Rund neun Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. Die neurologische Erkrankung, die heftige Kopfschmerzattacken mit sich bringt, beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit der Betroffenen, sondern auch ihren Arbeitsalltag. Migräne ist die zweithäufigste Ursache von Krankschreibungen und verursacht auch volkswirtschaftliche Verluste.
Dr. med. Charly Gaul ist Privatdozent und Facharzt für Neurologie und spezielle Schmerztherapie. Er praktiziert im Kopfschmerzzentrum Frankfurt, das er mit Kollegen 2021 gründete.
Anja Rech
Anja Rech ist Diplom-Biologin und Medizinjournalistin. Sie ist Chefredakteurin des migräne magazins der MigräneLiga Deutschland, schreibt für Publikumszeitschriften über Gesundheitsthemen und ist Lehrbeauftragte an der Hochschule Offenburg.
In der Teambesprechung am Morgen beteiligt sich Silke M. noch lebhaft wie immer, doch danach wird die 42-Jährige immer stiller. Sie bittet ihre Kollegin, die Jalousie herunterzulassen, weil das Licht ihren Augen schmerzt, und ob sie auch das Radio ausschalten könne? Immer wieder vergräbt sie den Kopf in den Händen, doch nach zwei Stunden steht sie auf und sagt: „Es tut mir leid, es geht nicht mehr, ich muss nach Hause gehen. Ich habe Migräne, und zu den Kopfschmerzen kommt jetzt auch noch Übelkeit.“ Während ihre Platznachbarin verständnisvoll nickt und ihr gute Besserung wünscht, schütteln andere Kolleginnen im Großraumbüro den Kopf und tuscheln: „Jetzt fällt sie schon wieder aus! Zum zweiten Mal in dieser Woche! Und wir dürfen es ausbaden.“
Produktionsausfälle von 62,1 Millionen Euro
Migräne ist eine häufige Erkrankung: In Deutschland leiden nach Zahlen des Mikrozensus knapp neun Millionen Menschen darunter. Gemäß der Burden of Disease Study 2020 sind Frauen mit 14,8 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit sechs Prozent. Die meisten Kopfschmerz-Tage treten zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr auf – wenn die Betroffenen mitten im Beruf stehen. Und viele können bei einer Attacke nur eingeschränkt oder gar nicht arbeiten. Migräne ist die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen.
Laut Techniker Krankenkasse sind pro Tag 100.000 Menschen aufgrund einer Migräne arbeitsunfähig. Das bedeutet, der Wirtschaft gehen pro Jahr 23 Millionen Arbeitstage verloren. Die AOK ermittelte, dass 0,3 Prozent der Arbeitsunfähigkeits-Tage bei ihren Versicherten im Jahr 2023 auf das Konto der Migräne gingen. Legt man Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zugrunde, sorgte Migräne damit für volkswirtschaftliche Produktionsausfälle von 62,1 Millionen Euro.
Mehr als Kopfschmerz
Bei Migräne handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, die anfallsweise starke, pulsierende, oft einseitige Kopfschmerzen von vier bis 72 Stunden Dauer hervorruft. Dazu treten Begleitsymptome auf. Charakteristisch sind Übelkeit, mitunter sogar Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Ganz typisch ist, dass die Schmerzintensität durch körperliche Aktivität zunimmt und die Betroffenen ein Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug haben. Man unterscheidet die episodische Migräne mit nur gelegentlichem Auftreten von Anfällen von der chronischen Migräne.
Diese ist definiert durch 15 oder mehr Tage mit Kopfschmerzen im Monat, die überwiegend die Charakteristika eines Migräneanfalls aufweisen. Häufig bemerken Betroffene den Beginn ihres Migräneanfalls schon Stunden vorher. Typische Vorwarnsymptome sind Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Euphorie oder intensives Gähnen. Bei jedem siebten Betroffenen tritt unmittelbar vor dem Migräneanfall eine sogenannte Aura auf, vorübergehende neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen. Besonders häufig sind Sehstörungen, möglich sind aber auch Sprachstörungen, Taubheitsgefühle oder eine halbseitige Lähmung.
MigräneLiga
Die MigräneLiga Deutschland bietet Vorträge und Mittagspausen-Seminare in Unternehmen an. Zusätzlich stellt sie Infomaterial zur Verfügung. Fundierte Informationen liefern auch Patientenvideos und Webinare der Initiative Attacke – gemeinsam gegen Kopfschmerzen die unter attacke-kopfschmerzen.de im Netz zu finden ist. Die Initiative wurde von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft, einer medizinischen Fachgesellschaft, mit dem Ziel gegründet, die Versorgung von Kopfschmerz-Patienten zu verbessern. Außerdem gibt sie Migräne-Tipps für Führungskräfte und bietet auf ihrer Website auch Hinweise für Personalverantwortliche mit Hintergrundinformationen zu Migräne und Hinweisen für einen migränefreundlichen Arbeitsplatz.
