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Das traditionelle Handwerk wird gern mit Werten wie Sorgfalt, Qualität und Hingabe verknüpft. Was steckt dahinter? Und welchen Platz nehmen diese Werte in einer zunehmend technisierten Arbeitswelt ein? Vermutlich hatte ich zu viele Negativschlagzeilen gelesen. Zu viele Push-Nachrichten, RSS-Feeds und Newsletter über die „schöne“ neue Arbeitswelt und die möglichen Auswirkungen von „KI & Co“: Eines Morgens fand ich mich vorm Rechner wieder auf der Suche nach Alternativen zu meinem bisher von mir sehr geliebten Schreibberuf. Was, fragte ich mich, suche ich eigentlich? Welche Wünsche habe ich an das, was ich täglich tue, und was droht mir gerade verloren zu gehen? Ich dachte daran, dass ich gerne mit meinem „Werkzeug“, der Sprache, in Kontakt bleiben möchte. Dass ich meine Arbeit nicht permanent mit Prompts, sondern weiterhin vor allem mit Sinn, Verstand und Fantasie ausüben möchte. Ich dachte auch an Werte wie Sorgfalt und Präzision und daran, wie gern ich etwas gestalte. Ob mit Tastatur und Stift oder privat bisweilen auch mit dem Malpinsel. Aus diesen Gedanken erstellte ich eine Liste meiner Vorstellungen, Wünsche und Werte. Ich las sie mir mehrmals durch – und mir fiel das traditionelle Handwerk ein: Wo, wenn nicht dort, werden solche Werte womöglich noch hochgehalten?
„Handschlag drauf, fertig“
Bei meiner Recherche nach Handwerksberufen stoße ich auf einen der ältesten der Branche: den des Vergolders. Dessen Tätigkeit besteht darin, Skulpturen, Stuckornamente und Möbel mit Blattgold und anderen Materialien zu veredeln. Glücklicherweise finde ich einen Vergolder, der sein Atelier in meiner Nachbarschaft betreibt. Nach zwei E-Mails, die unbeantwortet und vielleicht sogar bis heute ungelesen blieben, stelle ich mich persönlich bei ihm vor und habe wieder Glück: Er bietet mir ein Praktikum an. Wir besprechen ein paar Details zu den Arbeitszeiten, wie die Mittagspause geregelt sei und wann ich anfangen könne. Handschlag drauf, fertig. Zwei Wochen lang habe ich nun Zeit, um das Vergolderhandwerk kennenzulernen – und um mir weiter Gedanken zu machen.
Die Geschichte des Handwerks begann bereits vor Zehntausenden von Jahren, als die ersten Menschen anfingen, Werkzeuge und Waffen aus Stein, Holz und Knochen herzustellen und sich in den jeweiligen Fertigkeiten im Laufe der Zeit immer mehr spezialisierten. Später, in der Bronzezeit, gehörten das Schmieden und die Metallverarbeitung zu den großen Errungenschaften der Menschen. In der Antike wurde das Handwerk vielfältiger und umfasste Tätigkeiten wie das Töpfern, das Weben, das Goldschmieden, die Glasbläserei und den Schiffbau. Damit wurde das Handwerk auch für die Wirtschaft und den Wohlstand der Gesellschaft immer wichtiger.
Gemeinsam stärker – die Entstehung der Zünfte
Ein Grund, warum bestimmte Werte gerade im Handwerk noch immer eine große Bedeutung haben, liegt in der Geschichte der Zünfte: Im späten Mittelalter, als die Städte wuchsen und damit auch die Nachfrage an Waren, schlossen sich Handwerker bestimmter Gewerbe zusammen, um Regeln für ihren Berufsstand festzulegen und ihre Interessen gegenüber der Stadtregierung zu vertreten. Bäcker, Schmiede, Schneider und andere Vertreter eines bestimmten Handwerks organisierten sich auf diese Weise. Die Zünfte übernahmen zahlreiche Aufgaben und Funktionen: Sie kontrollierten zum Beispiel die Qualität der Produkte, sorgten aber auch für feste Löhne und für die soziale Absicherung der Mitglieder und ihrer Familien in Form von Kranken- und Sterbekassen. Im Gegenzug mussten sich alle Angehörigen einer Zunft strengen Regeln und Bräuchen unterordnen. Es galt das Motto: Das Ansehen der Zunft muss gewahrt bleiben. Jedes Mitglied war demnach gefordert, seinen guten Ruf zu verteidigen, da sich dieser stets auf die gesamte Zunft auswirkte. Damit verbunden waren Werte wie Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Aber auch Fleiß, Beständigkeit und Hingabe an das jeweilige Handwerk gehörten dazu.
