„Es wird keine totale Flexibilisierung geben“

Er hat in Deutschland den Begriff des Arbeitskraftunternehmers geprägt. Ein Gespräch mit dem Soziologen Gerd-Günter Voß über die steigenden Anforderungen, die mit der Zunahme an Freiheit einhergehen.

Im Jahr 2000 ist der berühmte Essay „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett erschienen. Der zeichnete ein Bild vom Menschen in der Arbeitsgesellschaft, der sich orientierungslos durchs Leben bewegt und unfähig ist, einen individuellen Charakter auszubilden, weil es an langfristigen Verbindlichkeiten fehlt. Ziemlich düster, oder?
Das ist ein düsterer Text, ja. Man muss ihn als einen zeitdiagnostischen Essay betrachten, der jedoch immer noch seine Gültigkeit hat. Menschen müssen sich im „flexiblen Kapitalismus“ – wie es Sennet nennt – zunehmend in allen Lebensbereichen, insbesondere aber auf dem Gebiet der Arbeit, flexibel mit entsprechenden Kompetenzen selbstorganisieren. Das hat Sennett durchaus richtig gesehen.
Ich widerspreche aber seiner Ansicht, dass es für Menschen angesichts dessen völlig unmöglich wird, eine stabile Biografie und Identität aufzubauen, sowie seiner ausweglos pessimistischen These über die Entwicklung der Gesellschaft. Doch die allgemeine Frage, die er sich stellt, ist auch die meine: Was sind die neuen Subjekte oder die neuen Menschentypen  – wie Max Weber gesagt hätte –, die im flexiblen Kapitalismus leben müssen? Welche Fähigkeiten müssen sie haben und welchen Belastungen sind sie ausgesetzt?

Man hat oft ein bisschen das Gefühl, wenn Soziologen die Arbeitswelt beschreiben, greift ein grundsätzlicher Kulturpessimismus. Ist der Trend hin zu mehr Selbstbestimmung im Berufsleben nicht etwas Positives?
Soziologen haben unter anderem die Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu diagnostizieren und damit den Finger in die Wunde zu legen, wenn es sein muss.
Und zum anderen: Es ist wichtig zu sehen, dass diese Entwicklung über die wir hier sprechen nicht in einen Weltuntergang führt. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und es zeigen sich dabei gravierende neue Probleme. Aber die Entwicklung ist extrem ambivalent – wesentlich ambivalenter als bisherige Entwicklungen. Auf der einen Seite werden völlig neue Ansprüche an Menschen, Betriebe und die Organisationen unserer Gesellschaft insgesamt gestellt, mit steigendem Risikopotenzial. Und auf der anderen Seite entstehen ganz neue Gestaltungschancen. Aber diese Chancen sind nicht selten hoch problematisch. Die Menschen können ihr Leben flexibler gestalten. Gleichzeitig wird die Gefahr der Überforderung größer und sie werden mit ganz neuen Formen des Scheiterns konfrontiert. Die aktuelle Diskussion über Burn-out ist ein wichtiges Symptom.

Was sind das für Menschen, die mit dieser Entwicklung besonders gut zurechtkommen?
Das sind Menschen, die psychisch, sozial wie nicht zuletzt auch körperlich, sehr stabil und hoch kompetent in allen Lebensbereichen sind – nicht nur in Bezug auf die Arbeitswelt. Für mich als Soziologen stellt sich jedoch zugleich und letztlich primär die Frage, wer die Menschen sind, die mit der Entwicklung nicht klarkommen. Es sind Menschen, denen die notwendigen Bildungsvoraussetzungen fehlen oder die auf problematische Arbeitsmarktsegmente verwiesen sind und vielleicht sogar aus ihren beruflichen Biografien herausfallen. Auch ältere Menschen bringen nicht immer die optimalen Voraussetzungen für eine hoch flexible Arbeitswelt mit, genauso wenig wie Männer und Frauen, die in eine Lebensphase kommen, in der sie Familie haben. Dann gehören sie nicht mehr zu denjenigen, die ständig auf hohem Niveau einsatzbereit und bis zum Letzten anpassungsfähig sind, wie es die moderne Arbeitsgesellschaft zunehmend verlangt.

Sehen sie die zunehmende Vermischung von Arbeit und Privatem ebenfalls als problematisch an?
Diese Vermischung – wir sprechen auch von einer Entgrenzung – von Arbeitsleben und dem Rest des Lebens ist ebenfalls sehr ambivalent. Für manche ist das durchaus eine Bereicherung. Das sind diejenigen, die die entsprechenden persönliche Voraussetzungen mitbringen, damit positiv umzugehen. Und die vor allem betriebliche Bedingungen vorfinden, um flexible Arbeitszeitmodelle für eine Anpassung an ihre individuellen Lebensbedingungen zu nutzen. Es ist noch gar nicht so lange her, da galten die Stechuhr und rigide Arbeitszeiten als der große Feind der Arbeitenden und flexible Zeiten mit individueller Zeitsouveränität waren ein Ziel der Humanisierung von Arbeit. Mittlerweile muss man aber zunehmend erkennen, dass hochgradig entgrenzte Arbeitszeiten – vor allem in Verbindungen mit neuen Kommunikationstechniken – zu einer Überflutung mit Arbeitsanforderungen und zur Gefahr einer Selbstausbeutung führen können.

