„Quatsch, ich doch nicht“

Porträt

Er hatte gerade den Rasen gemäht. Das machte Klaus Hackenbruch an Sommersamstagen gern. Auch das Haus war geputzt, alles picobello. Der damals 49-Jährige war allein und ging in die kühle
Garage. Die Erschöpfung von der Gartenarbeit – und die vier Bier, die er bereits getrunken hatte – wummerten in seinem Körper. Die Mühe musste belohnt werden. Er goss sich etwas zu hastig ein gekühltes Weizenbier ein, es schäumte.

45 Sekunden würde er ungefähr warten müssen, bis er trinken könne – das weiß er aus Erfahrung. Das dauerte ihm zu lang. Er öffnete die Schublade der Werkbank, darin wartete eine Prosecco-Dose. Elf Prozent lauwarmer Alkohol, die gehen schnell ins Blut. Beim Trinken streifte sein Blick den Rasierspiegel, der an der Garagenwand hing. Hackenbruch zuckte zusammen. „Mein Gesicht glich einer Fratze“, erinnert er sich heute, acht Jahre später.

Ein beliebtes Nervengift

Ein solches Trinkverhalten ist in Deutschland nicht selten. Knapp acht Millionen Erwachsene nehmen hierzulande laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) Alkohol in riskanten Mengen zu sich. 1,6 Millionen Menschen sind alkoholabhängig. Im internationalen Vergleich zählt Deutschland zu den Hochkonsumländern. Die durch Alkoholkonsum verursachten volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich laut DHS auf etwa 57 Milliarden Euro jährlich. Diese Summe umfasst sowohl direkte medizinische Ausgaben als auch indirekte Kosten, die durch Produktivitätsverluste, vorzeitige Verrentung und Todesfälle entstehen.

Hackenbruch wollte nicht, dass es so weit kommt. „Dass ich am Tiefpunkt meines Suchtlebenslaufs angekommen war, nahm ich in dieser Sekunde – beim Blick in den Spiegel – zum ersten Mal in meinem Leben wahr“, sagt er. Zu jener Zeit hatte er bereits 33 Jahre lang zu viel Alkohol getrunken, während er seinem Umfeld suggerierte: Ich kann alles. Ich bin erfolgreich. Die Prosecco-Dosen waren dabei stets treue Begleiter. Sie passten perfekt in die Mittelkonsole seines Autos. Nach einem 12-Stunden-Tag kippte er auf dem 20-minütigen Heimweg hastig die ersten zwei handwarmen Dosen in sich hinein. Manchmal flackerte dann Panik in ihm auf.

Was, wenn das jemand bemerkt? Die Dosen findet? Er warf sie dann aus dem Fenster, kurz bevor er zu Hause bei seiner Familie ankam. Immer an der gleichen Stelle. Nachts kehrte er an die Stelle zurück, las sie auf und entsorgte sie heimlich. „Ich war ein manierlicher Alkoholiker“, sagt Hackenbruch. Man könnte auch sagen: hochfunktional. Er trank immer am Feierabend, nie auf der Arbeit. 15 Jahre lang war er die rechte Hand des Chefs bei einem größeren Baubetrieb im Rheinland. Er lief Marathon, spielte Fußball, war auf allerlei Festivitäten eingeladen. Ja, der Klaus, der trinkt gern, der ist lustig. Dafür sei er bekannt gewesen, in der Jugend und als Erwachsener, erzählt er. Dass er jeden Tag mehr als zwei Liter Wein, Bier und Prosecco trinkt, das wusste niemand. Oder eher, das wollte auch niemand wissen.

„Mein Büro muss entsetzlich nach Alkoholausdünstungen gestunken haben, aber ich wurde nie darauf angesprochen“, sagt Hackenbruch. Die Leute wissen nicht, wie sie mit Suchtkranken umgehen sollen. Und das sei ein Problem. Die Menschen fragten einander „Wie is et?“, und antworten dann „Muss.“ Dabei wäre es so wichtig, sich wahrhaftig füreinander zu interessieren, sagt Hackenbruch.
Der Chef hatte seinen Kompagnon allerdings im Verlauf der Jahre immer mal wieder vorsichtig gefragt, ob er irgendwie ein Problem mit Alkohol habe. Alle im Dorf und in der Firma wussten: Der Klaus, der trinkt schon viel. Aber der Chef ließ sich abwimmeln. „Quatsch, ich doch nicht“, habe Hackenbruch ihm versichert. Man wird doch wohl mal ein Bier zur Entspannung trinken dürfen.

Sätze, die er auch seinen mittlerweile erwachsenen Kindern sagte, wenn sie ihn darauf ansprachen. Seinem Chef habe er sogar die Hand darauf gegeben, dass er auch ganz einfach aufhören könne, er sei nicht süchtig. „Gut, dann trinken wir auf der nächsten Dienstreise beide nichts“, schlug sein Freund ihm vor. „Er wollte mich unterstützen“, sagt Hackenbruch.

