Zwischen den Welten

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Peter Borchers ist der geborene Gründer, ein energiegeladener Freigeist und kreativer Kopf. Trotzdem ist er einem Großkonzern treu. Seit 18 Jahren arbeitet er bei der Telekom, sicherlich auch, weil er dort ein Startup gründen konnte, den Telekom-Inkubator hub:raum. Ein Porträt.

Fünfzehn Kilometer läuft Peter Borchers am Tag. Er telefoniert am liebsten gehend, hält Meetings auch einmal bei einem gemeinsamen Spaziergang ab, fährt in Berlin kein Auto. Diese Bewegung ist ein kleiner Ersatz, den ihm seine Apple Watch jeden Tag anzeigt; denn für Sport fehlt ihm die Zeit. Der Gründer des Telekom-Inkubators hub:raum hat am Tag nur rund vierzig Minuten, die nicht durchgetaktet sind; während der Bahnfahrt zur Arbeit und zurück.

Ziel ist das ehemalige Fernmeldeamt 1, ein rotbrauner Klinkerbau in der Berliner Winterfeldtstraße. Was eine Zeit lang die größte Telefon-Vermittlungsstelle Europas der Deutschen Bundespost Berlin war, ist heute der Ort, an dem die Telekom Raum für Ideen und Kreativität geschaffen hat. Auf 8.000 Quadratmetern teilen sich die Telekom Innovation Laboratories, die Ideenschmiede Creation Center und hub:raum Arbeitsplätze, Küche und Lounge. hub:raum investiert in frühphasige Start­ups, bekam seit 2012 rund 4.500 Bewerbungen aus 20 Ländern, und förderte davon zehn in Berlin. Aktuell arbeiten immer vier bis sechs Gründer-Teams in den großen, bunten Räumen des unternehmenseigenen Inkubators in Schöneberg. Sie bekommen Geld, Mentoring und Arbeitsplätze, die Telekom dafür Anteile und Zugang zu innovativen Produkten.

Wagemut, Energie und Gespür

Sechs Stunden schläft Peter Borchers am Tag. Zu wenig, findet er. Doch er kann auch nicht anders. Er müsse mit der Geschwindigkeit der Startups mithalten, und diese arbeiteten nun einmal besonders hart und schnell. Peter Borchers verbringt keinen seiner vollen Arbeitstage komplett vorm Computer. 200 Veranstaltungen finden pro Jahr in der großen Lounge im Erdgeschoss statt, Vorstände und Forschungsinstitute besuchen ihn. Er hält viele Vorträge, kümmert sich um das Programm-Management und die strategische Weiterentwicklung, repräsentiert hub:raum fast jeden Abend auf einer Veranstaltung.


Peter Borchers neben einer alten Telefonzelle, die im hub:raum-Großraumbüro steht. Der 44-Jährige hatte bei der Gestaltung der Räume freie Hand.

Kürzlich wurde er in das Digitalisierung-Beratungsgremium der Bundesregierung gewählt und lehrt an der ESCP Unternehmerschule, deren Mitgründer er ist. Dass die Telekom heute gehörig vom positiven hub:raum-Image profitiert, hat sie Peter Borchers Wagemut, Energie und Gespür für Innovationen zu verdanken. Der Großkonzern hat aber auch einiges an Flexibilität bewiesen als es darum ging, den agilen Freidenker im Unternehmen zu halten, ohne ihm seine Flügel zu stutzen.

Autark im Großkonzern

Peter Borchers konnte immer unabhängig in dem Telekommunikationsunternehmen wirken. Sein Startup hub:raum firmiert als eigenständige Marke – lediglich zwei Magentaquadrate im Logo referieren auf das Bonner Mutterschiff. Und so steht hub:raum für eine Einsicht, die viele Unternehmen noch scheuen: Die Erkenntnis, nicht alles selbst am besten umsetzen zu können. „Die Services der Startups können differenzierende Bestandteile in unseren Kernprodukten werden, sie dadurch attraktiver machen und zum Umsatzhebel werden“, formuliert es Peter Borchers druckreif. Dies ist jedoch nur eine Facette seiner Professionalität. Spricht er von sich selbst und seinem Tun, wird seine Sprache humorvoll, wendig, eloquent, persönlich. Sie passt zu seinem offenen Blick, dem sportlichen Auftreten. Weißes Hemd, Sneaker, hellgrüne Hose.

