Recruiting mit Unterhaltungswert

Was für die IT-Fachkräfte goldene Zeiten sind, bedeutet für viele Unternehmen heute „War for Talents“. Ein Weg hierfür kann Recrutainment sein. Es verschafft den Unternehmen einen sehr viel emotionaleren Zugang zu Bewerbern und ermöglicht einen authentischen Austausch auf Augenhöhe. Ein Erfahrungsbericht.

Der IT-Fachkräftemangel in Deutschland führt zu einer erheblichen Summe nicht realisierter Umsätze oder Projektvorhaben - sowohl bei den Kundenunternehmen als auch bei Dienstleistern. In den Ende 2016 veröffentlichten Zahlen spricht der Bitkom, Digitalverband Deutschlands, von rund 51.000 gesuchten IT-Spezialisten. Die Anzahl der unbesetzten Stellen stieg damit um fast 20 Prozent innerhalb eines Jahres. Entsprechend umworben sind Absolventen technischer Studiengänge  –über alle Branchen hinweg. Wer also in diesen Tagen IT-Nachwuchsfachkräfte für sein Unternehmen gewinnen möchte, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen.

Extrem gefragt und schwer zu ködern

Die aktuelle Generation an Berufseinsteigern will in kurzer Zeit viel erreichen, im Job vorankommen, sich sozial engagieren, Freunde und Familie nicht vernachlässigen und (wenn‘s geht) auch noch die Welt retten. Auch wenn das etwas überspitzt dargestellt ist, Unternehmen, die ihr Personalmanagement nachhaltig betreiben möchten, sollten das ein oder andere davon im Hinterkopf behalten. Denn tatsächlich hat sich durch Soziale Medien und die Digitalisierung einiges verändert. So zeichnet sich diese Generation dadurch aus, dass sie vieles nicht als gegeben akzeptiert, sondern hinterfragt.

Recrutainment schafft von Anfang an einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Unternehmen und Bewerber und vermittelt auf beiden Seiten ein authentisches Bild über angestrebte Ziele, Aufgaben und Menschen. Denn trotz hoher Ansprüche an sich selbst und einer konkreten Vorstellung über den eigenen Lifestyle: Die heutige Generation ist auch bereit, viel und mit Ehrgeiz zu arbeiten. Recrutainment eignet sich insbesondere um sich bei Nachwuchstalenten ins Gespräch zu bringen und um sich als sympathisches, innovatives Unternehmen zu präsentieren. Vor allem unter Absolventen und Young Professionals verzeichnet diese Form des Recruitings eine sehr hohe Akzeptanz. Unternehmen kreieren damit eine Plattform, um Kandidaten fachlich beurteilen und rekrutieren zu können. Gleichzeitig erreichen sie mehr Aufmerksamkeit in Sozialen Medien, da Teilnehmer im Nachhinein häufig über die Events berichten.

Best Practice Tech-on-Tour: Bewerbungsprozess auf den Kopf gestellt 

Eines der erfolgreichsten Recruiting-Formate für IT-Unternehmen ist die mobile Recrutainment Veranstaltung „Tech-on-Tour“. Das Format ist speziell auf IT-Unternehmen ausgerichtet und findet in verschiedenen Metropolen in Deutschland statt. Ca. 100 Studenten, Absolventen und Young Professionals machen eine ganztägige „Kaffeefahrt“ zu Unternehmen, die Bedarf an IT-Fachkräften haben. Infostände, Einzelgespräche und Kurzvorträge vermitteln den Teilnehmern die Tätigkeitsfelder der Unternehmen und die Perspektiven für neue Mitarbeiter. Da für die Berufseinsteiger-Generation neben Fach- und Gehaltsfragen vor allem eine attraktive Unternehmenskultur entscheidend ist, können sie die nun hautnah erleben und vergleichen. Kandidaten müssen sich vorab über eine Website mit ihrem Karriereprofil registrieren. Über eine zusätzliche Befragung oder Aufgabenstellung im Anmeldeprozess erhalten die teilnehmenden Unternehmen Informationen über die fachliche Qualifikation der Bewerber.