Eine Dienstreise nach Finnland stand bevor, ein paar Monate vor dem Blick in den Garagenspiegel. Ein riesiges Event, bei dem er und sein Chef, genau wie andere führende Unternehmer der Branche aus ganz Deutschland, zu einer Werkbesichtigung eines großen Baumaschinenherstellers eingeladen waren. Die Vereinbarung mit seinem Chef stand: Beide würden nichts trinken. Für die anderen
Unternehmensinhaber ging es bereits morgens am Flughafen mit einem Bier los.

Angekommen im Hotel zogen sich alle auf ihre Zimmer zurück. Hackenbruch stahl sich zur Bar, nur ein paar Bier. Dann plünderte er die Minibar. Auf dem Abendevent angekommen, ging er, offiziell nüchtern, zur Theke und bestellte sieben Bier und tat so, als wäre das eine Runde für seine Kollegen. Doch die bekamen ihre Getränke nie zu sehen. Hackenbruch trank sie heimlich in einer
hinteren Thekenecke hockend – eins nach dem anderen. „Ich hatte dann echt zu tun, die Alkoholflaschen, die in der Minibar fehlten, heimlich in der Stadt wieder aufzutreiben“, erinnert sich Hackenbruch. Schließlich wollte er sie wieder auffüllen, so als sei nichts geschehen.

Er lebte in einem Gefängnis aus Lügen. Im Außen: ein Eigenheim, ein teurer Dienstwagen, ein perfekt gemähter Rasen, ein wichtiger Job. Im Inneren: Schmerz, den es zu ertränken galt, und immenser Druck: Leiste was, sei wer! „Ich habe mir diesen Druck selbst aufgebaut und wollte ihn nach Feierabend einfach nur loslassen, vergessen“, sagt Hackenbruch. Seine Kindheit war geprägt von Ruhelosigkeit, emotionaler Unzuverlässigkeit, Entwurzelung und Gewalt. „Es gab aber auch Momente voller Liebe und Geborgenheit, die ich durch meine Großmutter erleben durfte“, sagt Hackenbruch. Leider zu wenige. Eine wichtige Familiennorm blieb: die perfekte Außendarstellung. Zeit seines Lebens versuchte er, die Fassade aufrechtzuerhalten.

Der Zusammenbruch

Doch an jenem Samstag in der Garage im Juli 2017 klappte das nicht mehr. Sein Chef und gleichzeitig guter Freund kam an diesem Tag spontan auf einen Kaffee vorbei. Er fand Hackenbruch betrunken vor, so ganz und gar nicht der Macher, der er sonst war. Jemand, der 60 bis 80 Telefonate am Tag führte, zehn bis zwölf Stunden auf Achse war, eine große Nummer im Betrieb. „Jedenfalls hielt ich mich dafür“, sagt Hackenbruch. Er beichtete seinem Chef, dass er ein Jahr lang nur so getan hatte, als trinke er nichts. Dass er Hilfe brauche. Sein Herz galoppierte. Der Blutdruck war viel zu hoch.

Später in der Therapie arbeitet er dieses Gefühl auf und verstand: Es war Todesangst. Heute weiß er, dass dahinter eine ganze Menge Gefühle stehen. „In meinem Spiegelbild erkannte ich die Veränderung und Ablösung meines eigentlichen Wesens. In diesem Moment war mir mit jeder Zelle meines Körpers bewusst: Wenn ich weitermache, lebe ich nicht mehr lange.“
Hackenbruch fiel damals in der Garage allerdings nicht tot um, sondern in ein neues Leben. Sein Chef versprach ihm, dass er seinen Job behalten werde, sich nichts ändern werde. Aber er forderte ihn auf, etwas zu tun. „Gleichzeitig waren wir beide ratlos“, sagt Hackenbruch. Wie sollte es weitergehen?

Eine Bekannte empfahl ihm schließlich eine Entgiftungsklinik. Drei Wochen später begann er eine zehnwöchige Therapie und kehrte Ende Oktober in sein Haus zurück. Trocken, voller Tatendrang. Dann kam der erste Arbeitstag. Sein Chef brach sein Versprechen und kündigte ihm fristlos. „Ich hatte durch mein Verhalten bei einigen Leuten verbrannte Erde hinterlassen. Vor allem bei einer Kollegin, die wichtig für das Unternehmen war“, sagt Hackenbruch. Es sei aber nicht so gravierend gewesen, dass man das nicht hätte lösen können nach seiner Rückkehr. Sie habe dem Chef allerdings gesagt, wenn er wiederkäme, würde sie gehen. „Im Nachhinein verstehe ich, dass er so handelte, er war auf sie angewiesen. Aber der Zeitpunkt war eine Katastrophe.“

Hackenbruch kämpfte den Drang zu trinken nieder und besann sich: Ich schaffe das irgendwie. Als Erstes ging er regelmäßig ins Fitnessstudio und begann aufzuschreiben, was ihn beschäftigte. Er merkte, er wollte etwas dafür tun, dass anderen so etwas gar nicht erst passierte.

