Wer einmal lügt …

Lügen am Arbeitsplatz

Das war schon ein ziemlicher Aufreger am 18. März 2025, als der alte Bundestag noch mal schnell zusammenkam und die Schuldenbremse kippte, bevor sich die Mehrheitsverhältnisse durch die Bundestagswahl dramatisch veränderten. Und eigentlich war das auch ziemlich historisch: nicht nur, weil es für den Schritt eine Änderung des Grundgesetzes brauchte, sondern auch, weil der inzwischen zum Bundeskanzler gewordene Friedrich Merz (CDU) noch vor seiner Wahl wohl eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen gebrochen hatte. Noch wenige Tage zuvor hatte er eine zeitnahe Reform der Schuldenbremse ausgeschlossen. Hat Merz also gelogen? Für viele sah es genau danach aus – völlig egal, ob die Maßnahme nun inhaltlich richtig war oder nicht. Doch ganz so einfach ist das mit dem Thema Lügen dann doch nicht.

„Eine Lüge liegt dann vor, wenn ich bewusst eine falsche Aussage tätige, um jemanden zu täuschen“, erläutert Professor Philipp Gerlach von der Hochschule Fresenius, der zum Thema Lügen promoviert hat. Friedrich Merz müsste also in dem Moment, in dem er eine Reform ausschloss – etwa am 25. Februar 2025 –, schon das Gegenteil vorgehabt haben. Wörtlich sagte er gemäß einem MDR-Faktencheck: „Es ist in der nahe liegenden Zukunft ausgeschlossen, dass wir die Schuldenbremse reformieren. Das ist, wenn es überhaupt stattfindet, eine schwierige, umfangreiche Arbeit, die da zu leisten ist. Ich lese das auch, dass über das Sondervermögen bereits spekuliert wird. Wir sprechen miteinander, aber es ist viel zu früh, darüber jetzt schon etwas zu sagen.“ Das dürfte irgendwo in der Grauzone liegen, sagt Professor Michael Saller. Und Saller muss wissen, wovon er spricht. Schließlich ermittelte er lange für das Bundeskartellamt und hatte es oft mit Lügnern zu tun. Heute lehrt er an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena und gibt in Unternehmen Seminare dazu, wie sie Lügen enttarnen können, etwa bei Verhandlungen oder Compliance-Fällen. Einigen wir uns also vielleicht darauf: Merz’ Aussagen können sich zumindest wie eine Lüge anfühlen. Die Frage ist aber vielmehr: Wie gehen wir damit um, dass Menschen vermeintlich lügen? Das muss längst nicht nur für Politiker gelten, es geht genauso um Freunde, den Nachbarn und natürlich um die Wirtschaftswelt. Ein Annäherungsversuch.

Gute Lügen – schlechte Lügen

Es gibt da immer wieder eine Zahl, die kursiert: 200-mal am Tag sollen Menschen angeblich lügen. „Die ist allerdings wissenschaftlich gesehen ziemlicher Quatsch“, sagt Gerlach von der Hochschule Fresenius. Die Frage, wie oft wir lügen, sei extrem umstritten. „Ich bin sehr skeptisch, was solche Schätzungen angeht“, so Gerlach. Eine Studie komme auf maximal 40 Lügen pro Woche, eine andere Studie komme wieder zu ganz anderen Werten. Gerlach hat dazu eine Metaanalyse gemacht; er hat sich also zahlreiche Studien zum Lügen angeschaut und sie miteinander verglichen. „Was man mit einer ziemlichen Gewissheit sagen kann, ist, dass Männer etwas häufiger lügen als Frauen“, sagt er. Zudem würden jüngere Menschen tendenziell etwas häufiger lügen als ältere.
Aber längst sei nicht jede Lüge verpönt.

Das habe manchmal auch etwas mit der Etikette zu tun. „Wenn ich eine mir recht fremde Person frage, wie es ihr geht, erwarte ich eigentlich, dass sie antwortet, dass es ihr gut geht“, so Gerlach. Und weil wir das wissen, antworten wir das meist auch – anstatt ausführlich zu erzählen, dass gerade das Kaninchen der Tochter gestorben ist und man eigentlich selbst auch ziemlich gestresst sei. Gerlach unterscheidet daher zwischen zwei verschiedenen Arten von Lügen, zwischen schwarzen und weißen. Bei einer weißen Lüge versuche man, einer anderen Person einen Vorteil zu verschaffen. Das sind oftmals Höflichkeitslügen, wie „Ja, es geht mir gut“ oder „Mensch, du hast aber einen schönen neuen Mantel“, obwohl man den eigentlich wahnsinnig hässlich findet. Eine schwarze Lüge ziele dagegen auf den eigenen Vorteil ab. Wer etwa im Bewerbungsgespräch behauptet, dass er richtig gut mit Excel umgehen kann, obwohl er dort nichtmals eine Summe berechnen lassen kann, der lügt schwarz.

