Büroarbeiter oder Heimwerkler?

Sind Sie auch so ein Vater? Aber Sie kennen doch sicher einen, oder? Wir meinen einen dieser Väter, die ihre Kinder zu selten sehen, weil der Job so viel von ihnen verlangt und die deshalb eigentlich immer ein schlechtes Gewissen haben. Oder kennen Sie eher die Väter, die von zuhause oder – neudeutsch – „remote“ arbeiten und mit ganz anderen Herausforderungen klar kommen müssen? Wir haben uns gefragt, was sich diese Väter wohl zu sagen haben und sie, angelehnt an den Briefaustausch zwischen einer berufstätigen Mutter und einer nicht-berufstätigen Mutter, Briefe schreiben lassen.

Lieber Office Vater,

ich weiss, viele denken, der werktäglichen Gang ins Büro sei eine Flucht vor der Familie und den Kindern. Er sei dein Weg, um deinen persönlichen Freiraum zu genießen und dem häuslichen Dauerstress und der Beschallung durch die Kinder zu entgehen. Was sie dabei nicht sehen, ist, wie schwer dir dieser Schritt immer wieder fällt. In Wahrheit gibst du einen großen Teil deiner Freiheiten auf, um im Büro präsent zu sein ohne immer auch gedanklich anwesend sein zu können. Auch du sorgst dich um deine kranken Kinder, du möchtest die Mutter dieser Kinder stärker unterstützen.

Weder die Gesellschaft, noch dein Arbeitsumfeld und deine Chefs haben dafür Verständnis. Du gibst dich der Managementmaschinerie hin, ohne selbst Einfluss nehmen zu können. Du fühlst dich, als hättest du mit deinem Arbeitsvertrag und der vereinbarten 40-Stunden-Woche deine Seele verkauft. Wie viel mehr an Leistung könntest du bringen, wenn du freier wärest in der Ausgestaltung deiner Zeit.

Natürlich ist deine Arbeit wichtig! Du hältst so vieles „am Laufen“. Du bist der Wirtschaftsmotor Deutschlands, in deinem Kopf entstehen neue Produkte und bahnbrechende Innovationen. Du sorgst dafür, dass morgens das Licht angeht und wir Wasser zum Duschen haben. Du backst unsere Brötchen und leitest unsere Großunternehmen. Ohne dich würde so vieles nicht mehr funktionieren. Wir alle brauchen dich – oder zumindest die gute Arbeit die du allen Widerständen zum Trotz zu leisten vermagst.

Doch ich habe auch schon so viele getroffen, die wie du leben. Väter, deren Kinder aus dem Gröbsten raus waren und in deren Augen ich das Bedauern erkennen konnte, dass sie davon so wenig mitbekommen und so viel verpasst haben. Sie konnten nicht da sein, als ihr Sohn seinen ersten Wackelzahn verloren hat. Sie waren auf Dienstreise, als ihre Tochter den ersten Liebeskummer hatte. Sie hatten wie du keine Wahl. „Die Pflicht“ rief sie und dich und ihr habt gehorcht. Es ist euer Weg, die Brötchen zu verdienen, euren Kindern ein gutes Leben und Aufwachsen zu ermöglichen, dass hier bei uns – mit all den immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Schranken – leicht so anders aussehen kann. Manchmal entscheidet ja doch die Straße, in der man seine Kinder aufwachsen lässt, darüber, was aus ihnen wird. Du willst deinen Kindern optimale Voraussetzungen schaffen und ihnen das Beste geben.

Wie du nutzen immer mehr Väter die Möglichkeiten, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Wahrscheinlich warst du zwei Monate in Elternzeit. Zwei Monate, die du mit dem Fokus auf die Familie verbringen konntest. Aber auch zwei Monate, in denen die Angst vor der Reaktion der Kollegen und der Chefs nach deiner Rückkehr immer im Hinterkopf war. Die ständigen Fragen nach dem „Was habe ich verpasst?“ und „Sind meine alten Aufgaben auch meine zukünftigen Aufgaben?“. Du lebst leider auch in diesem Bezug nicht in einer angstfreien Zone.

