Zwei Frauen, eine Berufung

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Carola Garbe (l.) und Catherine-Marie Koffnit, Foto: DB Netz AG
Carola Garbe (l.) und Catherine-Marie Koffnit, Foto: DB Netz AG

Jobsharing wird als Tool zur Flexibilisierung immer beliebter. Es jedoch umzusetzen, ist mitunter kompliziert, wenn nicht planvoll vorgegangen wird. Besonders im Top Management ist das wichtig. Ein erfolgreiches Beispiel ist im HR Management der DB Netz AG zu finden.

Es gibt Phasen im Leben, in denen private Situation und Berufswelt nicht mehr idealtypisch zueinanderpassen. Dies ist die Geburtsstunde für neue, kreative Strukturen, die es im Zeitalter des Arbeiten 4.0 ermöglichen, Beruf und Biografie in jeder Lebensphase individuell zu gestalten und zugleich einen zukunftsorientierten Mehrwert für das Unternehmen zu generieren. Diese Arbeitsmodelle sind bei der Deutschen Bahn seit Längerem fester Bestandteil im beruflichen Alltag. Konkrete Anwendungsbeispiele wie Teilzeit, Sabbatical oder Jobsharing finden sich bereits vermehrt auf Mitarbeiterebene und im mittlerem Management wieder. Auf Niveau der Top-Führungskräfte hingegen sind kreative Jobsharing-Ansätze bis dato eher rar.

Wir, Carola Garbe (54) und Catherine-Marie Koffnit (43), sind Führungskräfte bei der DB Netz AG und wagen das Experiment. Seit März 2018 verantworten wir zunächst befristet für ein Jahr, gemeinsam die Leitung des HR Managements im Regionalbereich Ost der DB Netz AG. Wir tragen als Duo die Verantwortung für 4.900 Mitarbeiter, Auszubildende und Studenten, sechs  zugeordnete HR-Leiter sowie die operativen Expertenthemen Personalcontrolling, Führungskräfteentwicklung, Beschäftigungsbedingungen, Gesundheits-, Ausbildungs- und Nachwuchs- und Change Management sowie Mitarbeiterentwicklung, fachliche Qualifizierung, Zeitwirtschaft und Fuhrparkkoordination und sind aber dabei jede nur zu jeweils zu 60 Prozent in unserem Job aktiv.

Ich, Carola Garbe: Vor dem neuen Arbeitsmodell war mein Alltag seit 2011 als Leiterin HR im Regionalbereich Ost der DB Netz AG komplett durchgetaktet: Am Tage Meetings und Rücksprachen, abends Pflege des beruflichen Netzwerks, im Zug oder am Wochenende inhaltliche Vorbereitungen, strategische Dinge und Zeit für die Familie. Über die Jahre war in mir jedoch immer mehr der Wunsch gereift, meine Karriere weiter fortzuführen und dennoch für eine bestimmte Zeit kürzer treten zu können, um den vielen anderen Ideen im Kopf Raum zu geben.

Ähnliche Gedanken beschäftigten auch mich, Catherine Marie Koffnit. Ich bin Rechtsanwältin und seit 2008 als HRlerin im DB Konzern tätig. Seit 2015 arbeite ich als Personalleiterin am Geschäftssitz Berlin im Regionalbereich Ost der DB Netz AG vertrauensvoll mit Carola Garbe zusammen.