Tech on Tour: lockere Atmosphäre bei der Unternehmensvorstellung im Rahmen der Developer Week, Foto: Andreas Plata

Die Metropolregion Nürnberg hat bereits eine solche Job-Initiative durchgeführt. Gemeinsam mit der Entwicklerkonferenz Developer Week wurden hochmotivierte IT-Talente aus den Hochschulen der Region zu den Unternehmen chauffiert, unter anderem auch zur Datev. „Mit der Teilnahme an der Tech-on-Tour leisten wir im Personalmarketing Pionierarbeit“, erläutert Magdalena Giengiel aus dem Bereich Personal Recruiting bei Datev. „Aus unserer Sicht können wir auf diese Weise die Datev als junges IT-Unternehmen bei den Absolventen positionieren. Die Qualität der Gespräche mit den Nachwuchskräften bestätigt das.“

Zum Abschluss der Bustour trafen die Studenten auf Profis, die schon länger im Job sind. Ein Get-Together im Rahmen der Developer Week (DWX) bot eine gute Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. „Die Studenten bekommen bei uns den Einstieg in die Entwickler-Community, sie können bei uns Kontakte zu berufserfahrenen Entwicklern knüpfen und ihr Netzwerk über die Uni hinaus aufbauen“, erklärt Florian Bender, Projektleiter der DWX.

Escape Game – der neue Trend im Recrutainment

Nach den positiven Erfahrungen wird in Nürnberg in diesem Jahr noch eine Schippe drauf gelegt. Die Veranstalter planen ein Live Escape Game auf der Developer Week im NCC Ost. Das Prinzip des Spiels namens „Crack the Code“: Die Teilnehmer müssen während ihrer Mission unter Zeitdruck Lösungen erarbeiten, Hinweise suchen, Quellcode lesen, kombinieren, analysieren und ihren Verstand, Geschicklichkeit und Kreativität nutzen. Der Schwierigkeitsgrad des Spiels kann von den Partnerunternehmen variabel definiert werden, indem es z.B. fachliche Fragestellungen vorgibt, um die Fachkompetenz der Teilnehmer zu testen. Neben technischen Grundkenntnissen und einer gehörigen Portion Teamfähigkeit, spielt auch Geschwindigkeit eine wichtige Rolle, um im Exit-Game eine gute Figur zu machen.

Die Interaktion zwischen Arbeitgeber und Kandidaten während der Veranstaltung dient dazu, den Eindruck zu vervollständigen und eine Evaluation vornehmen zu können. Im Nachgang der Veranstaltung können die Unternehmen mit Teilnehmerstimmen und Testimonials auf Folgeveranstaltungen auf sich aufmerksam machen, um sich als Arbeitgeber insgesamt glaubwürdig und attraktiv darzustellen. Schon einige Unternehmen wollen sich dem Escape Game in Nürnberg anschließen um geeignete Kandidaten aus dem Pool an Entwicklern rekrutieren.

von Lutz Leichsenring
Lutz Leichsenring, Foto: Privat
Autor
Lutz Leichsenring
Chief Visionary
young targets

Lutz Leichsenring ist ein Pionier der erlebnisorientierten Personalgewinnung „Recrutainment“. Seit der Gründung des Internet-Startups „nachtausgabe.de“ im Jahr 2000 beschäftigt er sich mit der Ansprache junger Menschen über Online-Kommunikationskanäle und Veranstaltungsformate. In seiner Agentur young targets ist er kreativer Kopf von unkonventionellen Employer Branding- und Recruiting-Kampagnen für Unternehmen und Institutionen. Lutz engagiert sich ehrenamtlich in der Musik- und Kreativwirtschaft als Vorstandsmitglied und Pressesprecher der Clubcommission e.V. und betätigt sich als Berater und Buch-Autor; zuletzt in „Recruiting im Social Web“ (Business Village Verlag), „Recrutainment“ (SpringerGabler) und „Gravitationsfeld Pop“ (transcript Verlag).

Kommentare

Schöne Idee, so ein

Schöne Idee, so ein Recruitainment. Bloß kenne ich in meinem Umfeld mindestens 5 qualifzizierte IT-Fachleute (allesamt ohne Informatikstudium, weil IT mehr ist als das), die sich beruflich gerne verändern würden. Und die keine passenden Angebote finden. Seltsam.

Als Unternehmensberaterin für

Als Unternehmensberaterin für HR-Strategien und deren Umsetzung sind neue Recruiting-Initiativen gefragt, da Unternehmen sowohl um erfahrene wie auch um Young-Professionals kämpfen und jede Generation auf eigene Art und Weise angesprochen werden muss. Recruitainment muss ein Teil der HR-/Recruitingstrategie sein, gut überlegt und transparent gemacht werden - denn es muss sowohl zum Unternehmen, wie auch zu den unterschiedlichen Zielgruppen von KandidatINNen passen.

Diejenigen, die sich verändern möchten, müssen Ihre Profile in Xing, Linkedin und Ihren CV aktualisieren. Viele sind im Bereich Digitalisierung seit vielen Jahren tätig, er erscheint aber nirgendwo. Xing, Linkedin und CV sind ein "Marketinginstrument" um sich selber für den Markt und tolle Herausforderungen attraktiv zu machen.

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