Die Ehrbarkeit im Handwerk
Diese Verbindung von Beruf und Moral, die traditionelle Handwerkerehre, wird noch heute von vielen Berufsständen vertreten und gelebt. „Handwerk steht für Verlässlichkeit, Individualität und Qualität“, betont auch Andreas Ehlert, selbstständiger Schornsteinfegermeister in Düsseldorf und Präsident von Handwerk NRW, der Dachorganisation des nordrhein-westfälischen Handwerks. Der Verband vertritt die Interessen von rund 200.000 Betrieben mit 1,1 Millionen Beschäftigten. „Qualität sichern wir durch Qualifikation, verkörpert durch den Meisterbrief, der in vielen Gewerken Voraussetzung für die unternehmerische Selbstständigkeit ist. Ein wesentlicher Wert ist auch Verantwortung – für den Betrieb, die Beschäftigten und sich selbst. Die große Mehrheit der Handwerksbetriebe sind inhabergeführte Einzelunternehmen, bei denen der Unternehmer persönlich haftet und somit für seine Entscheidungen geradesteht. Diese Verantwortungskultur ist Teil des Selbstverständnisses im Handwerk.“
Größere Handwerksunternehmen setzen bis heute ebenfalls auf solche klassischen Werte und Tugenden. Bei der Flensburger Silbermanufaktur Robbe & Berking etwa, wo man seit über 150 Jahren Bestecke und andere Tafelwaren per Hand fertigt, beansprucht man „Sorgfalt, Präzision und ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein“ für sich. „Unsere Silberschmiede haben das Handwerk von Grund auf gelernt und leben diese Werte in jedem Arbeitsschritt. Auch in der Oberflächenbearbeitung, Veredelung und Gravur wird dieser Anspruch konsequent verfolgt“, heißt es auf Anfrage.
Und selbstverständlich macht auch der Vergolder, bei dem ich mein Praktikum absolvieren darf, da keine Ausnahme. Die Bilderrahmen, auf die sich der Betrieb spezialisiert hat, werden sorgfältig aufgearbeitet und mit feinstem Blattgold versehen. Und das tatsächlich mit viel Fleiß, Beständigkeit und Hingabe.
Haltung und Authentizität
Die rasanten technologischen Entwicklungen, vor allem im Bereich künstliche Intelligenz, lassen aber zumindest Zweifel daran aufkommen, dass die Vereinbarkeit von „alten Werten“ und neuer Arbeitswelt so reibungslos gelingt. Kirsten Altenhoff ist da jedoch optimistisch: „Gerade in einer zunehmend digitalen Welt werden analoge Tugenden wie Hingabe, Sorgfalt und ‚Verbindung zum Werk‘ zum Alleinstellungsmerkmal. KI kann Prozesse übernehmen – aber das Vertrauen entsteht durch menschliche Haltung und Authentizität.“ Für Hans Rusinek können handwerkliche Tugenden gar als „Leitplanken“ dienen – „gerade in einer KI-Welt, die uns zum Speed und zur Skalierung verführt“. Wenn wir uns also wieder mit dem Zweck und der Wirkung unserer Arbeit verbinden – egal ob in der Pflege, der Programmierung oder dem Produktdesign –, könne Resonanz zurückkehren. Das, so Rusinek, sei „kein Rückfall ins Romantische, sondern vielleicht unser rettender Fortschritt“.
Während ich im Vergolder-Atelier mit Schleifpapier und Feile die Kanten eines alten Rahmens bearbeite, denke ich über all das nach. Und stelle fest: Hier bin ich verbunden mit dem, was ich tue. Hier erlebe ich tatsächlich so etwas wie Sinn. Aber noch mehr freue ich mich darauf, wieder an meinen Schreibtisch zurückzukehren, um wieder mit meinem ursprünglichen Werkzeug, der Sprache, zu arbeiten. Um – trotz des KI-Turbos, der auch den Journalismus nicht kaltlassen wird – weiterzumachen. Durch den praktischen Einblick in ein Handwerk ebenso wie durch die Recherche für diesen Text hat sich mein Bewusstsein geschärft: für das, was mich erfüllt und was ich auch in Zukunft nicht missen möchte.
Während ich hier jeden Tag antrete, um zu schleifen, zu grundieren und andere Hilfstätigkeiten auszuüben, wird auch der Faktor Zeit für mich zu einer neuen Größe: Morgens um Punkt neun stehen alle Mitarbeiter im Atelier, und zwar nicht vor der Kaffeemaschine, sondern an ihrer Werkbank. Anschließend versinken sie in ihr Tun. Mit Bedacht und Fingerspitzengefühl widmen sie sich ihrem Material. Auch ich tue das. Und ich lerne neben einigen handwerklichen Fertigkeiten dabei auch viel über mich selbst. Zum Beispiel wieder Geduld zu haben.
