5 Wege zur Stressreduktion

Gesundheitsmanagement

Technologische Entwicklung, demografische Veränderungen, das politische Geschehen sowie Globalisierung und Vernetzung transformieren die Arbeitswelt heute stärker denn. Daraus ergeben sich eine Vielzahl an gesamtgesellschaftlichen und unternehmerischen Herausforderungen. Es steigen nicht nur die Anforderungen an die Beschäftigten allein, sondern Unternehmen müssen diese mit einer zunehmend älteren und kleiner werdenden Belegschaft bewältigen. Damit verdichtet sich Arbeit weiter, Arbeitsanforderungen werden komplexer, Beanspruchungen erhöhen sich und führen dauerhaft zu Stress.

Seit 2006 verzeichnen die gesetzlichen Krankenkassen einen enormen Anstieg psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeitstage. Im Fehlzeitenreport 2020 zeigen sich seit 2010 Anstiege um über 30 Prozentunkte bei den Fällen von Arbeitsunfähigkeit und rund 54 Prozentpunkten bei den Tagen, die eine Person deshalb krankgeschrieben ist. Allein im Jahr 2020 waren mehr als 10 von 100 Versicherten aufgrund psychisch bedingter Erkrankungen mit einer durchschnittlichen Ausfallzeit von 30,3 Tagen pro Jahr arbeitsunfähig. In Deutschland sind psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeiten mittlerweile auf Platz zwei direkt hinter den Muskelskeletterkrankungen wie zum Beispiel Rückenschmerzen. Psychische Erkrankungen sind damit ein ernstzunehmender Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens.

Stressentstehung und begünstigende Faktoren

Zunächst ist zwischen akuten und chronischen Stressreaktionen zu unterscheiden. Grundsätzlich entsteht Stress, wenn ein entsprechend hoher Umweltreiz wie eine neue Arbeitsaufgabe, die schnell erledigt werden muss, auf den Organismus trifft und Stresssysteme aktiviert werden. Während akute Stresssymptome durch eine erhöhte Kampf- oder Fluchtbereitschaft (Fight-or-Flight-Response) charakterisiert wird, ergibt sich chronischer Stress im betrieblichen Kontext über dauerhaft hohe psychische Belastungen. Psychische Belastung ist die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Das kann beispielsweise die Arbeitsaufgabe, die Arbeitsmittel, die Arbeitsumgebung, die Arbeitsorganisation, der Arbeitsplatz oder die Kultur sein. Demgegenüber steht die psychische Beanspruchung als die unmittelbare Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum. Sie hängt von den eigenen Voraussetzungen und den individuellen Bewältigungsstrategien ab. Menschen können somit bei gleicher psychischer Belastung eine unterschiedliche psychische Beanspruchung aufgrund ihrer individuellen Konstitution erfahren. Psychische Belastungen führen beispielsweise dann zu erhöhten und dauerhaften Beanspruchungen, wenn Menschen längere Zeit Tätigkeiten übernehmen, für die sie nicht qualifiziert wurden oder die Tätigkeiten komplexer, zeitintensiver oder neuartiger Natur sind. Tätigkeitsabhängig können auch häufige Unterbrechungen von konzentrierten Arbeitsphasen, kontinuierliche Lärmbelastung oder schlechte Arbeitsplatzausstattung, wie zum Beispiel ein zu kleiner Monitor, schnell zu erhöhten Beanspruchungen führen.

Die Dynamik von Belastung und Beanspruchung ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Arbeit, Arbeitsumgebung, Arbeitsorganisation, aber auch durch den Arbeitsplatz. Zudem spielen Dauer, Stärke und Verlauf der Belastung eine erhebliche Rolle. Persönliche Ressourcen wie beispielsweise Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen, Fach- und Methodenkenntnisse, Einstellungen und auch Resilienz wirken zusätzlich stressverstärkend oder -reduzierend aus. Wenig beeinflussbare Größen, wie das Alter, die Konstitution sowie der Gesundheitszustand spielen ebenso eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Grundsätzlich stellen Reize und damit auch Stress wichtig Formen der Aktivierung und des Lernens dar. Besteht die erhöhte Beanspruchung langfristig, zeigen sich allerdings gesundheitsschädliche Effekte, die dann in erhöhten Fehlzeiten, steigender Fluktuation oder gar Frühverrentung münden können. Umfangreiche Studien belegen die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von chronischem Stress beginnend bei neuroanatomischen Veränderungen sowie Änderungen der Hormonspiegel. Diese zeigen sich in Symptomen wie Müdigkeit, Gereiztheit, Konzentrations- und Schlafproblemen und dadurch bedingt weniger und minderwertige Erholung. Sehr lange und intensive Stressphasen können letztendlich zur Erschöpfung oder sogar zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Die Big Five zum Stressmanagement

Die Vielfalt an möglichen Faktoren der Stressentstehung erlaubt in den seltensten Fällen pauschale Maßnahmen oder Vermutungen. Vielmehr sollten Führungskräfte systematisch vorgehen und die Ursachen näher eingrenzen. Eine gute Ausgangsbasis stellt die Eingruppierung der psychischen Belastung gemäß der Gefährdungsbeurteilung Psyche im Arbeitsschutzgesetz dar, die auf organisationaler, gruppen- oder individueller Ebene mittels Fragebogen, Beobachtungsinterviews oder moderierten Workshops erhoben werden kann. Unternehmen sind dazu verpflichtet, diese umzusetzen. Zahlreiche Informationen und Tools finden sich auf der Webseite der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie. Darüber hinaus können Unternehmen und vor allem Führungskräfte kleinere wichtige Stellschrauben drehen, die mitunter große Wirkung bei den Mitarbeitenden entfalten.

