Es gab eine Zeit, da mussten alle, die zum Personalvorstand von Bertelsmann wollten, erst einmal am „God of Metal“ vorbei. Das stand nämlich für ein paar Monate auf seinem Türschild – das Büro lag zufällig auf direktem Weg zum Vorstand. Nico Rose war damals Vice President Employer Branding & Talent Acquisition des Konzernverbunds mit weltweit 75.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im Gütersloher Headquarter ging es allerdings zuweilen ein bisschen konservativer zu als bei den anderen Unternehmen der Bertelsmann Gruppe, erzählt Rose rückblickend. Er hatte sich über die Jahre vom Director zum Vice President hochgearbeitet und gehörte zum Stab des HR-Vorstands.
Als Führungskraft fragte sich der Psychologe anfänglich schon, wie viel von seiner Metal-Seele er im Job wohl zeigen könne. Seit seinem 14. Lebensjahr war er Metalhead, das heißt: Konzerte noch und nöcher, Headbanging, Moshpit. Musik ist für ihn etwas, in das man sich hineinsteigert, etwas, das man sich zu eigen macht. Ohne sie wäre das Leben ein Irrtum, meinte einst auch Nietzsche. „Ohne Metal wäre ich heute nicht mehr hier“, schreibt „Doktör“ Nico Rose, wie er sich selbst aus Spaß in seiner Studie Die Vermessung des Metalheads nannte.
Bei Bertelsmann gab es damals ein kleines Fenster, diese Seite auszuleben: den Casual Friday. „Darf ich da mein Iron-Maiden-T-Shirt anziehen?“, fragte Rose erst sich selbst und dann auch seinen Chef. Er könne erst einmal machen, was er wolle, habe dieser ihm versichert. Und das bezog sich nicht nur auf das Band-Shirt, sondern generell darauf, dass Rose gern einmal die eine oder andere Regel etwas dehnte, in dem er etwa – damals ungewöhnlich für den Konzern – viel in den sozialen Medien postete. Später entspannte sich Rose, ging sogar im Iron-Maiden-Shirt auf Großveranstaltungen wie das Employer-Branding-Event „Talent Meets Bertelsmann“, für das er verantwortlich war.
Dadurch bekam er zwar mitunter verwunderte Blicke zugeworfen, aber er gewann auch einen Eindruck davon, wer noch alles im Konzern schwermetallisch unterwegs war. Da war die HR-Kollegin, die regelmäßig auf Konzerten headbangte, oder der Chief Facility Officer, der Drummer einer Iron-Maiden-Coverband war. Die beiden schenkten ihm dann später das Metal-God-Namensschild als Überraschung zum 40. Geburtstag.
„Bertelsmann war eine wirklich gute Schule im Geführtwerden und später auch Führenlernen“, sagt Rose rückblickend. „Mein Chef war da in vielerlei Hinsicht sehr vorbildlich.“ Das präge bis heute viel von dem, was er tue: etwa seine Forschung und auch seine Vortragsthemen. „Selbst beim Metal interessiert mich die Frage, wie Musik der Selbstführung dienen kann“, sagt Rose.
Metal gehört zur Identität
„Die meisten Leute aus der Szene sagen nicht: Ich höre Metal, sondern: Ich bin Metalhead“, sagt er. „Die Musik ist ein Baustein ihrer Identität.“ Und daran ändert auch der Umstand nichts, dass man im Alltag einen hoch seriösen Job ausübt. Wer diesen Teil allerdings an der Pforte lassen müsse, von dem bekomme das Unternehmen dann eben auch nur eine 70-Prozent-Version, ist Rose überzeugt.
Allerdings widmete sich Rose mit Haut und Haar seiner Führungsaufgabe, und zwar als Mensch, der sich mit all seinen Facetten zeigte. Dass das zu einem erfüllteren Lebenswandel führen kann, lernte er auch durch die Positive Psychologie, der er sich im und nach dem Studium zuwandte. Das ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich unter anderem mit den Fragen beschäftigt: Was lässt Menschen aufblühen? Wie gelingen Beziehungen? Wann empfinden Menschen ihr Leben als sinnvoll? All das waren auch Fragen, die Rose sich als Chef stellte. Sein Ansatz: Menschen sollen nicht nur funktionieren, sondern in Resonanz kommen – mit sich, mit anderen, mit einem höheren Zweck. Dann werden Arbeit und Führung besser.
Dass er sich in der Disziplin so gut auskennt, hat er auch seinem damaligen Chef zu verdanken. „Er hat verstanden, was Menschen brauchen. Durch ihn bin ich überhaupt so lange in einem Großkonzern geblieben“, erzählt Rose. Er ermöglichte ihm auch, einen aufwendigen Master of Applied Positive Psychology in Pennsylvania zu absolvieren – neben dem Job. Rose flog dafür monatlich für ein paar Tage in die USA und arbeitete so gut es ging remote. „Das Studium war sehr anspruchsvoll. Ich habe dafür deutlich härter arbeiten müssen als für das Diplom“, sagt er rückblickend. Dadurch hatte Rose schließlich mit Mitte dreißig drei Abschlüsse in der Tasche: Psychologiestudium, Promotion im Controlling und Master in Positiver Psychologie. Zusätzlich absolvierte er unzählige Weiterbildungen.