Intrapreneur, ohne es zu wissen

Dass die Telekom in der Öffentlichkeit im Bereich Corporate Incubation mittlerweile derart positiv wahrgenommen werde, sei eigentlich kein primäres Ziel gewesen. Aber ein toller Effekt. Peter Borchers sieht glücklich aus, spricht bescheiden von seinen Erfolgen, wirkt gleichzeitig erfüllt von Stolz. Die diversen hub:raum-Räume konnte er nach eigenem Geschmack einrichten, das Team selbst zusammenstellen; man duzt sich, scherzt. Jedes Detail wird liebevoll erklärt, obwohl solche Rundgänge mittlerweile zum Tagesgeschäft gehören. An einigen Tischen wird emsig gearbeitet, bei anderen sind die Teams unterwegs oder bereits ausgezogen. „Wenn unsere Startups flügge werden, sind wir meistens trauriger als die Teams selbst“, sagt eine Pressesprecherin und lacht, während Peter Borchers zu einer großen Telefonzelle hinüberläuft, um dort mit breitem Lächeln für die Porträtfotos zu posieren.

Peter Borchers spricht danach von flexiblen Arbeitszeiten, verschiedenen Mentoren. Er läuft in großen Schritten durch die Gänge, erklärt die Wandbemalung eines Künstlers, pflückt einige reife Erdbeeren im Innenhof, treppauf, treppab gibt es immer wieder neue große Räume für einzelne Teams, Besprechungen und die Telekom Laboratories. In einem kleinen Raum im Innenhof bleibt er stehen. Der Raum fürs hub:raum-Team. Damit die Startups mehr Platz haben, ist er mit seinem Team in die kleinere Garage gezogen. Von der Decke hängen zwei Kletterringe, an denen er sich blitzschnell hochzieht, als der Fotograf ihn begeistert um dieses Motiv bittet.

Peter Borchers war bereits in jungen Jahren Vorreiter, Intrapreneur, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Nach seiner hub:raum-Gründung wurde er vom Ex-Telekom-Chef René Obermann protegiert, dieser stand intern und extern voll hinter seinem Projekt. Das habe er durch Glück und einiger Vorarbeit erreicht. Peter Borchers lächelt. Es hatte ihn bereits seit langem gereizt, die zwei Welten Konzern und Startup miteinander zu verbinden. hub:raum sei eine Art neutraler Mittler zwischen diesen Welten, die sich einander in der gesamten Wirtschaft langsam nähern. Dass er das im Telekom-Kosmos tun würde, war zu Beginn nicht abzusehen.

Den Startup-Winter überdauern

Als Peter Borchers 26 Jahre alt war und in Europa das kommerzielle Internet startete, bewarb er sich bei der Telekom als Produktmanager. Er kam von einer US-Unternehmensberatung. Der Job bot ihm jedoch zu wenig Raum, eigene Ideen umzusetzen. In der Telekom war das anders. Doch nach drei Jahren wollte er die damalige Start­up-Welle nutzen und selbst gründen. Er kündigte, und überraschenderweise bot ihm sein Chef ein fünfjähriges Rückkehrrecht an. Da die Dotcom-Blase direkt vor seiner Nase platzte, wenig später der nukleare Winter der Internetbranche einbrach, kehrte er nach vier Jahren tatsächlich zurück zur Telekom; man bot ihm eine Stelle in der Strategieabteilung an. Eigentlich wollte Borchers weiterhin als freier Berater arbeiten, den Startup-Winter abwarten und danach erneut gründen. Er konnte jedoch keine großen strategischen Projekte durchführen. deshalb entschied er sich, zur Telekom zurückzukehren. Dass sie 2003 eigentlich einen Personalstopp verhängt hatte, war keine Hürde. Sie aktivierten seinen alten Vertrag. Wieder Glück, sagt er. Sein größtes Projekt war die Planung und Vorbereitung des späteren TV-Angebots Entertain.