1. Positive Haltung zum Thema Gesundheit und Diversität

Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeitende selbst sollten Gesundheit und damit in Zusammenhang stehende Maßnahmen als wertschöpfende Ressource verstehen. Nur wer gesund ist kann Leistung effektiv und dauerhaft erbringen. Dazu sollten Unternehmen eine Kultur schaffen, die Mitarbeitendengesundheit in den Mittelpunkt stellt. Hierzu gehören verschiedene Angebote zur Bewegung, gesunde Cafeteria-Angebote und auch soziale Aktionen, die das Teamgefüge unterstützen. Führungskräfte sollten zudem partizipativ und kompetenzfördernd führen. Ebenso sollte es grundsätzlich erlaubt sein, Raum für Gesundheit einzuplanen und aktiv einzufordern. Es ist eine Art Auszeichnung, wenn Mitarbeitende auf Führungskräfte zukommen und Ihnen bei Gesundheitsthemen Vertrauen schenken.

2. Mitarbeitende befähigen

Selbstwirksame Mitarbeitende sind langsamer gestresst und haben Vertrauen in sich, die Situation zu meistern. Führungskräfte können die Selbstwirksamkeit durch positives Feedback und angemessene, begleitende Belastungssteuerung langfristig aufbauen. Mitarbeitende sehen sich nach und nach selbst in der Lage herausfordernde Situationen zu meisten. Der Aufbau vielfältiger Kompetenzen, wie zum Beispiel durch Anleiten von kleinen Teams und dem Fördern digitaler Kompetenzen, kompensiert mitunter individuelle Voraussetzungen wie das Alter und hilft, spezifische Belastungssituationen leichter zu meistern.

3. Belastung steuern und Hilfe anbieten

Genügen die individuellen Faktoren der Mitarbeitenden nicht den Anforderungen, sollten Führungskräfte die Belastung entsprechend reduzieren und weitere Hilfsmöglichkeiten anbieten. Ist die Belastung in Situationen quantitativ hoch, müssen Aufgaben priorisiert und weniger Wichtiges liegen gelassen werden. Sind die Belastungen qualitativer Art, so müssen Mitarbeitende fachlich-methodisch befähigt werden. Liegen die Belastungen außerhalb der Arbeit, beispielsweise durch einen Pflegefall in der Familie, können je nach Kontext andere entlastende Maßnahmen wie Homeoffice helfen. Auch mangelnde Ressourcen sind oftmals ein stressfördernder Aspekt. Entscheidungsautonomie trägt leicht dazu bei, Arbeiten über den Tag verteilt selbstbestimmt umzusetzen. Das Zusammenspiel zwischen Belastungsursache und HR-Maßnahme ist hier wirkungsweisend.

4. Auf Regenerationszeiten achten

Menschen haben ein Bedürfnis nach Erholung, vor allem nach langen und intensiven Arbeitstagen. Mitarbeitende selbst, insbesondere Führungskräfte, sollten auf ausreichend Erholungsphasen achten und diese in Projektphasen mit einkalkulieren. Zunächst jedoch sollten Pausenzeiten eingehalten und nicht darauf verzichtet werden. In intensiven Phasen sollten die Pausen für die Gesundheit genutzt werden und weniger mit weiterer digitaler Arbeit wie privaten Mails und Handybildschirmzeit. Sollten längere intensive Tage in einem Projekt bestehen, sollte anschließen ein angemessener Ausgleich für die Erholung eingeplant werden.

5. Individuelle Methoden zum Stressmanagement unterstützen

Unternehmen können heutzutage schnell erfragen, welche Angebote Mitarbeitende zur Gesunderhaltung in Anspruch nehmen möchten. Achten Sie dabei auf möglichst vielfältige und weniger pauschale Angebote. Erlauben Sie Ihren Mitarbeitenden, mit individuellen Lösungen daran teilzunehmen und loben Sie deren Engagement an den Maßnahmen in intensiven Phasen.

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Martin Lange begleitet seit 2018 die Professur für Management im Gesundheitswesen an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf.

Martin Lange

Martin Lange begleitet seit 2018 die Professur für Management im Gesundheitswesen an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Prävention, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Qualitätsmanagement und Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen.

David Matusiewicz

David Matusiewicz ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs).

Oliver Walle

Oliver Walle ist Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und an der BSA-Akademie, Dozent an der Technischen Universität Kaiserslautern, Geschäftsführer der Health 4 Business GmbH sowie Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes BGM.

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