In Podcasts-Interviews bezeichnet er sich als „Weiterbildungs-Junkie“. Gefühlt jedes zweite Wochenende sei er im Seminar gewesen, erzählt er. Vor seiner Bertelsmann-Zeit hatte er mehr als zehn Jahre lang auf Urlaubsreisen verzichtet, jeden Euro und jedes Fitzelchen Zeit in verschiedenste Coaching- und Trainer-Ausbildungen gesteckt. Im Jahr 2008, noch vor dem Bertelsmann-Einstieg, machte er sich als Business Coach selbstständig. Diese Freiheit, anderen Menschen zu einer positiven Veränderungsgeschichte zu verhelfen, sei ihm immer wichtig gewesen.
Später im Konzern tolerierte sein Chef, dass Rose weiterhin auch als Coach arbeitete. Offenbar war ihm bewusst, wie viel Energie Rose daraus schöpfte. Und dass er sich dadurch auch selbst besser verstand. Das war wichtig. Denn Nico Rose überfielen von Zeit zu Zeit depressive Phasen und Panikattacken. „Ich habe schon als Jugendlicher viel geweint, war oft traurig, wusste allerdings lange nicht, dass das eine Depression sein könnte“, sagt er. Auch war ihm damals nicht klar, dass er von seinen Eltern dahingehend vorbelastet war. „Ich verstand irgendwann, dass diese Dunkelheit zu mir gehört, sie ist ein Teil, auf den ich aufpassen muss.“ Er hatte mit dieser Dunkelheit zu leben gelernt, auch weil er sich immer wieder mit aller Kraft ins Licht begab, etwa durch Sport und produktives Beschäftigtsein, aber vor allem durch den Umstand, dass er weniger allein war. „Ich habe mehr Liebe in meinem Leben“, sagt er.
Seit mehr als 15 Jahren hatte er keine depressiven Episoden mehr. Bis dahin war es ein langer Weg. „Ich musste mich immer durchbeißen, war irgendwie immer auf mich allein gestellt“, erinnert er sich. So wie damals beim Tennis. Als Jugendlicher träumte Rose von einer Profikarriere, trainierte intensiv, der härteste Gegner: die eigene Psyche. Nach diesem Motto funktioniert er lange, sagt er. Aushalten, durchziehen, schaffen, bis es nicht mehr geht. Als er spürte, dass der Profisport für ihn eine Sackgasse war, gab er das Tennisspielen mit rund 20 Jahren auf. Er startet seine HR- und Coaching-Karriere, lernte seine heutige Ex-Frau kennen, gründete eine Familie, fasste Fuß bei Bertelsmann. „Ich habe gemerkt, dass mir das Gegenteil von durchbeißen hilft: Sanfter sein, mehr Pausen machen, mehr auf mich achten, in Verbindung gehen.“ Kinder bekommen sei natürlich auch anstrengend, sagt Rose, aber eben auch wunderschön. „Sie holen dich in den Moment, fordern Nähe ein. Ich glaube, das hat mir wirklich geholfen.“ Und natürlich auch die Musik.
Dass er bei Bertelsmann dann schließlich der „Metal God“ war, findet er heute noch lustig. Der wahre Metal God, das weiß man in der Szene, ist schließlich Rob Halford, Frontmann der Band Judas Priest, eine Galionsfigur des Heavy Metal. Doch Nico Rose mochte sein neues Namensschild und ließ es noch für ein paar Monate hängen. Dann montierte ein Hausmeister es ab, denn Nico Rose hatte gekündigt.
Wende mit 40
Nach acht Jahren Konzern merkte Rose, dass er nicht mehr so viel Neues hätte lernen können. „Ich hätte zwar gerne das Gehalt meines Chefs gehabt, aber nicht seine Rolle“, sagt er und lacht. Acht, neun Stunden am Tag mit Menschen sprechen – das war nicht sein Ding. Er sei ein Eigenbrötler, könne gut mit Menschen, aber eben nicht den ganzen Tag. „Ich glaube, wenn ich damals nicht hätte eine Familie gründen wollen, wäre ich wahrscheinlich nach der Doktorarbeit von Anfang an all-in gegangen mit der Selbstständigkeit“, sagt er. Auch wollte er andere wichtige Teile von sich stärker explorieren, vor allem das Schreiben. Das holte er nun nach.