Carola Garbe (r.) und Catherine-Marie Koffnit (l.) von der DB Netz AG
Carola Garbe (r.) und Catherine-Marie Koffnit (l.) von der DB Netz AG

 

Wir finden uns mit dem neuen Jobsharing-Modell perfekt wieder, können die Liebe zum Job mit unserem Privatleben besser vereinen. Es gibt neue, kreative Ansätze durch zwei Sichtweisen und somit auch Lösungen bei auftretenden Konflikten. Zudem können wir unsere Fähigkeiten und Kompetenzen an einer Stelle bündeln und Synergieeffekte nutzen. Dadurch entsteht ein nicht zu unterschätzender Mehrwert auch für die Mitarbeiter und das Unternehmen. Gleichzeitig empfinden wir unsere Arbeit deutlich stressfreier und produktiver. Aus unserer Sicht bieten sich derartige Tandemlösungen hervorragend an, um etwa Potenzialträgern die Chance zu geben, sich zu beweisen oder, um vor Ausscheiden einer Führungskraft den Wissenstransfer an den Nachfolger sicherzustellen. Letzteres ist es einem Unternehmen, in dem wie bei der DB in den nächsten Jahren die Hälfte der Belegschaft altersbedingt ausscheidet und jedes Jahr rund 15.000 Mitarbeiter neu dazukommen, von essenzieller Bedeutung. So reiht sich bei der DB das Jobsharing in eine Vielzahl von Programmen unter dem Dach eines neuen „Generationenvertrags“ ein.

Trotz aller Vorteile: das Modell Jobsharing bedeutet gerade im Top-Management einen höheren kommunikativen Aufwand sowie großes, gegenseitiges Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen. Auch die Bereitschaft, Führung zu teilen, muss nicht nur vorhanden sein, sondern auch gelebt werden. Eine strukturierte Arbeitsorganisation ist die Basis für einen unkomplizierten Kommunikationsfluss. Um ein gemeinsames professionelles Auftreten innerhalb des Unternehmens und nach außen zu gewährleisten, haben wir daher zunächst grundlegende technische und organisatorische Voraussetzungen geschaffen. Wir verwenden eine gemeinsame Mailadresse und Kalender mit einheitlicher Signatur und beiderseitiger Nutzungsmöglichkeit auch von unterwegs aus. In den Organigrammen ist das Jobsharing ebenso gekennzeichnet wie auf den beidseitig bedruckten Visitenkarten, welche wir gemeinsam verwenden.

Montags ist der Überschneidungstag, an dem wir beide im gemeinsamen Büro mit zwei Schreibtischen und einem Telefon gemeinsame Termine wahrnehmen beziehungsweise den Tag zur Übergabe und Abstimmung zu nutzen. Dieser Tag ist mit festen Terminen durchgeplant, unter anderem mit der Assistenz, der Vertretung, wöchentlicher Telko mit dem HR Team. Anschließend hat eine von uns den Rest der Woche frei, während die andere die Verantwortung für den Bereich HR trägt. In der Folgewoche wird getauscht. Ergebnisse aus Terminen und die berühmten „Zwischentöne“ werden gegenseitig per Mail ausgetauscht. Ergänzend wurde ein Maßnahmenplan zur Begleitung des HR Teams erarbeitet. So haben die direkt unterstellten Führungskräfte und Mitarbeiter im HR Team die Möglichkeit über ein anonymes Onlinebefragungstool im Rhythmus von drei Wochen Feedback und die aktuelle Stimmung wiederzugeben. Das gesamte Projekt wird durch einen erfahrenen Coach begleitet, der auch die Kollegen der Regionalbereichsleitung bei Bedarf einbindet.

Wir sehen uns nicht nur bei der Deutschen Bahn als Vorreiter für ein neues, zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell, das dem Wertewandel der Gesellschaft Rechnung trägt. Wir möchten auch andere Kolleginnen und Kollegen in Leitungsfunktionen ermutigen, für sich die passende berufliche Struktur zu definieren. Führen und Karriere im Einklang mit Familie und Privatleben muss heute kein Widerspruch mehr sein. Es ist sicher nicht immer einfach, aber es funktioniert – und alle Beteiligten profitieren.

Carola Garbe und Catherine-Marie Koffnit sprechen zu diesem Thema auch auf dem Personalmanagementkongress 2018 – Mittwoch, 27. Juni, 11:45 bis 12:45 Uhr.

Weiterbildungen zum Thema Personalmanagement und Leadership und Future of Work