Aber das Office hat auch seine guten Seiten. Wenn du im Office bist, bleibt dir auch mal die Zeit einen Kaffee zu trinken. Du hast immer Menschen um dich herum mit denen du dich spontan über die Bundesligaspiele des Wochenendes unterhalten kannst. Wenn du Glück hast, kannst du dich in der Kantine gesund ernähren – dann gehörst du allerdings wohl zu einer privilegierten Minderheit. Genieß es. Und vielleicht hast du auch das Glück, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und wenigstens so ausreichend Bewegung zu bekommen. Ansonsten sind die Stunde Arbeitsweg morgens und abends ja auch selten erholsam.

Das alles erkauftest du dir aber auch um den Preis der ständigen Verfügbarkeit und Unterbrechung. Es vergehen kaum fünf Minuten ohne eine dringende E-Mail oder einen Kollegen, der an deinem Arbeitsplatz auftaucht um eine dringende Frage mit dir klären. Nicht zu vergessen die Meetings, die vor allem eines kosten: Zeit – und die trotz aller Klagen doch weiter zum Büroalltag gehören.   

Schlimm sind die Momente, in denen deine Kritiker Recht bekommen. In denen deine Familie tatsächlich vollkommen aus deinem Blickwinkel verschwindet, ob der positiven Flow Momente oder dem schwer entrinnbaren Hamsterrad, die deine Karriere begleiten und doch auch erlebenswert machen. Denn deine Karriere ist für dich ebenfalls ein wichtiger Teil deines Selbstwertgefühls. Ich beneide dich nicht um das Schuldgefühl erst zu später Stunde mehrere verpasste Anrufe von zuhause auf dem Display deines Smartphones zu sehen. Voicemails deiner Kinder abzuhören, die vor vier Stunden noch 15 Minuten auf dich warteten, bevor sie ins Bett mussten – und die doch jetzt schlafen. In ein dunkles Zuhause zu treten, fast entschuldigend für die am Tage erbrachte Leistung und nur noch einen Blick in die Schlafzimmer erhaschen zu können, gibt dir oft das Gefühl, der Ernährer, aber auch der Verhungernde zu sein. Ich beneide dich noch viel weniger um die Tabuisierung, die dich davon abhält, dich mit Kollegen und Kolleginnen oder auch zuhause über dieses Gefühl einfach mal auszutauschen.    

So bleibt deine Zeit mit der Familie in viel zu kurze Abende und das Wochenende gepresst – und geht jedes Mal viel zu schnell vorbei. Dabei sind diese Zeiten noch angefüllt mit all den anderen Kleinigkeiten, die erledigt werden müssen. Die Steuererklärung, die Zeit frisst. Der tropfende Wasserhahn, die 100 Digitalfotos der letzten Woche. Bei all dem bleibt wenig Zeit für dich selbst. Was bleibt ist die Spannung zwischen dem auch mal abschalten zu wollen und dem Versuch nach fünf Arbeitstagen das Privatleben in 48 Stunden Gemeinsamkeit zu pressen. Dein Leben ist viel zu oft fremdbestimmt und du freust dich auf die Zeit in der Rente, wenn du endlich all das nachholen kannst, was du jetzt fürchtest zu verpassen. Ich wünsche dir, dass du dann noch fit genug bist um in diese spannende Phase zu starten und das Leben so zu genießen, wie du es dir heute schon wünschst.

Ich wollte dir einfach nur sagen, dass ich dich verstehe. Wir sind beide Väter. Und ich weiß, worum es geht. Lass dich nicht unterkriegen. 

Liebe Grüße von einem Remote Vater   

Gastbeitrag von Guido Bosbach und Heiko Fischer
Guido Bosbach
Autor
Guido Bosbach
Gründer
Remote Work Group
Heiko Fischer
Autor
Heiko Fischer
Chief Resourceful Human
Resourceful Humans Consulting GmbH

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