Nicht zurückstecken

Als Personalleiterin der „Aktion Mensch“ hat Petra Strack täglich mit dem Thema Behinderung zu tun. Auch sie selbst ist betroffen. Die junge Frau hat sich davon jedoch nie ausbremsen lassen – weder beruflich noch privat.

Das Büro im vierten Stock des Gebäudes in der Bonner Heinemannstraße unterscheidet sich kaum von den vielen anderen, die es in der ehemaligen Bundeshauptstadt gibt – vielleicht in einem einzigen Detail (wenn man den Blick aus dem Bürofenster mal ausklammert, der am Horizont den Drachenfelsen erkennen lässt).

Es ist die Tür zum Büro von Petra Strack, der Personalleiterin des Vereins „Aktion Mensch“, die den Unterschied macht. Sie lässt sich elektronisch steuern. Für die 29-Jährige ist dieses Detail durchaus wichtig. Sie sitzt nämlich im Rollstuhl und könnte sonst die Tür nicht selbst öffnen. Als sie 17 Monate alt war, wurde bei ihr spinale Muskelatrophie diagnostiziert. Ein Gendefekt hatte dazu geführt, dass ihr Körper ein bestimmtes Protein nicht produziert. Dadurch funktionieren die Nervenbahnen, die ihre Muskeln steuern, nicht richtig und die Kraft ist stark eingeschränkt, wie Petra Strack erläutert. Schon selbstständig zu stehen, wird ohne eine stabile Muskulatur zu einer Unmöglichkeit.

An diesem frühen Januarnachmittag hat Petra Strack bereits drei Termine hinter sich. Zusammen mit sechs Mitarbeitern sorgt sie für die rund 290 Mitarbeiter der mittelständischen Organisation. Der Großteil davon arbeitet im kaufmännisch geprägten Bereich der Lotterie, mit der der Verein sein Geld verdient. Ausgegeben wird es wieder in der Förderung von Projekten, für die man bei der „Aktion Mensch“ Unterstützung beantragen kann. Als drittes gibt es dann noch den Bereich Aufklärung. „Hier entstehen die Kampagnen, in denen es darum geht, das Bild von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit zu verändern. Zu zeigen, dass es zu einer interessanteren und besseren Gesellschaft beiträgt, wenn diese Gruppe einfach als normal aufgenommen wird“, sagt Petra Strack.

Ein Rekrutierungsproblem hat die „Aktion Mensch“ nicht. Rund 14 Prozent der aktuellen Belegschaft haben eine Behinderung. Eine bewusste Entscheidung, sagt Petra Strack. „Wir wollen einfach das, was wir nach außen propagieren, auch nach innen leben.“ Ein Einstellungskriterium ist das jedoch nicht. Die Personalerin versucht das Prinzip der anonymen Bewerbung zu verwirklichen, orientiert sich allein an der Qualifikation, nicht am Geschlecht und auch nicht an der Behinderung. „Es sollte keine Rolle spielen“, sagt sie. „Es ist für mich in der Arbeitswelt der höchste Grad der Inklusion, wenn die Behinderung nicht mehr relevant ist, sondern zählt, was derjenige leisten kann und will.“

Mehr leisten als andere

Dass dies eher die Ausnahme ist, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Zwischen 2009 und 2012 stieg die Arbeitslosenzahl von Akademikern mit Behinderung um 17 Prozent. Die der Hochschulabsolventen ohne Behinderung sank dagegen um vier Prozent. Und Petra Strack kennt solche Frustmomente selbst. In Bewerbungen hat sie ihre Behinderung nie angegeben. Und wenn es dann bei einem Telefonat doch zur Sprache kam, folgte oft eine lange Pause und dann ein „wir melden uns“, erinnert sie sich. „Ich hielt es nicht für relevant, weil es für mich keine Rolle spielte, dann musste es doch für andere auch so sein. Das war vielleicht ein bisschen naiv.“

