Erfolgreich scheitern

Sieben Gedanken

Ob gescheiterte Projekte, verfehlte Ziele oder persönliche Rückschläge – was bedeutet eigentlich eine Niederlage und wie kann ein produktiver, menschenfreundlicher Umgang damit aussehen? Wie Niederlagen nicht als Endpunkt, sondern als Teil einer wertvollen Entwicklung begriffen werden können.

1. Niederlagen gehören zum Wachstum

In der Arbeitswelt – gerade in verantwortungsvollen Rollen – gilt Scheitern oft als Makel. Doch das Gegenteil ist wahr: Wer nie scheitert, hat meist auch nichts riskiert. Viele bahnbrechende Erfindungen, von der Mikrowelle bis zum Haftnotizzettel, sind aus Fehlschlägen hervorgegangen. Auch in Projekten zeigt sich: Nicht jede Maßnahme gelingt. Doch wenn reflektiert wird, warum, entsteht Lernpotenzial. Wachstum beginnt oft dort, wo etwas nicht wie geplant lief.

2. Fehler, Niederlage, Scheitern – drei Begriffe, ein Gefühl

Psychologisch betrachtet werden Fehler als Abweichungen vom Soll definiert, Niederlagen als verlorene Herausforderungen und Scheitern als das Nichterreichen eines Ziels. Doch in der Praxis verschwimmen die Grenzen. Ob ein Handwerker eine Tür falsch montiert (Fehler), ein Projekt abgebrochen wird (Scheitern) oder ein Angebot den Zuschlag nicht erhält (Niederlage) – das subjektive Erleben ist oft dasselbe: Enttäuschung, Frust, Selbstzweifel. Entscheidend ist nicht die Kategorie, sondern die Haltung, mit der wir damit umgehen.

3. Scheitern beginnt in der Schule

Unsere Haltung zum Scheitern wird früh geprägt. Schulnoten suggerieren oft, dass man etwas nicht kann. Doch innovative Bildungsansätze zeigen Alternativen: Statt „Du kannst das nicht“ sagen Lehrkräfte „Du kannst das noch nicht“. Dieses kleine Wort „noch“ öffnet den Raum für Entwicklung. Länder wie Finnland setzen auf genau solche positiven Lernkulturen. Dort beginnen Kinder die Schule später, haben weniger Prüfungen und erfahren weniger Leistungsdruck – mit dem Ergebnis, dass sie dennoch oder gerade deshalb erfolgreich lernen.


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4. Nutze den Schmerz als Lehrer

Scheitern tut weh – und das ist okay. Psychologisch gesehen erschüttert es unser Kohärenzgefühl, das Erleben von Sinn und Kontrolle und unsere soziale Anerkennung. Diese Grundbedürfnisse sind tief verankert und werden im Moment des Misserfolgs oft infrage gestellt. Doch gerade hier liegt die Chance: In der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Scheitern liegt eine große Kraft. Wer nicht wegsieht, sondern sein Scheitern analysiert, kann neue Wege finden.

5. Dein Wert hängt nicht vom Ergebnis ab

Ein häufiges Missverständnis: Wenn etwas schiefgeht, sind wir „der Fehler“. Doch Menschen sind keine Projekte. Eine gescheiterte Maßnahme bedeutet nicht, dass Sie gescheitert sind. Die Bewertung von Niederlagen ist außerdem oft subjektiv und zeitabhängig. Was heute als Misserfolg erscheint, kann morgen die Basis für eine wichtige Veränderung gewesen sein. Halten Sie inne und trennen Sie das Ergebnis von Ihrem Selbstwert.

6. Vergleiche loslassen und den eigenen Weg gehen

In der heutigen, stark vergleichsorientierten Arbeitswelt ist es leicht, sich mit anderen zu messen. Doch jeder Mensch hat andere Ressourcen, Startbedingungen und Wege. In einer Zielhierarchie kann ein Misserfolg auf einer unteren Ebene sogar förderlich für übergeordnete Ziele sein. Was zählt, ist nicht, ob Sie schneller oder besser sind als andere – sondern ob Sie Ihren nächsten Schritt gehen.

7. Andere Kulturen – anderes Verständnis von Scheitern

Der Umgang mit Scheitern ist auch kulturell geprägt. In den USA gilt Scheitern oft als notwendiger Schritt zum Erfolg und wird als Lernchance gesehen, nicht als persönliches Versagen. Und in skandinavischen Unternehmen ist es oft selbstverständlich, Lessons Learned offen zu besprechen – ohne Gesichtsverlust. Diese Beispiele zeigen, dass ein konstruktiver Umgang mit Niederlagen möglich ist und dass wir in Deutschland von anderen Kulturen lernen können, Scheitern als integralen Bestandteil von Entwicklung zu begreifen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Erfolg. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Porträt eines Mannes mit Brille, in Anzug und Hemd, lächelnd vor einem hellen, unscharfen Hintergrund.

Oliver Steidle

Oliver Steidle ist im Bereich Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement bei der Universitätsmedizin Essen tätig. Der Diplomkaufmann studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Management im Gesundheitswesen und der Vertiefung Personalwirtschaft an der Westfälischen Hochschule und berufsbegleitend Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Wuppertal. Seit 2011 ist er auch als Autor und Dozent an verschiedenen Bildungsinstituten im Bereich Managementlehre tätig.

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