Ein spezieller Moment

Später baute Peter Borchers mit zwei Kollegen aus der Strategieabteilung die Telekom Innovationsgesellschaft in Berlin auf. Dort hatten sie große Freiheiten, konnten Personal einstellen, weil sie eine eigene Gesellschaft waren, wuchsen innerhalb eines Jahres auf 55 Mitarbeiter und bauten Internetprodukte in einem unbürokratischen Umfeld. 2008 wurde der Bereich in die Digital Business Unit zusammengefasst und das Leitungsteam der Innovationsgesellschaft aufgelöst. „Das war ein spezieller Moment für mich. Nachdem ich so etwas Cooles, Freies im Unternehmen gemacht hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, in die klassische Konzernstruktur zurückzugehen.“ Borchers überlegte in London neu anzufangen. Aber es nagte auch der Gedanke an ihm, wie sich die Power, Schwungmasse und die etablierten Kundenbeziehungen des Konzerns mit der Marktnähe von Startups verbinden ließen. Doch er hatte kein Budget und keine Mitarbeiter.

Peter Borchers nahm Teile aus den Budgets anderer Projekte, stellte einen Doktoranden ein und begann einen Studenten aus den Telekom Laboratories zu unterstützen. Er hatte Wahwah.fm gegründet, ein Startup für Live-Streaming, und gewann einen Wettbewerb, wurde zum Festival SXSW South by Southwest in Texas eingeladen – dort wurde beispielsweise auch Twitter gelauncht –, und die Online-Nachrichtenseite TechCrunch berichtete jubelnd über den Erfolg des jungen Gründers. Ein absoluter Ritterschlag, Peter Borchers Augen leuchten. „Damit im Gepäck konnte ich zeigen, was ich mit Bordmitteln und einem Mini-Team erreicht hatte: ein gutes, marktnahes Produkt.“ Er bekam Geld, das Team wurde größer und 2012 stellte René Obermann hub:raum der Öffentlichkeit vor.

Einige mussten im Konzern überzeugt werden. Doch heute ist hub:raum eng vernetzt mit dem gesamten Unternehmen. Peter Borchers steht mit Telekom-Produktverantwortlichen, Management und Top-Management in regelmäßigem Kontakt. Geplant ist, dass alle Changemaker des Konzerns, die informelle Gruppe T3, künftig je ein Startup als Mentor beraten. Außerdem brachte er in sechs Online-Sessions bereits Tausenden von Mitarbeitern die Arbeit von hub:raum näher. Mitarbeiter müssten in der Breite viel unternehmerischer Denken, sagt Borchers. Für ihn ein Überlebenskriterium.

Mit 24 ins Sabbatical

Der 44-Jährige hat bereits während seines BWL-Studiums unternehmerisch gedacht. Er betrieb mit einem Freund erfolgreich eine kleine Werbeagentur. Praktikum im eigenen Unternehmen, nennt er das und grinst. Zum Ende des Studiums nahm er sich eine Auszeit in Paris, studierte dort Literatur. Er wollte die Sprache lernen und herausfinden, wie es beruflich weitergehen sollte. Denn eigentlich schlägt sein Herz für die Kunst. Dass er in Paris in einer Galerie arbeitete, nach London pendelte, sich dort in renommierten Galerien bewarb, genommen wurde, die Stelle ablehnte; das erzählt er als wäre es nicht außergewöhnlich. Warum entschied er sich gegen seine Leidenschaft? „Die Kunst ist mir zu wichtig gewesen. Ich hatte Angst davor, mein ­Hobby zum Beruf zu machen.“ Heute fährt er oft mit seiner Familie zu Ausstellungen und Kunstmessen, besucht Ateliers, kauft auch einmal ein Kunstwerk. Und so scheint er vieles sorgsam zu bewahren, das ihm wichtig ist – trotz intensiver Arbeitsbelastung. „Das, was ich tue, gibt mir mehr Energie, als es mir raubt“, sagt er. Klingt einfach, ist aber eine hohe Kunst.