Trigger am Arbeitsplatz
Die Veranlagung für die Krankheit wird vererbt: zwei Drittel der Migräne-Betroffenen berichten über weitere Betroffene in ihrer Familie. Ob jemand tatsächlich Migräne entwickelt, hängt wesentlich von den Lebensbedingungen ab. Das Migräne-Gehirn verarbeitet Reize anders als das von Gesunden, es fällt den Betroffenen schwerer, ihr Gehirn vor einer Reizüberflutung zu schützen.
Bei vielen Migräne-Betroffenen lösen bestimmte Umweltfaktoren, sogenannte Trigger, schließlich eine Attacke aus. Dazu zählen Stress, die Menstruation, das Auslassen von Mahlzeiten, eine Änderung des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Wetterwechsel. Unter ungünstigen Bedingungen kann eine Migräne am Arbeitsplatz deutlich zunehmen.
Die Patientenorganisation MigräneLiga Deutschland hat mögliche Trigger am Arbeitsplatz identifiziert. Dabei steht die Bildschirmarbeit laut einer Umfrage mit 64 Prozent an erster Stelle. Weitere mögliche Auslöser sind
• körperliche Anstrengung,
• ungünstig ausgeleuchtete Arbeitsbereiche,
• Lärm und laute Geräusche, etwa im Großraumbüro,
• helles Licht,
• Gerüche wie Parfüm oder Schweiß,
• Schichtarbeit oder
• Stress, beispielsweise durch hohe Arbeitsbelastung, häufigen Kundenkontakt, Personalmangel oder soziale Konflikte.
„Meine Balance zwischen Leistungsfähigkeit und Selbstfürsorge ist ein Prozess.“
Flexibilität statt Berufsunfähigkeit:
Ein Erfahrungsbericht von Katrin Böhnke (42)
„Als ich meinen Beruf wählte, war meine Migräne noch nicht ausgebrochen. Wäre ich heute noch einmal an diesem Punkt, würde ich mich informieren, welcher Bereich, welcher Arbeitgeber migränefreundliche Arbeitsbedingungen aufweist – aber dass es diese Möglichkeiten gibt, habe ich erst im Laufe der Jahre gelernt.
Mein Berufsleben begann im öffentlichen Dienst. Die Arbeit an Hochschulen und Universitäten ließ mir viel Freiheit. Ich hatte ein Einzelbüro und meine Migräne war relativ ruhig. Dann folgte ein Jobwechsel, weil ich mich weiterentwickeln wollte. Das bedeutete ein steigendes Arbeitspensum, ein verändertes Aufgabengebiet mit Publikumsverkehr, vielen Dienstreisen und Termindruck. Meine Migräne wurde schlimmer und schlimmer, sodass ich schließlich mehrere Aufenthalte in der Schmerzklinik Kiel wahrnahm. Dort diagnostizierte man chronische Migräne, die eine Änderung der Arbeitsumgebung nötig machte: Dienstreisen nur selten und zeitlich an meine Tagesroutine angepasst, weniger Termindruck und vor allem Vertretungsregelungen. Zudem stellte ich einen Antrag auf Grad der Behinderung (30) sowie auf eine Gleichstellung am Arbeitsplatz.
Der Aufenthalt in der Schmerzklinik war ein Segen für mich! Mit dem Wissen aus den Vorträgen suchte ich das Gespräch mit meinem Vorgesetzten – und stieß auf Granit. Im Gegenteil, er wurde laut und hatte Sorge, meine Arbeit würde liegenbleiben. Kompromisse und alternative Lösungen schlug er aus. Ein Tag Homeoffice pro Woche war das Höchste der Gefühle. Geknickt suchte ich mir einen neuen Job, obwohl mir das Team sehr am Herzen lag. Aber meine Gesundheit war wichtiger. Und nun wusste ich, auf was ich achten musste, damit meine Migräne mich nicht in die Berufsunfähigkeit treibt. Zudem erhielt ich neue Medikamente, die die Attackenhäufigkeit von bis zu 15 Attacken pro Monat auf zwei bis fünf reduzierten.