Nachdem er Bertelsmann verlassen hatte, übernahm er eine Professur für Wirtschaftspsychologie an der privaten Hochschule International School of Management und schrieb das Buch Arbeit besser machen. Außerdem hatte er noch ein neues, völlig anderes Projekt gestartet. Weil seine Postings zum Thema Metal auf Facebook in seiner persönlichen Community nicht verfingen, rief er die Facebook-Seite Ministerium für Schwermetall ins Leben. „Das sollte erst nur ein Gag sein, hat dann aber irgendwie eine Eigendynamik entwickelt“, sagt er heute. Mittlerweile hat die Seite rund 64.000 Follower, eine Community, die sich über Bands, Texte und Stile des Genres austauscht. Ohne die hätte er wohl auch nicht sein Buch Hard, Heavy & Happy geschrieben.
Der Heyne Verlag wurde durch die Facebook-Seite auf ihn aufmerksam, und die große Fanbase ermöglichte ihm, seine 2022 erschienene Studie Die Vermessung des Metalheads durchzuführen.
Über 6.000 Menschen nahmen daran teil, beantworteten Fragen zu ihrer Persönlichkeit, ihrem Wohlbefinden, ihrer Beziehung zur Musik. Rose nutzte dafür etablierte psychologische Fragebögen.
Die Ergebnisse überraschten ihn: „Metalheads sind in etwa genauso glücklich wie andere Menschen auch“, sagt Rose. Und das, obwohl sie im Mittel aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur mehr zum Grübeln, zu inneren Spannungen und Ängstlichkeit neigen als die Durchschnittsbevölkerung. Doch sie kommen laut der Studie auch häufig in den Flow, fühlen sich energetisiert und leben mit großer Leidenschaft. Rund 40 Prozent der Befragten stimmten folgender Aussage zu: „Metal hat mir mindestens einmal das Leben gerettet.“ So geht es auch Nico Rose.
Lebenselixier Metal
Die Musik habe ihm geholfen, seine innere Dunkelheit zu ertragen, gab ihm ein Ventil, eine Gemeinschaft, sagt er. Auch die Beschäftigung mit der Psychologie half ihm dabei. Und der Entschluss, all jene Facetten seiner Persönlichkeit, seine Interessen und Leidenschaften auch in seiner professionellen Rolle auszuleben. Den Metal zeigt er dabei nicht immer offen. Es sind eher versteckte Details, die ahnen lassen, wie tief im Herzen er die Musik trägt. „Ich habe zum Beispiel ein mit Totenköpfen verziertes Innenfutter in meinem Sakko. Und ein Tattoo des Wacken-Schädels auf der Wade“, sagt er.
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Als Wissenschaftler faszinierte ihn vor allem die Arbeit mit den eigenen Schatten, die der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung etablierte. „Jung meinte, dass wir ungeliebte Dinge in unseren persönlichen Schatten verbannen und dass Weiterentwicklung immer dann stattfinden kann, wenn man es schafft, etwas mehr von dem Schatten wieder in sein eigenes Leben zu holen.“ Sich also selbst besser zu verstehen. Die große Frage ist und bleibt also, wie es Amon Amarth in eines von Nico Roses Lieblings-Metal-Stück singt: „Without darkness – who am I?“
Eine Tüte Buntes
Seit einiger Zeit weiß Nico Rose das ziemlich genau. Auf seiner Homepage steht über seiner Personenbeschreibung: „Eine gemischte Tüte“. Für ihn als Ruhrpottkind der Achtziger ein positiv besetzter Begriff, sagt er. „Man ging zum Kiosk, um für den Opa eine Zeitschrift zu kaufen. Und mit dem Restgeld stellte man sich seine liebsten Süßigkeiten zusammen. Ein Hochamt der Selbstwirksamkeit – wenn man acht Jahre alt ist.“ So blicke er aktuell auch auf sein Leben, beruflich wie privat. „Es ist eine ziemlich bunte Mischung an Erfahrungen und Fähigkeiten, und manche verstehen die Zusammensetzung vielleicht nicht oder würden mir sogar den Vogel zeigen“, sagt er. Aber er stehe dazu, auch wenn seine Tüte nicht so edel wie eine edle Pralinenmischung daherkommt. „Aber es ist eben genau das drin, was mir schmeckt.“
Über Nico Rose: Dr. Nico Rose ist Diplom-Psychologe, Coach, Autor, Speaker – und vor allem Metalhead. Bis 2022 war er Professor und Gastdozent an der International School of Management in Dortmund. Zuvor verantwortete er bei Bertelsmann als Vice President die Bereiche Employer Branding und Talent Acquisition. Der 47-Jährige ist in der HR-Branche vor allem als Autor und Speaker bekannt. Mit seinem Buch Arbeit besser machen (Haufe-Lexware, 2019) wandte er sich der Positiven Psychologie zu. Später schrieb er den Spiegel-Bestseller Hard, Heavy & Happy. Heavy Metal und die Kunst des guten Lebens (Heyne, 2022), für das er mehr als 6.000 Metalfans befragte.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Identität. Das Heft können Sie hier bestellen.