Faszination Handwerk
Ich frage mich, worin die Faszination, die das Handwerk heute auf mich und andere ausübt – man denke auch an die zahlreichen Do-it-yourself-Trends –, eigentlich besteht. Sind es wirklich die klassischen Werte? Und was steckt dahinter? Ein Anruf bei Hans Rusinek, der seit Jahren zu der Sinnfrage in einer sich wandelnden Wirtschafts- und Arbeitswelt forscht, berät und publiziert. „Wir wollen erleben, dass unsere Existenz Spuren hinterlässt. Dieses Gefühl von Resonanz ist zutiefst menschlich – und selten so direkt spürbar wie im Tun mit den eigenen Händen.“ Den Begriff der Resonanz hat der zigfach zitierte Soziologe Hartmut Rosa in den letzten Jahren entscheidend geprägt. Er beschreibt ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt, für das es vor allem ein intrinsisches Interesse und die Erwartung von Selbstwirksamkeit braucht. Gerade in unserem beschleunigten und zunehmend technisierten Arbeitsleben wird ein so verstandenes Resonanzerleben für uns Menschen immer wichtiger.
Daher womöglich auch die Wertschätzung fürs Handwerk. Hans Rusinek sieht darin einen Gegenzug zur Entfremdung: „Während viele Jobs immer digitaler, abstrakter, entkörperlichter werden, stellt das Handwerk etwas Greifbares, Sinnvolles dar, das nicht nur Output, sondern auch Stolz erzeugt. Vielleicht geht es um eine stille Sehnsucht danach, dass unsere Arbeit wieder mehr mit der Welt zu tun hat – statt nur mit dem Bildschirm.“ Es gehe um die Fähigkeit, auf die Welt einzuwirken und die Wirkung dieser Handlungen wahrzunehmen: Dieses Handlungsbewusstsein sei der Kern menschlicher Erfahrung, so Rusinek. „Manuelle Arbeit zeigt uns, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns nicht einfach ignorieren können. Mit dem, was wir wirklich in die Welt schaffen, treten wir zwangsläufig in Beziehung. Das Handwerk leistet damit moralische Bildung, von der auch Wissensarbeiter profitieren können.“
Dass sich bei handwerklichen Berufen eher ein Gefühl von Zufriedenheit einstellt, bestätigt eine im Frühjahr 2023 veröffentlichte Studie der Krankenkasse IKK classic: 91,8 Prozent der Handwerkerinnen und Handwerker gaben an, ihren Beruf als sinnhaft zu erleben – in der Gesamtbevölkerung waren es hingegen 69 Prozent. Auch das Glücksempfinden unterscheidet sich: „Mein Beruf macht mich glücklich“, sagten 79,7 Prozent der Stimmen aus dem Handwerk und nur 55,3 Prozent der übrigen befragten Arbeitnehmer.
All das bedeutet aber für viele Handwerksunternehmen selbstverständlich nicht, dass sie nicht auch von der fortschreitenden Technisierung betroffen wären und diese in einer beschleunigten Welt nicht auch für sich zu nutzen wüssten. Bei Robbe & Berking betrifft dies vor allem die Qualitätssicherung der Silberbestecke und -waren: „Diese greift sofort ein, wenn Korrekturen nötig sind. Unterstützt wird dies durch digitale Produktionsplanung und -steuerung, die uns hilft, effizient, ressourcenschonend und termingerecht zu arbeiten. So verbinden wir traditionelle Handwerkskunst mit den Anforderungen der digitalisierten Arbeitswelt“, heißt es aus der Presseabteilung.
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Alte Werte – neue Arbeitswelt
Wie steht es aber nun abseits des Handwerks mit den so gelobten Werten – gerade in Wirtschaftsbereichen, in denen vieles auf Schnelligkeit und Massentauglichkeit ausgerichtet ist und Prozesse stetig „verschlankt“ werden?
Die Wertekommission geht schon qua ihres Namens diesen und ähnlichen Fragen nach und steht hierzu im permanenten Dialog mit Unternehmen und der Öffentlichkeit. „Werte wie Zuverlässigkeit, Sorgfalt und Präzision sind auch in anderen Branchen präsent, aber oft weniger sichtbar, weil das ‚Produkt‘ immaterieller ist“, sagt Kirsten Altenhoff, Personalberaterin und Mitglied im Vorstand der Kommission. Sie plädiert grundsätzlich für eine gute Balance zwischen klassischen Werten und den Anforderungen der modernen Arbeitswelt: „Wer nur auf Tempo setzt, verliert Qualität und damit Vertrauen. Wer hingegen nur auf Sorgfalt setzt, verliert Relevanz. Gute Führung und erfolgreiches Unternehmertum bestehen darin, beide Pole bewusst zu steuern.“ Das heiße in der Praxis und im täglichen Miteinander zum Beispiel, dass Unternehmen Prozesse idealerweise so gestalten, dass Qualität messbar und Verantwortung nachvollziehbar wird – etwa durch transparente Feedback-Mechanismen oder das persönliche „Commitment“ von Projektverantwortlichen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Handwerk. Das Heft können Sie hier bestellen.
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