Von Ihnen stammt der Begriff des Arbeitskraftunternehmers. Kommt darin auch zum Ausdruck, dass Mitarbeiter immer mehr wie Selbstständige agieren müssen?
Ja. Der Begriff betont die immer wichtiger werdende Eigenschaft von Menschen, unternehmerisch mit sich als Anbieter von Arbeitskraft umzugehen. Flexible Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse und daraus resultierende flexible Lebenslagen verlangen das. Doch es geht nicht allein, ja nicht einmal vorrangig, um neue Formen von Selbstständigen. Interessanter ist, dass die Anforderungen an Selbstständigkeit und unternehmerisches Denken zunehmend auch in den konventionellen abhängigen Beschäftigungsformen zu finden sind.

Das unternehmerische Denken ist eine gern formulierte Anforderung in Stellenausschreibungen.
Diese Kompetenzforderung ist zu unterscheiden von den Anforderungen an einen Arbeitskraftunternehmer. Gemeint ist beim Arbeitskraftunternehmer nicht, im Sinne des Unternehmens zu denken und zu handeln – obwohl das wichtig ist. Sondern, dass Menschen zunehmend gefordert sind, sich selbst und ihr Leben als eine Art Betrieb zu betrachten. Sie müssen sich als jemanden sehen, der ein Produkt entwickelt und produziert – nämlich die eigenen Arbeitsfähigkeiten – und dieses dann mit einer Art individuellem Marketing anbietet und vermarktet. In unserer modernen Arbeitsgesellschaft muss man immer wieder neu beweisen, was man kann und wofür man nützlich ist. Und ich sage das erst einmal ohne Wertung.

Interessant ist auch, dass die Zahl der sogenannten Solo-Selbstständigen in Deutschland steigt. Viele Menschen hangeln sich unfreiwillig von Projekt zu Projekt. Aber es gibt ebenfalls viele Menschen, die gerne selbstständig sind. Würden sie dem zustimmen?
Das ist so, ja. Man kann beides beobachten. Gerade in Kreativbranchen in städtischen Zentren entsteht eine neue Selbstständigkeit, die beide Formen vereint: Zum einen ist es ein prekäres Freelancertum, das aus der Not heraus wächst, um irgendwie die Existenz zu sichern, weil ein stabiler Arbeitsplatz nicht zu finden ist. Zum anderen suchen nicht wenige Menschen gezielt Formen freier Berufstätigkeit, weil sie beispielsweise das Arbeiten in hierarchischen Betriebsstrukturen ablehnen. Sie sehnen sich nach einem Stück Freiheit und der Chance zur Selbstentfaltung in ihrer Arbeit. Das sind häufig junge, ungebundene Leute, die dann später im Laufe ihrer biografischen Weiterentwicklung aber nicht selten schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Was passiert, wenn man nicht mehr so fit ist oder andere Lebensbedürfnisse entwickelt? Viele suchen schließlich wieder konventionelle Beschäftigungsformen, die es jedoch dann in ihren Sektoren vielleicht nicht mehr gibt.

Welche Entwicklung sehen Sie für die Arbeitsgesellschaft in Deutschland?
Die Entwicklung geht weiter in die Richtung über die wir gesprochen haben. Aber es wird keine totale Flexibilisierung geben. Der Trend ist meines Erachtens gebrochen. Die Risiken einer hochgradigen Vermarktlichung von Wirtschaft und damit auch der exzessiven Flexibilisierung von Arbeit und Beschäftigung werden zunehmend auch in wirtschaftsliberalen Kreisen mittlerweile gesehen – spätestens seit der Finanzkrise. Die Neuregulierungen, die angesichts der Folgen einer hoch entgrenzten Arbeitswelt notwendig sind und nun immer lauter gefordert werden, können allerdings nicht mehr die alten Regulierungen sein. Man kann sagen, wir stehen vor einem neuen historischen Projekt der sozialen Gestaltung unserer Arbeitswelt: Wie kann man innerhalb einer fortgeschrittenen Entwicklung des modernen Kapitalismus neue Formen sozial verträglicher Arbeitsverhältnisse entwickeln, die die betrieblichen und individuellen Möglichkeiten von Flexibilität nicht zu sehr behindern, und die gleichzeitig neue Schutzmechanismen zur Verfügung stellen. Dies gilt für die Menschen wie auch für die Betriebe. Denn viele Unternehmen merken inzwischen selbst, dass sie mit unbegrenzter Flexibilität und einem ausufernden Anteil an externen und prekären Beschäftigten nicht nachhaltig arbeiten können.

von Jan C. Weilbacher
Gerd-Günter Voß
Professor für Industrie- und Techniksoziologie
TU Chemnitz

Gerd-Günter Voß befasst sich seit langem mit dem Wandel der Arbeitswelt. Zu seinen aktuellen Arbeitsschwerpunkten gehört unter anderem die Entgrenzung von Arbeit und deren psychosoziale Folgen. Gerd-Günter Voß hat mehrere Bücher veröffentlicht. So ist er Mitherausgeber von „Riskante Arbeitswelten“, das im November erscheint.

Neuen Kommentar schreiben

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen auf Netiquette. Wir behalten uns vor, Kommentare, die dagegen verstoßen, werblichen Inhalt enthalten oder den Artikelbezug vermissen lassen, nicht zu veröffentlichen.
Die Kommentare müssen aus technischen Gründen einzeln freigeschaltet werden. Daher kann es zu Verzögerungen kommen, bis diese sichtbar werden.