Der Anekdotenerzähler

Ein Mensch im Internetzeitalter muss mehr können als nur Wissen anzuhäufen, das man auch im Netz finden kann, sagt Gunter Dueck. Er gilt als Vordenker der digitalen Welt.

Man kann ihn sehr gut im Netz finden. Natürlich. Er hat eine eigene Internetseite mit Blog, einen Twitter-Account, Facebook-Seite, über ihn wird gesprochen und er selbst spricht auch ganz viel. Man kann sich einige seiner Vorträge auf YouTube anschauen. Man sollte das auch. Zum Beispiel den, den er auf der re:publica 2011 gehalten hat. Dafür gab es viel Jubel – und ein wenig Kritik. Wenn man Gunter Dueck das erste Mal auf einer Bühne sieht und ihn reden hört, kann man sich zunächst gar nicht vorstellen, dass irgendjemand diesem sanften Menschen mit der friedlichen Stimme etwas Böses will. Der 60-Jährige fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne und redet völlig frei. Er versteckt sich hinter keinem Podest, um dann stur und dröge seine Punkte runterzurattern. Dueck erzählt immer wieder persönliche, witzige Anekdoten, gibt viele Beispiele zu seinen Thesen. Manchmal scheint es, er mäandert ins Nirgendwo, aber dem ist nicht so. Am Schluss kommt er an. Er will es plastisch machen, verdeutlichen, vor allem aber will er unterhalten. Das kann er. Eilig darf man es jedoch nicht haben, wenn man ihm zuhört. Die kleinen Anekdoten und Geschichten braucht er, um das große Ganze anschaulich zu machen. Alles ist schrecklich kompliziert, bei Dueck wird das Komplizierte etwas einfacher.

Man braucht also ein bisschen, um mit seinem Vortragsstil warm zu werden. Doch bald begreift man, dass hier jemand ist, der was zu sagen hat.

Das große Ganze, das er im Kleinen deutlich macht, das war in seinem Vortrag auf der re:publica im vergangenen Jahr die Bedeutung des Internets in unserer Gesellschaft. Der Forschritt und die Möglichkeiten, die mit dem Internet verbunden sind. Aber vor allem ist Duecks Thema der Wandel, den das Netz schon jetzt hervorgebracht hat und weiter vorantreiben wird, vor allem der Wandel der Arbeitsgesellschaft.

Es ist nämlich so, dass bestimmte Berufe aufgrund der Automatisierung durch das Internet verschwinden werden, weil Menschen in diesen Jobs nichts anderes machen, was nicht auch Computer (irgendwann) mit Internetverbindung können: Informationen rausgeben, die jeder vorher selbst nachschauen kann. Dueck spricht von der „Flachbildschirm-Rückseiten-Beratung“, die es heute immer noch gebe an irgendwelchen Service-Schaltern. Sie ist sozusagen die Vorindustrialisierung der betreffenden Berufe. Man betrachtet als Kunde also die Rückseite eines Monitors, während beispielsweise der Versicherungsagent schaut, was es für Unterschiede zwischen den Haftpflichtversicherungen Basic, Gold und Platin gibt.

Eigentlich ist das unnötig. Und wenn jemand so etwas sagt, klar, das ist hart. Und dann sagt er während seines re:publica-Vortrags irgendwann den Satz, an dem sich später exemplarisch die Kritik festmacht: „Glauben Sie nicht, wenn jemand eine Krankheit hat, dass er dann zehnmal mehr weiß nach zwei Stunden surfen als sein Arzt?“ Sascha Lobo hat ihm deshalb unter anderem eine Verhöhnung von Ausbildung, Professionalität und Wissenschaft vorgeworfen.

Doch das liegt Dueck fern. Er weiß selbst, dass man durch zwei Stunden surfen keine mehrjährige medizinische Ausbildung ersetzen kann. Er will wachrütteln, den Menschen begreiflich machen, welche Veränderungen auf uns zu kommen, und dafür überspitzt er und nutzt die Polemik in ihrem ursprünglichen Sinne als Stilmittel. Vielleicht schießt er ab und an übers Ziel hinaus, doch letztendlich geht es ihm nur darum zu sagen: Das Einfache wird automatisiert. Und darauf müssen wir vorbereitet sein.

