie weg gewesen. Wenige Monate später wurde sie zur Abteilungsleiterin Diversity Management befördert. Das bedeutete: Neue Aufgaben und ein neues Team. Es gab viel zu tun.

Heute jedoch sitzt Pundt nicht mehr in Hamburg, sondern in Bremen und ist an der dortigen Hochschule die aktuell jüngste Professorin für Personalmanagement. „Wenn ich meinen Studenten Unternehmensbeispiele nenne und auch von der Otto Group spreche, sage ich immer noch ‚wir‘“, erzählt sie. Dann würden alle lachen. Sie denkt oft an ihren alten Arbeitgeber, dort hätte sie noch viel bewegen können. Die Freiheit und Autonomie, die ihr die Lehre nun bietet, lockten jedoch mehr. „Zum Abschied haben alle Kollegen für mich ‚In Hamburg sagt man Tschüss‘ gesungen, und ich habe geheult. Aber ich habe mich auch sehr auf meine neue Stelle gefreut.“ Schließlich konnte sie zu ihrem Mann ziehen, der in Bremen als Schiffbauingenieur arbeitete.

Ein unauffälliges Schreiben verändert alles

Mit dem Ruf der Hochschule hatte Pundt überhaupt nicht gerechnet. Als ihr Doktorvater sie 2013 auf die Stellenausschreibung aufmerksam machte, winkte sie vorerst ab. Das sei nichts, sie sei sehr zufrieden und wolle ja unbedingt zur Otto Group zurückkehren. Ihr Sohn war damals drei Wochen alt. Freunde wunderten sich über diesen Entschluss, rieten ihr, sich unbedingt zu bewerben. „Ich hatte eine Professur in Erwägung gezogen, aber erst mit Mitte Vierzig“, sagt Pundt. „Damals dachte ich: Gut versuchst du es, dann weißt du für später, wie ein Berufungsverfahren abläuft.“

Der Berufungsprozess dauert, wenn es schnell geht, anderthalb Jahre. Und so war es auch: Als sie 2014 aus einem zweiwöchigen Sommerurlaub kam, lag ein unauffälliges Schreiben im Briefkasten. Darin teilte ihr die Bildungssenatorin des Landes Bremen mit, dass sie sie als Professorin an die Hochschule rufe – als Beamtin auf Lebenszeit. „Ich bin wirklich aus den Latschen gekippt.“ Sie wusste, dass dies eine einmalige Chance war. Heute fühlt sie sich an der Hochschule bereits wie zu Hause. Auch wenn es eine arbeitsreiche Zeit für sie ist: „Ich erlebe gerade wieder einen Kulturwandel – von Konzernstrukturen in den Hochschulbetrieb. Und die 20 Semesterwochenstunden müssen auch erst einmal vorbereitet werden.“ Leena Pundt gibt in den betriebswirtschaftlichen Studiengängen vier Veranstaltungen zu Personalmanagement, Organisationsentwicklung und Crosscultural Communications. Einige Stimmen aus ihrem Umfeld sorgten sich, dass die Stelle nicht recht passe, weil es kein reiner HR-Studiengang sei. „Das ist doch gerade das Schöne“, sagt Pundt dazu. „Die Leute, die hier herauskommen, gehen als internationale BWLer in alle möglichen Unternehmensbereiche. Wenn sie verstanden haben, was nachhaltige Personalpolitik bedeutet, sind wir doch bestens aufgestellt in Unternehmenswelt und Gesellschaft.“

Ein Coach für die Studenten

Ihren Studenten sagt sie: Nehmt euch in diesen hektischen Jahren die Zeit, herauszufinden, was ihr wirklich machen wollt. „Da kommt der Coach in mir durch“, sagt Pundt und lacht. In ihrer Elternzeit hat sie eine einjährige HR-Business-Coach-Ausbildung absolviert. Dort lernte sie, wie man dem Coachee durch Fragen beibringen kann, selbst Antworten zu finden. Momentan bekommt jedoch sie die Fragen gestellt. „Meine Studenten fragen so ganz anders als Menschen aus Unternehmen“, sagt Pundt. „Sie fragen so klar und unverbraucht, sind richtig neugierig. Da wird nicht auf Mikropolitik geachtet. Während im Konzern nach dem größtmöglichem Roll-out und den Kosten gefragt wird, wollen meine Studenten die optimale Lösung für den einzelnen Mitarbeiter finden. Da blühe ich auf.“ Wie sie ihre akademische Laufbahn beginnt, darüber musste Pundt nicht lange nachdenken. Selbstbewusst konterte sie auch die Appelle ihrer Eltern: „Kind, mit dem Abitur, dir stehen doch alle Türen offen, was willst du denn an einer Fachhochschule?“ Leena Pundt insistierte damals „Nö, das ist genau das, was ich machen will, also mache ich das.“

Sie entschied sich bewusst für eine Fachhochschule, um dort Wirtschaftspsychologie zu studieren, denn sie wollte ihr Wissen immer auch direkt anwenden. Heute blicken ihre Eltern amüsiert auf ihre fruchtlosen Einwürfe von damals zurück. Ihre Eltern, ihre Familie, ihre Vorgesetzten – ­sie alle gaben ihr Freiraum und Verantwortung. „Das mag ich beides sehr, damit kann ich etwas anfangen.“

„Nun ist es 16 Uhr, ich muss dringend nach Hause“, beendet sie gutgelaunt das Gespäch. Es ist ihr Hochzeitstag, und nach einigen Wochen Nachtschicht wegen der Vorlesungsvorbereitungen wartet ihre Familie an diesem Freitagnachmittag bereits auf sie.