Das wahre Preisschild der Energiewende

Energie

Die Energiewende ist ohne Zweifel der richtige und notwendige Weg – für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit. Doch häufig wird sie der breiten Öffentlichkeit mit überzogenen Versprechen sinkender Strompreise schmackhaft gemacht. Angesichts stetig sinkender Stromgestehungskosten von Wind- und Solarenergie – also der Erzeugungskosten pro Kilowattstunde – entsteht bei vielen der Eindruck, der Strom für Verbraucher müsse langfristig billiger werden. Dabei handelt es sich aber um ein äußerst hartnäckiges Missverständnis: Der Ausbau erneuerbarer Energien führt nicht automatisch zu fallenden Energiepreisen – im Gegenteil, zahlreiche Prognosen vernachlässigen hier den Unterschied zwischen Real- und Nominalpreisen und schüren so überzogene Erwartungen. Strompreise steigen, selbst bei ambitioniertem Ökostrom-Ausbau. Doch warum ist das so?

Billiges Versprechen

Dass sich der Mythos vom günstigen Ökostrom hält, liegt auch in der Darstellung von Schätzungen und Studien: Realpreise blenden die Inflation aus und zeigen zukünftige Kosten in heutiger Kaufkraft, während Nominalpreise die zu erwartende Geldentwertung mit einrechnen. Wird in öffentlichen Analysen und politischen Debatten mit realen (inflationsbereinigten) Strompreis-Prognosen argumentiert, erscheinen die Kurven oft flacher oder gar fallend – ein Effekt, der in Wahrheit nur der statistischen Bereinigung geschuldet ist. So liefert die Betrachtung in konstanten Euro zwar einen neutralen Langfristvergleich, kann aber ein verzerrt optimistisches Bild erzeugen.

In der öffentlichen Wahrnehmung führt dies leicht zu Verwirrung und der Illusion, die Energiewende werde schon bald für niedrigere Rechnungen sorgen. Mit einfachen Worten ausgedrückt: Der Nominalpreis stellt den tatsächlich zu bezahlenden Preis dar. Ein Beispiel: Kostet eine Kilowattstunde Strom heute 40 Cent, dann kostet dieselbe Menge Strom eben in zehn Jahren bei 2,5 Prozent Inflation unterstellt: 40 × 1,025¹⁰ = 50 Cent.

Die Verbraucher zahlen also tatsächlich mehr, obwohl unter Kaufkraftbetrachtung, also real, diese 50 Cent dann nicht höher zu bewerten sind, wenn auch tatsächlich das verfügbare Einkommen genauso wachsen sollte. Selbst renommierte Studien heben aber dennoch kurzfristige Preisrückgänge hervor: So berichtete der Thinktank Agora Energiewende, dass der Börsenstrompreis 2024 gegenüber 2023 um rund 18 Prozent gesunken sei (auf etwa 78 Euro pro Megawattstunde) – dank eines starken Zubaus von Wind- und Solarstrom. Solche Meldungen unterstreichen zwar den preisdämpfenden Effekt der Erneuerbaren, können aber zugleich die Erwartung nähren, Strom werde für Endkunden bald generell billiger. Dem ist allerdings nicht so. Auch weil bei eventuell sinkendem Gesamtenergieverbrauch die Transformation selbst – also weg von der Dampflok hin zur E-Lok – einen stark steigenden Stromverbrauch nach sich zieht.

Erforderliche Investitionen und versteckte Kosten

Tatsächlich offenbart sich das wahre Preisschild der Transformation, wenn man alle nötigen Komponenten des künftigen Energiesystems betrachtet. Solar- und Windparks allein reichen dafür nicht. Um jederzeit Stabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten, braucht es komplementäre Technologien. Dazu zählen etwa Stromspeicher und auch flexible Gaskraftwerke, die einspringen, wenn Flaute oder Dunkelheit herrscht. Der Bau und Betrieb dieser Reservekraftwerke verursacht zusätzliche Kosten und hält eine gewisse Abhängigkeit vom Brennstoff Gas aufrecht.