Spaltung der Gesellschaft

„Wo sind die nächsten Arbeitsplätze?“ Für den ehemaligen Chief Technology Officer von IBM ist dies eine der spannendsten Fragen der nächsten Zeit. Immer wieder appelliert er, dass wir in Zukunft mehr können müssen als das, was ohnehin schon im Internet zu finden ist, das faktische Wissen. Das könne man schließlich lernen.

In der Arbeitsgesellschaft von morgen wird es einfache Aufgaben geben, die jeder kann, und Dinge, die schwierig sind. Die Spaltung macht sich für den Mathematiker nicht an der Frage fest, ob jemand eine Ausbildung hat oder nicht. Er sagt: Die Welt scheidet sich in Professionals und Unprofessionals.

Was die Professionals ausmacht, ist unter anderem ihre Begeisterung und die Fähigkeit zur Kommunikation. Sie sind initiativ, überzeugen andere und sind in der Lage, in einer Welt, in der Projektarbeit immer wichtiger wird, Teams zu leiten. „Wir brauchen Menschen, die von sich aus sagen: Wir gehen in die Zukunft“, betont Dueck im Gespräch, „Menschen, die gerne lernen wollen, die gerne mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Das muss ihnen aber als Haltung beigebracht werden – und zwar schon im Elternhaus.“

In einem Essay hat Dueck einmal geschrieben, dass ein neues Bildungssystem sich der Bildung „runder“ Persönlichkeiten widmen muss. „Die frühkindliche Erziehung muss daher viel ernster genommen werden, weil in der frühen Zeit die Charakterbildung stattfindet.“ Und die Arbeitgeber wiederum dürfen nicht mehr einfach die Übernahme fertiger Persönlichkeiten aus dem Bildungssystem erwarten, sie müssen sich stärker beteiligen, Mitarbeiter auf höhere Professionalitätsstandards zu entwickeln.

Von allem etwas

Gunter Dueck möchte die Welt ein bisschen besser machen. Dafür kann man sich nicht nur mit Management oder Ökonomie oder Technik beschäftigen. Alles ist relevant. Wer sich so für den Wandel der Ökonomie und der Gesellschaft begeistern kann, der darf sich nicht nur mit einzelnen Wissensbereichen auseinandersetzen. Der muss von allem etwas wissen und überall seine Nase rein gesteckt haben: Wirtschaft, Philosophie, Psychologie – Mathematik sowieso. Dueck hat das getan. Vielleicht ist er so eine Art Universalgelehrter.

Er war fünf Jahre Professor für Mathematik an der Universität Bielefeld bevor er 1987 zum Wissenschaftlichen Zentrum von IBM in Heidelberg wechselte, wo er eine große Arbeitsgruppe zur Lösung von industriellen Optimierungsproblemen gründete und maßgeblich am Aufbau des Data-Warehouse-Service-Geschäfts der IBM Deutschland beteiligt war. Er arbeitete an der Strategie und der technologischen Ausrichtung des Unternehmens mit und kümmerte sich ebenfalls um Fragen des kulturellen Wandels. Zuletzt hatte er den Titel des Chief Technology Officer auf der Visitenkarte stehen. Im August 2011 ist er in den Ruhestand gegangen und kann sich seitdem verstärkt auf seine Vorträge und sein Schreiben konzentrieren. Dass er Spaß am Schreiben hat, sieht man seinen Texten an. Die Liebe zur Sprache lässt sich leicht herauslesen. Der nun freie Schriftsteller hat eine Menge Bücher veröffentlicht, satirisch-philosophische Bücher über das Leben, die Menschen und Manager zum Beispiel. Seine eigene Philosophie ist in drei Bänden erschienen. Zuletzt hat er das Buch „Professionelle Intelligenz – worauf es morgen ankommt“ veröffentlicht.

Wie rücksichtslos der Wandel sein kann, hat er schon früh selbst sehr genau mitbekommen. Schließlich ist Gunter Dueck in Groß Himstedt bei Hildesheim aufgewachsen, auf einem Bauernhof. „Ich habe erfahren, wie mein ganzes damaliges Leben von Mähdreschern und Treckern radikal verändert wurde. Das geschieht heute nochmals. Diesmal ist es das Internet mit der damit möglichen Globalisierung. Die Veränderung bereitet Anpassungsschmerzen, so jammern alle. Ich will aber, dass es Geburtsweh einer besseren Welt ist.“ So schreibt er auf seiner Internetseite.

