Auf den Spuren des Gender Joke Gap

Interview

Frau Scheel, eine Untersuchung unter 150 Studierenden aus Kanada ergab, dass ein Großteil der Befragten Humor in einer Beziehung wichtig findet. Es gab jedoch einen pikanten Unterschied: Nämlich in der Frage, was die Personen unter Humor verstehen. Frauen meinen damit Männer, die sie zum Lachen bringen. Männer verstehen unter Humor Frauen, die über ihre Witze lachen. Sind Männer dementsprechend humorvoller als Frauen?
Tabea Scheel: Wichtig ist, dass wir hier zunächst von Statistik reden, also von Menschengruppen und nicht von einzelnen Personen. Denn: Die Unterschiede innerhalb von Frauen- und Männergruppen sind bedeutend größer als die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern. Es gibt also extrem witzige Männer und unglaublich humorbefreite Männer – und bei Frauen ist es genauso. Frauen ­favorisieren im Durchschnitt eher Situationskomik und Wortspiele, sie liefern spontanen Humor, während Männer tatsächlich im Schnitt auf mehr Witze abfahren. Das ist ein häufiges Problem im Studiendesign: Es wird ein Cartoon gezeigt und dann soll eine witzige Unterschrift getextet werden. Das sind dann die Studien, in denen die Männer bislang besser abgeschnitten haben.

Studien ergaben auch, dass Frauen eher wohlwollende Humorstile nutzen und aggressive Scherze von Männern häufig missbilligen. Als Frauen in Untersuchungen jedoch sexistische Witze über Männer vorgelegt wurden, war das Gelächter groß. Der Feminismus brachte das Genre Männerwitze dann zum Blühen. Zeigen diese Ergebnisse dass Frauen doch aggressiven Humor favorisieren, nur eben nicht auf eigene Kosten?
Es gibt ältere Studien, da wurden den Teilnehmenden sexistische Witze auf Kosten von Frauen gezeigt: Die Männer lachten sich schlapp, die Frauen nicht. Das Ergebnis war, dass Männer humorvoller als Frauen seien. Dann folgten Studien, in denen sexistische Witze auf Kosten von Männern den Frauen präsentiert wurden und andersherum. Da hat gleichermaßen das jeweilige Geschlecht, das betroffen war, weniger gelacht. Interessant war jedoch, dass die Männer sich viel stärker angegriffen fühlten als die Frauen, wenn Witze auf ihre Kosten gemacht wurden.

Was ist, wenn gleichgeschlechtliche Gruppen unter sich sind?
Dann stehen sie sich vermutlich in nichts nach, was fiese, zotige und sexistische Witze auf Kosten des anderen Geschlechtes betrifft.

Ist es somit ein Klischee, dass Frauen keinen aggressiven Humor haben?
Wenn wir die vier Humorstile für Studien abfragen, haben Männer beim aggressiven Humor höhere Raten. Generell hadern Menschen jedoch, aggressiven Humor zuzugeben. Bei solchen Befragungen kontrollieren sich die Teilnehmenden auch selbst. Und gerade Frauen haben einschlägige Stereotype, mit denen sie aufgewachsen sind, nach denen sie sich richten – Aggression ist dabei sozial unerwünscht. Auch Männer müssen viele Stereotype erfüllen, nur eben andere. Eine Tendenz ist jedenfalls auch, dass Frauen eher zu selbstabwertendem Humor neigen. Männer setzen dafür ein Kreuzchen bei Aussagen über Verhalten wie: Ich lache über andere Menschen, wenn diese einen Fehler machen.

Warum nutzen Frauen selbstabwertenden Humor?
Meistens, damit sie von anderen gemocht werden. In meinem Humortraining sage ich ihnen gern: Ihr müsst nicht die absoluten Witzeerzählerinnen werden, aber bitte trainiert euch ab, euch selbst witzelnd runterzumachen. Was nicht heißt, dass Frauen nicht auch einmal etwas Derbes raushauen sollen. Aber aggressiver Humor schafft generell Distanz zu anderen Menschen.

Lässt sich Humor gut messen?
Wenn wir Transkriptionen auswerten, lässt sich Humor kaum herauslesen, weil die Tonhöhe oder das Lachen fehlt. Man muss sich auch fragen: Was möchte ich herausfinden? Möchte ich wissen, wie die Humorstile mit Wohlbefinden zusammenhängen, muss das abgefragt werden. Das wurde schon häufig recht valide ermittelt: Es gibt zum Beispiel Studien, wo die Mitarbeitenden den Humor der Führungskräfte einschätzen. Es gibt auch Beobachtungsstudien aus dem Speed-Dating-Kontext, die Verhalten aufzeichnen und versuchen, es zu interpretieren. Verhaltensbeobachtungen sind jedoch sehr aufwendig.

Was ist Humor?

Humor ist ein vielschichtiges Konstrukt und hat eine sprachliche (Stand-up-Comedy) sowie eine körperliche Realität (Pantomime). Er wechselt die Perspektive und kann anspruchsvoll oder flach sein. Im Duden steht, er umfasse die Fähigkeit, auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren. Positiver Humor stärkt Bindungen. Doch Humor hat auch eine Schattenseite, er kann andere herabsetzen und Machtverhältnisse zementieren. Die Forschung unterscheidet somit zwischen verschiedenen Humorstilen und kategorisiert diese in positiven und negativen Humor.