So entwickelt sich der Strompreis im heutigen Markt im Grunde parallel zum Gaspreis, wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft prognostiziert – keine gute Nachricht in Zeiten teurer Gasmärkte und geopolitischer Spannungen. Hinzu kommen der Netzausbau und die Modernisierung der Infrastruktur: Neue Leitungen, Speichersysteme und die Ertüchtigung des Stromnetzes für dezentrale Erzeugung erfordern enorme Investitionen. Auch müssen alte Kraftwerke wie etwa Kohlemeiler ersetzt werden – und selbst wenn die neuen Anlagen erneuerbar sind, fallen anfänglich hohe Kapitalkosten an.


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Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bieten die bloßen Stromgestehungskosten keine belastbare Grundlage für die Einschätzung der zukünftigen Stromkosten. Allein für den Ausbau der Stromnetze seien laut Bundesrechnungshof bis 2045 über 460 Milliarden Euro Investitionen nötig – mehr als viermal so viel wie 2007–2023. Insgesamt gilt also: Die Mehrkosten für den Umbau unseres Energiesystems sind unvermeidbar, wenn wir es auf eine nachhaltige Grundlage stellen – Investitionen in neue Technologien, Kraftwerke und Netze schlagen sich zwangsläufig in den Strompreisen nieder. Erneuerbare Energien liefern zwar heute günstiger Strom denn je, doch die begleitenden Ausgaben der Energiewende sorgen dafür, dass fallende Verbraucherpreise auf absehbare Zeit unrealistisch bleiben. Ohne Wind- und Solarenergie würden die Stromkosten noch weitaus stärker steigen, doch einen echten Preisrückgang an der Steckdose kann selbst der Ökostrom-Boom nicht herbeizaubern. Mit anderen Worten: Die Transformation kostet – aber sie ist jeden Cent wert.

Ehrliche Kommunikation als Schlüssel zur Akzeptanz


Unrealistische Erwartungen sind nicht nur ein Rechenfehler, sondern ein Risiko für die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende. Wenn Politik und Branche den Eindruck erwecken, der Umstieg auf Erneuerbare bedeute automatisch sinkende Strompreise, droht eine Enttäuschung in der Bevölkerung – spätestens dann, wenn die Stromrechnung trotz aller Windräder und Solarpanels weiter steigt. Der Mechanismus ist verständlich: Sie möchten den Umstieg auf EE als nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich attraktiv darstellen.

Was er tatsächlich ebenso ist, da erneuerbare Energien bei steigender Nachfrage die Strompreisentwicklung dämpfen, aber eben nicht umdrehen. Wichtig ist dabei zu betonen, was die Energiewende tatsächlich liefert: keine Wunderpreise, aber Klimaschutz, Versorgungssicherheit und technologische Unabhängigkeit für die Zukunft. Nicht die Erneuerbaren an sich sind das Problem – ihre immer günstigeren Kilowattstunden sind ein Segen für das Klima und langfristig auch für die Kostenstabilisierung –, sondern die Art, wie über Preise gesprochen wird, ist es.

Eine solche offene Kommunikation über das wahre Preisschild der Transformation mag kurzfristig unbequemer sein als wohlfeile Versprechen, langfristig aber stärkt sie die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Letztlich geht es nicht um pro oder kontra Erneuerbare, sondern um einen realistischen, gemeinsamen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der größten Umbauaufgabe unserer Zeit – mit Ehrlichkeit als oberster Devise.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Fake. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Lächelnder Mann mit Brille in Anzug, vor unscharfem Hintergrund.

Thomas Schoy

Thomas Schoy ist Diplom-Kaufmann und geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Privates Institut. Nach seiner Tätigkeit für Banken, Versicherungen und Finanzberatungsunternehmen war er einer der ersten Investmentberater, die sich auf erneuerbare Energien konzentrierten. Dabei setzte er etwa Beteiligungsmodelle für Onshore-Windparks um. Daneben vermittelt er sein betriebswirtschaftliches Know-how auch als Privatdozent in verschiedenen Instituten.

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