Doch den Menschen die Angst vor der Veränderung zu nehmen, ist gar nicht so einfach. Das hat er schon in seiner ersten Zeit bei IBM gemerkt, als er durch Fabriken ging und die dortigen Probleme mit Optimierungsalgorithmen bearbeitet hat. Denn die Menschen wollten die Lösungen oft nicht, obwohl das IBM-Team mit seinen Algorithmen bessere Ergebnisse liefern konnte. „Wir sind mit klarer Logik gekommen und sind auf Betonmauern von Zurückhaltung gestoßen“, erzählt er. Das war für ihn ein Aha-Erlebnis und die Widerstände bei den Kunden – sogar bei manchen Geschäftsführern – der Anlass, die Grenzen der eigenen Erkenntnis zu erweitern. Er hat angefangen, sich mit Philosophie zu beschäftigen, mit Wandel, Innovation und Psychotherapie.

Sitzt man ihm direkt gegenüber, erkennt man sofort, hier, im persönlichen Gespräch, sitzt derselbe Mensch, der auf den vielen Bühnen seine Vorträge hält. Er verstellt sich nicht. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Dueck ist das, was man authentisch nennt. Der 60-Jährige ruht in sich, zeigt sich humorvoll und sympathisch. Da sitzt jemand, der stets Gestalter seines Lebens war und ist, und dies auch anderen Menschen wünscht. Wie viele kluge Leute, kommt er nicht völlig ohne Anzeichen der Selbstverliebtheit aus. Das nimmt man als Gegenüber allerdings nicht übel, genauso wie die Tatsache, dass er nie kurz und knapp, sondern immer etwas ausufernd antwortet, inklusive einiger Anekdoten.

Personalern fehlt der Sinn für Exzellenz

Es sind in der Regel sehr schöne Anekdoten. Und in der ein oder anderen kommen auch Personalmanager vor, die allerdings in der Regel bei dem Ex-IBMler nicht so gut wegkommen.
„Ich muss noch eine Anekdote erzählen“, fängt er an. Und er erzählt. Wie ein HR Manager und er gemeinsam ein Bewerbungsgespräch mit einem Jobkandidaten führten. Es ging wohl um eine Programmiererstelle, gesprochen wurde aber eine Stunde lang darüber, wie der Mann sich Bach-Kantaten und Beethoven-Sonaten „erarbeitet“. Man sprach über Interpretationen der Musikstücke, die genaue Länge von Pausen und Noten, und „dann wurde es immer komplizierter. Es war ein sehr schönes Gespräch“, sagt Gunter Dueck – tatsächlich in einem schwärmerischen Ton.

Als der Kandidat schließlich das Zimmer verließ, machte Dueck sofort klar: „Den nehme ich in meine Abteilung. Der ist gut.“ „Was machen wir denn jetzt? Sie haben doch gar nichts über das Programmieren gefragt“, erwiderte der Personaler. „Das muss ich nicht, ich muss nur feststellen, ob er gut ist.“ Und so ging das dann eine Weile hin und her, mit dem Ergebnis, dass der HR Manager nachgegeben hat.

Gunter Dueck ist der Ansicht, den Personalern fehle im Recruiting der Sinn für die Exzellenz. Sie suchten zu häufig die gut funktionierenden Mitarbeiter, die keine Probleme machen. „Was wir brauchen sind aber individuelle Leute, die einen eigenen Kopf haben, bei denen ein HR Manager vielleicht sagen würde, das sind Künstler, Querdenker oder Eigensinnige. Die machen halt Mühe.“

Sie mögen schwierig sein, aber sie haben den Willen und die Leidenschaft, Projekte erfolgreich zu Ende zu bringen. Deshalb sollte man sie machen lassen, den besonderen Charakter schätzen lernen. „Die darf man nicht an die Kette legen.“

Und damit ist man bei dem Thema Führung. Es gehe nicht nur um professionelle Mitarbeiter, betont Dueck, auch das Management müsse in die neue Zeit. „Das Führungsproblem ist noch viel gravierender als das Thema Professionals. Die neuen Chefs müssen jetzt wirklich coachen und führen, nicht nur immer mit dem ewigen Inspektorenblick in das Zimmer des Mitarbeiters reingestänkert kommen und fragen: Wie weit bist du?“

Dueck ist ein Nachdenker. Und er gefällt sich durchaus in der Rolle des Provokateurs. Bei IBM nannten sie ihn „Wild Duck“. Ein amerikanischer Begriff, der so etwas wie „Querdenker“ bedeutet. Der Begriff passt schön zu seinem Namen.

von Jan C. Weilbacher

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