Aber dass ihre Behinderung Einfluss auf ihr Leben haben wird, ist Petra Strack schon als Kind klar geworden. Aufgewachsen ist sie zusammen mit zwei Schwestern in Krefeld bei Düsseldorf. Als sie in der sechsten Klasse vom Gymnasium einmal freudestrahlend mit einer Zwei nach Hause kam, war die Reaktion ihres Vaters eher verhalten. Er sagte, dass es zwar prima sei, aber wenn sie sich in der Welt behaupten wolle, müsse sie besser sein als die, die keine Behinderung haben. „Das war für eine Elfjährige schon harter Tobak“, erinnert Petra Strack sich, „aber das hat in mir auch den Leistungswillen und das Bewusstsein geweckt, dass man etwas mehr leisten muss als andere, um das Gleiche zu bekommen.“ Studiert hat Petra Strack Wirtschaftspsychologie in Bochum, ursprünglich mit dem Ziel, als Beraterin bei McKinsey anzufangen. „Also so ziemlich das Schwierigste mit einer körperlichen Behinderung, was man sich vorstellen kann. Das hat sich dann schnell relativiert“, sagt sie ein wenig belustigt. Den Ausschlag für eine Karriere im Personalmanagement gab dann wohl ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft in Sydney, wo sie Mitarbeitertrainings entwickelte. Zurück in Deutschland bewarb sie sich für ein Praktikum bei T-Mobile Deutschland. Nicht um sich auszuprobieren, sondern um übernommen zu werden – trotz damaligen Einstellungsstopps. „Da kam dann wieder diese ‚jetzt erst recht‘-Einstellung in mir hoch. Ich war morgens die Erste und abends die Letzte und habe mir einfach meine Aufgaben gesucht.“ Typisch, könnte man auch sagen.

Knapp drei Monate lief ihr Praktikum in der Personalentwicklung des Unternehmens, bis sie dann das Angebot bekam, zu bleiben. Daraus wurden fünf Jahre, in denen sie erst in der Führungskräfteentwicklung und an Mitarbeiterbefragungen mitwirkte und schließlich, als 2010 T-Mobile mit der Telekom verschmolzen wurde, in das Competence Center HR Development und HR International wechselte. Ein Sprung von 5.000 Mitarbeitern auf 65.000.

Aufbauarbeit leisten

Doch als sich dann die nächste Umstrukturierung abzeichnete, kamen Petra Strack Zweifel, ob diese Art des Arbeitens wirklich etwas für sie ist. „Ich war es ein wenig leid, dass man alles neu aufbaut, vielleicht ein Jahr in der neuen Struktur gearbeitet hat und seine Ansprechpartner kennt. Und dann geht das Ganze wieder von vorne los“, sagt sie. Mehr durch Zufall ist sie dann auf die Ausschreibung der „Aktion Mensch“ gestoßen, die eine Personalentwicklerin suchte. Aufbauarbeit quasi von Null. Excel- und PowerPoint-Schulungen gab es, nicht wirklich mehr, als sie im Sommer 2011 die Stelle antrat. „Mir war schon klar, dass es anders sein würde als bei der Telekom. Ich hatte mir auch fest vorgenommen, nicht den Satz zu sagen: ‚Wir haben damals bei der Telekom das aber so und so gemacht‘“, erinnert sie sich. Sie hat ihn doch ziemlich oft gesagt und die entsprechenden Antworten bekommen. Dennoch hat Petra Strack in anderthalb Jahren eine solide Personalentwicklung hochgezogen, hat Führungskräfteentwicklung und -leitlinien etabliert.

Seit gut einem Jahr nun ist die junge, zierliche Frau Personalleiterin der „Aktion Mensch“ und hat gleich das nächste Großprojekt angestoßen, das sehr sensibel war. Zusammen mit dem Betriebsrat hat sie eine neue Vereinbarung zum Entgelt verhandelt, die auch einen deutlich stärkeren Leistungsaspekt beinhaltete. „Beurteilungen sind immer ein schwieriges Thema und bei uns waren sie sehr unbestimmt und subjektiv von Seiten der Vorgesetzten. Und das hat dazu geführt, dass die Urteile immer mindestens gut bis hin zu außerordentlich waren. Das hilft niemandem“, erläutert sie. „Mir war es wichtig, ein Instrument zu entwickeln, das klarer macht, was die Anforderungen des jeweiligen Jobs sind, und das einheitliche Bewertungsstandards hat.“

Für Petra Strack ist dieses Engagement im Personalmanagement eine Selbstverständlichkeit, auch gegen Widerstände. „Ich will nicht, dass wir nur auf Zuruf arbeiten. Ich will, dass wir aktiv gestalten, als Dienstleister, aber eben auch als beratende Einheit wahrgenommen werden. Das ist das Bild, das mein Team und ich vermitteln wollen.“ Es gelingt ihr, keine Frage.

von Sven Pauleweit
Petra Strack
Petra Strack
HR-Managerin
Aktion Mensch

Petra Strack ist seit dreieinhalb Jahren HR-Managerin bei der „Aktion Mensch“ und hat im Januar 2013 die Leitung der Personalabteilung bei dem Verein übernommen, der sich für die Gleichstellung von behinderten Menschen in der Gesellschaft einsetzt. Zuvor war die Tochter eines Physikers und einer Lehrerin fünf Jahre bei der Telekom. Aufgewachsen ist Petra Strack in Krefeld und lebt heute mit ihrem Verlobten in Bonn.

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