Ein neues Leben

Heute ist Klaus Hackenbruch Berater für Suchtprävention und hat mehrere Weiterbildungen absolviert. Vertrauen und eine verbindliche Kommunikation seien das Wichtigste im Umgang miteinander, findet er. „Deshalb sage ich meinen Auftraggebern: Es geht nicht darum, durch meine Vorträge und Workshops Suchtkranke in ihrem Unternehmen zu enttarnen, die dann aussortiert werden können.“ Im Gegenteil. Es gehe darum, die Menschen darüber aufzuklären, dass Alkohol kein Genussmittel, sondern ein Nervengift ist, sagt Hackenbruch.

Darüber, was Sucht ist, woran man sie erkennt, wie man damit umgeht und wo es Hilfe gibt. Er sagt dann oft: „Ich komme nur zu Ihnen, wenn Sie ein gesundes Unternehmen sein wollen. Wenn also Suchtprävention ein Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements wird.“ Nach den Workshops ist der 57-Jährige als vertraulicher externer Mitarbeiter für alle Teilnehmenden weiter
erreichbar. „Es rufen immer welche an“, sagt Hackenbruch. Durchschnittlich 15 bis 20 Personen im Laufe eines Jahres von rund zehn Unternehmen, die er berät. Erfolgreich funktionierende Suchtkranke gibt es überall. In jeder Branche, in jeder Abteilung. „Wir sprechen zunächst vertraulich und finden dann gemeinsam mit dem Arbeitgeber eine Lösung“, sagt er. Unter denen, die den Faden mit ihm aufnehmen, sind auch Angehörige, die keine Co-Abhängigen mehr sein wollen.


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Er habe schon viele erfolgreich aus der Entgiftung und Suchttherapie zurück an den Arbeitsplatz kommen sehen. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer der Weg sein kann. In meinen Seminaren schaffe ich Vertrauen zwischen allen Beteiligten im Unternehmen“, sagt er. Das erleichtere den Umgang mit diesem hochstigmatisierten Tabuthema. Am Ende seiner Workshops liest Klaus Hackenbruch manchmal den Ablauf eines Tages aus seinem alten Leben vor. Es war ein Teil seiner Therapie, sich Trigger zu vergegenwärtigen, den eigenen Suchtlebenslauf zu beleuchten und
auch die Gedanken zu enttarnen, aus denen man sich die Schutzmauer vor der Realität baut. „Wenn ich das vorlese, reagieren viele fast schamhaft, manche ein wenig pikiert oder verunsichert, einige wirken sogar eingeschüchtert“, sagt Hackenbruch.

Da sei eine gewisse Schwere im Raum. „Aber sobald ich dann sage: ‚Ich bin seit fast acht Jahren trocken‘ – und die Leute sehen, dass ich dabei lächle –, kommt die Erleichterung. Dann beginnt der Applaus.“ „Ich schätze, das ist wie bei jeder schweren Krankheit oder einem Schicksalsschlag oder vielleicht auch, wenn Menschen sich gespiegelt sehen durch eine Erzählung“, sagt er. Die meisten könnten ihre eigenen Gefühle in dem Moment kaum einordnen, seien überfordert. „Sie sind dann unglaublich dankbar, wenn das Gegenüber ihnen einen Teil dieser Unsicherheit abnimmt und zeigt: ‚Es ist okay. Du darfst jetzt einfach mit mir mitfühlen.‘“

Für Klaus Hackenbruch ist die Zeit im Dunkeln endlich vorbei. Er muss nichts mehr verstecken, nicht mehr so tun, als wäre er ein anderer. „Ich kann die Dinge endlich im Licht betrachten und allen davon erzählen, das ist sehr befreiend.“ Wenn er mal etwas Leerlauf hat, einen Tag nicht arbeiten muss, dann spürt er manchmal noch den alten Druck. Tue was, leiste was.

Doch seine Frau – „die erste Frau in meinem Leben, die ich nüchtern kennengelernt habe“ – seine Edith, sagt dann: „Klaus, genieß es doch einfach!“ Und das macht er dann auch.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Fake. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Jeanne Wellnitz (c) Mirella Frangella Photography

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Senior-Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion Wortwert. Zuvor war sie von Februar 2015 an für den Human Resources Manager tätig, zuletzt als interimistische leitende Redakteurin. Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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