Viele der Restrukturierungen, die derzeit Schlagzeilen machen, sind durch tiefgreifende Marktveränderungen und Technologiewechsel ausgelöst. Wenn Unternehmensbereiche dauerhaft überdimensioniert sind – wie in Teilen der deutschen Zulieferindustrie – oder wenn technologische Sprünge wie KI ganze Tätigkeitsprofile verschieben, helfen Maßnahmen wie Kurzarbeit nicht weiter. Sie behandeln Symptome, lösen aber keine strukturellen Probleme. Ebenso ist Qualifizierung – Reskilling und Upskilling – zwar ein zentraler Baustein moderner Workforce-Strategien. Doch nicht überall lässt sich der notwendige Kompetenzshift schnell genug oder wirtschaftlich darstellen.
In dieser Situation besteht verantwortungsvolle Führung nicht darin, Kündigungen zu vermeiden – sondern darin, sie richtig zu gestalten. Denn wie sich ein Unternehmen von Mitarbeitenden trennt, entscheidet darüber, wie die Organisation danach funktioniert: ob Bindung erhalten bleibt, ob Leistung stabil bleibt, ob Vertrauen bestehen bleibt. Und es entscheidet, wie Talente, Kunden und Investoren das Unternehmen wahrnehmen.
Fairness, Klarheit, Würde – die Leitplanken guter Trennungen
- Hängepartien vermeiden
Wenig ist für Belegschaften toxischer als wochenlange Spekulationen über mögliche Abbauzahlen. Solange unklar bleibt, wen es trifft, wächst der emotionale Druck – und sinkt die Leistungsfähigkeit. Frühe Klarheit ist ein Akt der Fairness und zugleich ein ökonomischer Imperativ: Sie gibt Betroffenen Zeit zum Planen und bewahrt den Rest der Organisation vor lähmender Unsicherheit.
- Führungskräfte gründlich vorbereiten
Trennungsgespräche gehören zu den schwierigsten Momenten einer Führungslaufbahn – und dennoch werden viele Führungskräfte darauf kaum vorbereitet. Was hilft, sind Leitfäden, Formulierungsvorschläge und Rollenspiele. Außerdem brauchen Führungskräfte ausreichend Zeit zur Vorbereitung: Sie müssen also frühzeitig eingeweiht werden, damit sie ihrer Verantwortung für respektvolle Trennungsgespräche wahrnehmen können.
- Gespräche mit Zeit, Ruhe und Respekt
Klingt banal, wird aber oft missachtet: ein ungestörter Raum ohne Glaswände, keine Begegnungen von Betroffenen wie im Wartezimmer einer Arztpraxis, ausreichend Zeit statt „Kündigungen im Akkord“. Jede Kündigung greift tief in die Identität eines Menschen ein. Das Setting muss dem gerecht werden.
- Klar kommunizieren – nicht um den heißen Brei reden
Ehrlichkeit macht die Nachricht nicht leichter, aber erträglicher. Entscheidend ist, klarzumachen, dass der Arbeitsplatz entfällt – und nicht die Person versagt hat. Beschönigungen oder lange Rechtfertigungen erschweren es den Betroffenen nur, die Situation anzunehmen.
Mehr als Geld: Was Wertschätzung in der Trennungspraxis bedeutet
Finanzielle Absicherung ist wichtig – besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten. Aber entscheidend bleibt der Umgang, sowohl in der individuellen Kommunikation als auch in der Kommunikation an die gesamte Organisation. Transparente, empathische Kommunikation signalisiert Haltung: Tritt die Unternehmensleitung persönlich vor die Belegschaft? Wird offen erklärt, warum der Stellenabbau notwendig ist? Erhalten die Mitarbeitenden ausreichend Zeit, die Nachricht zu verarbeiten, oder wird erwartet, dass sie gleich wieder am Schreibtisch sitzen oder am Band stehen?
Noch ein Wort zum Thema Geld: Abfindungslogiken sollten bewusst gewählt werden: Belohnt das Unternehmen Betriebstreue? Oder unterstützt es gezielt jene stärker, die es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden? Die Antwort ist nicht nur eine finanzielle, sondern eine kulturelle Botschaft. Und über die Abfindung hinaus gilt: Unterstützung macht den Unterschied. Coaching, Outplacement, Beratung bei der Jobsuche – alles, was Menschen hilft, schnell wieder Tritt zu fassen, ist nicht nur sozial, sondern stärkt auch die Reputation.
Präsenz oder Freistellung? Der richtige Schlussstrich
Auch die Frage, ob Mitarbeitende bis zum letzten Tag weiterarbeiten sollen oder freigestellt werden, hat Gewicht. Lange Kündigungsfristen wirken fürsorglich – können aber zu monatelangen Abschiedsphasen führen, die die Moral in den Teams massiv belasten. Organisationen, in denen über Wochen Abschiedsfeiern stattfinden und täglich neue Abschiedsmails die Runde machen, geraten unweigerlich in ein Stimmungstief. Wo keine Übergaben oder der Abschluss von Projekten nötig sind, ist eine bezahlte Freistellung oft die bessere Lösung: Die Betroffenen gewinnen Zeit für die Neuorientierung, und die verbleibenden Teams können schneller wieder nach vorne schauen.
Kommunikation entscheidet über Reputation und Zukunftsfähigkeit
Wie ein Unternehmen Entlassungen kommuniziert, wirkt nach innen wie außen. Wird der Abbau nachvollziehbar begründet? Passt das Timing? Einen Stellenabbau in einem Atemzug mit Rekordzahlen zu verkünden, mag der Börse gefallen, aber es beschädigt Vertrauen und wirkt unsensibel.
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Besonders erklärungsbedürftig: wenn Unternehmen gleichzeitig abbauen und aufbauen. Viele Unternehmen betreiben heute einen skillbasierten Umbau: Sie reduzieren dort, wo Fähigkeiten an Bedeutung verlieren, und stellen dort ein, wo neue Kompetenzen dringend gebraucht werden. Nur wer transparent erklärt, wie das zusammenpasst, bleibt für Talente attraktiv.
Worauf es am Ende ankommt
Anständig kündigen heißt nicht, Trennungen schmerzfrei zu machen – das wäre illusorisch. Es heißt, sie verantwortungsvoll, transparent und menschlich zu gestalten. Der Moment der Kündigung ist ein Prüfstein für Kultur und Glaubwürdigkeit: Er entscheidet nicht nur über die Zukunft derjenigen, die gehen müssen, sondern auch darüber, wie leistungsfähig diejenigen bleiben, die das Unternehmen weiter tragen.

Johannes Brinkkötter