Heute arbeite ich Vollzeit im öffentlichen Dienst. Ich mache deutlich, dass ich gute Arbeit erbringe und es sich gelohnt hat, mich einzustellen. Meine Rahmenbedingungen sind nur ein klein wenig anders als bei gesunden Menschen, und das verstehe ich auch unter Inklusion: Stellschrauben ändern, damit ich genauso am beruflichen Alltag teilhaben kann. Nicht ich muss mich nach Kräften anpassen, sondern die Umgebung ermöglicht mir, mitzumachen. Möglich machen dies meine Bildschirmbrille, eine ergonomische Maus und der höhenverstellbare Schreibtisch im Büro wie auch zu Hause. Dazu habe ich bis zu hundert Prozent Homeoffice, die Dienstreisen kann ich entzerrt planen, es gibt Vertretungsregelungen und eine empathische Vorgesetzte. Meine Balance zwischen Leistungsfähigkeit und Selbstfürsorge ist ein Prozess, aber er ist es wert und ich komme immer näher dran.“
Auch ein Stressabfall, also Erholungsphasen nach dem Stress, kann Migräne triggern. Das führt beispielsweise bei einigen zu Wochenend-Migräne. Wichtig ist, eine Attacke frühzeitig zu behandeln. Erste Maßnahme ist, sich von Reizen abzuschirmen. Gegen die Kopfschmerzen helfen gängige Schmerzmittel – ausreichend hoch dosiert – sowie spezielle Migränemedikamente namens Triptane. Lebensstiländerungen wie Ausdauersport, Entspannungsverfahren und ein regelmäßiger Lebensrhythmus können dazu beitragen, dass die Attacken seltener werden. Bei stark Betroffenen kommen vorbeugende Medikamente infrage.
Hilfreiche Anpassungen am Arbeitsplatz
Migräne kann dazu führen, dass Betroffene ihre Arbeitsstelle wechseln oder in ihrer Karriere eingeschränkt sind. Die Krankheit bedeutet jedoch nicht, dass die Betroffenen im Job weniger effektiv sind, denn das Migräne-Gehirn ist außergewöhnlich leistungsfähig. So zeigte die Karceski-Studie How migraine affect cognitive function, dass Menschen mit Migräne bei kognitiven Tests besser abschnitten als Gesunde. Auch wenn Migräne-Patienten häufig leistungsorientiert sind und einige sich selbst als „perfektionistisch“ beschreiben, kann man jedoch kein einheitliches Verhaltensmuster oder „psychisches Profil“ der Betroffenen erstellen. Da ein geregelter Tagesablauf mit gleichmäßigen Ess- und Schlafenszeiten vorbeugend wirkt, können manche sehr diszipliniert sein und ihre Zeit gut einteilen.
Migränefreundlicher Arbeitsplatz
Eine Umstrukturierung des Arbeitsplatzes sowie eine veränderte Organisation der Arbeit können helfen, die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren. Basis eines migränefreundlichen Arbeitsplatzes ist es, im Unternehmen über Migräne zu informieren: Wie zeigt sich die Krankheit? Was löst die Attacken aus? Wie wird Migräne behandelt? Dadurch sollen zum einen die Betroffenen lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Dazu zählt, eine Attacke früh zu erkennen und optimal zu behandeln.
Zum anderen ist es auch wichtig, dass Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte über die Krankheit informiert sind. Als Folge steigt das Verständnis, es kommt seltener zu Stigmatisierung oder gar Mobbing.
Über räumliche Anpassung können Arbeitgebende das Umfeld der Migränepatienten optimieren. So können Betriebe einen Ruheraum zur Verfügung stellen. Wenn Betroffene ihre Trigger am Arbeitsplatz kennen, kann versucht werden, diese zu vermeiden. Insgesamt helfen folgende Veränderungen, das Migräne-Risiko zu reduzieren:
• ein ergonomischer, gut eingestellter Arbeitsplatz,
• optimale Beleuchtung,
• ein Computermonitor mit Blendschutz,
• eine Bildschirm-Arbeitsplatzbrille,
• gute Luftqualität und die
• Vermeidung von Lärm und Gerüchen.
Nützlich ist es, Migräne-Betroffenen Homeoffice und flexible Arbeitszeiten zu gewähren, die Menge an Kundenkontakten und Dienstreisen zu verringern und eine Vertretungsregelung einzuführen für Tage, an denen die Betroffenen nicht arbeiten können. Dass Veränderungen im Unternehmen hilfreich sind, zeigte ein Pilotprojekt der Firma Novartis, das sie mit Kopfschmerz-Experten für ihre über 12.000 Mitarbeiter entwickelte. Die krankheitsbedingte Beeinträchtigung reduzierte sich nach sechs Monaten um 54 Prozent; die Betroffenen hatten fast elf Arbeitstage weniger Migräne. Neun von zehn fühlten sich insgesamt besser.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Fake. Das Heft können Sie hier bestellen.
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Dr. med. Charly Gaul ist Privatdozent und Facharzt für Neurologie und spezielle Schmerztherapie. Er praktiziert im Kopfschmerzzentrum Frankfurt, das er mit Kollegen 2021 gründete.
Anja Rech ist Diplom-Biologin und Medizinjournalistin. Sie ist Chefredakteurin des migräne magazins der MigräneLiga Deutschland, schreibt für Publikumszeitschriften über Gesundheitsthemen und ist Lehrbeauftragte an der Hochschule Offenburg.