„Lügen ist immer eine Risikoabwägung. Wenn mir jemand glaubt, erreiche ich vielleicht kurzfristig mein Ziel, werde zum Beispiel eingestellt“, sagt Gerlach. Langfristig könne man aber immer noch ein Problem bekommen. Wer dann auf der Arbeit tatsächlich mit Excel arbeiten soll, hat ein paar Schwierigkeiten. „Um eine Lüge durchzubringen, setzt man seine Reputation ein“, erläutert der Experte. Daher lernen auch Kinder gerne den Spruch: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – und wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Die Wahrheit herausfinden

Laut Gerlach sollten sich HR-Abteilungen über all das durchaus Gedanken machen. In einigen Punkten tun sie das meistens auch. Es ist etwa völlig normal, dass man Arbeitszeugnisse verlangt, wenn jemand im Lebenslauf angibt, vorher schon bei einer anderen Firma erfolgreich gearbeitet zu haben. So handhabt es zum Beispiel BMW. Der Autokonzern teilt auf Anfrage mit: „Wir lassen uns im Zuge des Bewerbungsprozesses berufsrelevante Unterlagen vorlegen. Sollten hier Ungereimtheiten auftreten – was nach unseren Erfahrungen äußerst selten passiert –, würden wir diese offen adressieren. Sollten wir Widersprüche nicht auflösen können, würden wir von einer Einstellung absehen.“

Was man zudem tun kann: eine Unternehmenskultur etablieren, die Lügen wenig reizvoll macht. Bei der GLS Bank zum Beispiel versuchen sie genau das. „Unsere Kultur ist sehr wertebasiert. Transparenz ist einer unserer Kernwerte“, sagt Personalleiterin Janina Zajic. Schon in Bewerbungsgesprächen würde das den Kandidaten vermittelt. Entsteht doch einmal das Gefühl, angelogen zu werden, sucht zuerst der direkte Vorgesetzte das Gespräch. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Mitarbeiter im Homeoffice an Stelle der Arbeit andere Sachen erledigen und darüber lügen. Führt das Gespräch zu keinem Ergebnis, schaltet sich die Personalabteilung ein. „Dann ist auch ein Vertreter unseres Vertrauenskreises, unserer Mitarbeitendenvertretung, mit dabei“, so Zajic. Denn zu viel Druck in einem Gespräch aufzubauen, bringt da nicht weiter.

Lügen vorzubeugen, ist vermutlich die sinnvollste Methode. Denn diese sind meist schwer zu erkennen, selbst für den Profi Michael Saller, der früher beim Kartellamt arbeitete. Häufig würden Menschen eh nicht glatt lügen, sondern viel mehr Interpretationsspielraum offenlassen oder bewusst einen falschen Schluss nahelegen. Saller fragte mal einen Manager, ob er am 6. Juni bei einem Treffen in Berlin dabei war. Als Antwort erhielt er, dass der Manager in Hamburg gewesen sei. Was er ihm zuerst nicht sagte: dass er zunächst am Morgen in Hamburg war, danach aber sehr wohl nach Berlin fuhr, um an dem Kartelltreffen teilzunehmen.

Leuten etwas entgegenzuhalten, die angeben, sich nicht erinnern zu können, sei oft unmöglich. „Es gibt in dem Sinne auch keine Lügenmerkmale“, so Saller. Dass Lügner zum Beispiel Augenkontakt meiden, sei Unsinn. Einen Warnhinweis gibt es zumindest: Menschen, die stets behaupten, dass sie die Wahrheit sagen, machen laut Saller gerne mal das Gegenteil. „Wer tatsächlich die Wahrheit sagt, hat es nicht nötig, das zu betonen.“ Was es laut Saller aber gibt: Merkmale, dass jemand die Wahrheit sagt. „Das wären unter anderem Detailkenntnisse bei Nachfrage. Wenn ich etwas selbst erlebt habe, kann ich das viel besser berichten als bei einer ausgedachten Geschichte.“ Wer zum Beispiel behauptet, gestern bei einem Abendessen dabei gewesen zu sein, denkt womöglich nicht daran, wer von den anderen Gästen auf welchem Sitzplatz war. Klar könnte man sich das auf Rückfrage auch noch schnell ausdenken. Was aber passiert, wenn die gleiche Frage später noch einmal kommt? Kriegt man dann wieder die gleiche ausgedachte Reihenfolge zusammen? Konstanz in der Erzählung ist also ein Kriterium. Doch Saller warnt: „Geübte Lügner führen gelegentlich Tagebücher.“ Bei ihnen könnte man darauf achten, ob sie ihre Geschichte immer in exakt der gleichen Reihenfolge erzählen, um sich nicht zu verheddern. „Wer etwas wirklich erlebt hat, kann ohne Probleme zwischen den Ereignissen hin und her springen“, so der ehemalige Kartellamtsermittler.


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Für Bewerbungsgespräche rät Saller dazu, überraschende Fragen zu stellen, auf die man sich nicht gut vorbereiten kann. Und: nicht lockerlassen, auf die Formulierungen achten. Ein „Studium der Betriebswirtschaftslehre“ muss ja längst nicht bedeuten, dass man einen Abschluss in BWL hat. Die Grundregel kommt aus der Vernehmungstechnik: „Lassen Sie den anderen erst mal reden, dann stellen Sie Detailfragen.“

Auch Profi Saller kann sich an einen Fall erinnern, bei dem er einer Lüge aufgesessen war: Als seine Behörde eine Firma durchsuchte, zeigte sich deren Geschäftsführer total überrascht von dem Vorwurf, an einem Kartell beteiligt zu sein. „Er erscheint von dem Kartell völlig überrascht und hatte dann volle Kooperation angekündigt“, erinnert sich Saller. Das kam ihm glaubwürdig vor. Kurze Zeit später nahm aber genau das Unternehmen jenes Managers die Kronzeugenregelung des Kartellamts in Anspruch, wobei dieser Manager sogar Teil des Kartells war, gestand und über seine Mitverschwörer berichtete. Zu eindeutig waren wohl die Beweise gegen ihn. „Da war ich echt ziemlich überrascht“, sagt Saller. Aber hinterher ist man bekanntlich ja immer schlauer.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Fake. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Mann mit kurzem Bart und Anzug, schaut direkt in die Kamera, vor einer modernen Gebäudefassade.

Jan Schulte

Jan Schulte ist freier Journalist und Mitbegründer des Journalistenbüros dreimaldrei. 2024 wurde er als einer der Top 30 bis 30 ­Nachwuchsjournalisten vom Medium Magazin ausgezeichnet.

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