Der Schriftsteller Max Frisch fragt beispielsweise in einem seiner berühmten Fragebogen zum Thema Humor: „Wenn Sie jemanden dazu bringen, dass er den Humor verliert (zum Beispiel, weil Sie seine Scham verletzt haben), und wenn Sie dann feststellen, der betroffene Mensch habe keinen Humor: Finden Sie, dass Sie deswegen Humor haben, weil Sie jetzt über ihn lachen?“

Acht Humorstile

Liebevoller Humor

  • Spaß (scherzhaft, gut gelaunt)
  • Witz (spontan, geistreich)
  • Humor (wohlwollend)
  • Nonsens (spielerisch, sinnfrei)

Bösartiger Humor

  • Ironie (das Gegenteil sagen von dem, was man meint)
  • Satire (korrektiv gegenüber Missständen)
  • Sarkasmus (kritisierend, bissig)
  • Zynismus (spöttisch, verhöhnend)

Quelle: Sonja Heintz, Universität Zürich

Und was kam bei den Mitarbeiterbefragungen raus: Sind die Führungskräfte hierzulande humorvoll?
Konsens ist, dass aggressiver Humor im Arbeitskontext nicht so gut ankommt. Außer die Leute haben eine gute Beziehung zu der Führungskraft. Dann war positiver und negativer Humor gut für das Klima. Wenn sie jedoch eine schlechte Beziehung zur Führungskraft hatten, war Humor immer schwierig, egal ob er gut oder schlecht war. Das heißt also, das Wohlbefinden und die Humorstile hängen sehr von der Beziehungsqualität ab.

Ist es hilfreich, wenn Teammitglieder untereinander über Vorgesetzte witzeln, um beispielsweise Unrecht zu kompensieren? Oder besteht eher die Gefahr, dass man sich zu sehr distanziert?
Darauf gibt es zwei Antworten. Wenn ein Team den gleichen Humorstil hat, führt das generell zu einer größeren Zusammengehörigkeit. Natürlich kann es auch sein, dass man sich so gegen den Feind richtet, und das ist vielleicht eine Führungskraft, ob gewollt oder nicht. Das hat für das Team den Vorteil, dass es zusammenrückt, was auch sinnvoll ist, wenn man sich einem Feind gegenübersieht. Da liegt aber auch das Problem: Es werden keine konstruktiven Lösungen gesucht, sondern es wird eine Mauer gegen eine Führungskraft gebildet. Die Konflikte könnten sich verhärten.

Somit ist Humor keine gute Lösung, wenn man gegen eine Situation aufbegehren möchte?
Darüber herrschen zwei Diskurse: Die einen sagen, Humor sei eine gute Lösung, wenn man Macht erschüttern will, weil der Status einer Person infrage gestellt wird. Diktatoren sind ja bekanntermaßen extrem empfindlich, wenn über sie Karikaturen veröffentlicht werden. Die anderen sagen, Humor sei ein Ventil und damit eine Bewältigungsstrategie. Doch wenn der Druck raus ist, unternehme ich nichts mehr gegen das Problem.

Bei einem Praxisbeispiel hielten eine Frau und ein Mann eine identische Jobpräsentation mit denselben lustigen Bemerkungen. Die Teilnehmenden sollten den Status der jeweiligen Person einschätzen, das heißt, wie viel Respekt und Anerkennung diese Person wohl von ihrem Umfeld bekommt. Heraus kam: Witzelnde Männer gelten als souverän und respektabel, lustige Frauen werden hingegen für weniger kompetent gehalten. Schadet es somit der Karriere, wenn Frauen humorvoll sind?
Diese Studie zeigte deutlich, dass bei Frauen der Humor als störend empfunden wurde. Ihnen wurde sogar die Kompetenz abgesprochen. Das heißt, Frauen werden tatsächlich in der Arbeitswelt abgewertet oder es ist zumindest gefährlicher für sie als für Männer, wenn sie Humor zeigen, weil man ihnen gleich unterstellt, sie nehmen es nicht ernst. Nun sagen die einen, Frauen sollten also einfach vorsichtig mit ihrem Humor sein, und die anderen proklamieren, dass Frauen gerade mit viel Humor führen sollten, damit sich die Gesellschaft endlich einmal daran gewöhnt und ­Stereotype abgebaut werden. Das Problem ist: Führungskräfte, die meisten davon Männer, bekommen einfach kein Feedback. Die Leute lachen lieber gequält über ihre Witze.

Womit wir beim Lachen wären, auch das wird gesellschaftlich unterschiedlich bewertet. In einer Talkshow im November 2020 wurde die Transformationsforscherin Maja Göpel mehrfach gefragt, warum sie auf dem Cover ihres Sachbuchs über die Klimakatastrophe nicht lächele. Warum ist das Lächeln der Frau ein Politikum?
Von Frauen wird gesellschaftlich erwartet, dass sie lächeln. Sie sollen offen, höflich und zugewandt und aufmerksam sein. Auf der anderen Seite wird das laute, raumnehmende Lachen einer Frau missbilligt.

Was hat Humor mit Macht zu tun?
Lachen ist ja wie Beifall. Durch intelligenten Humor kann man also automatisch Anerkennung gewinnen – und von Frauen wird diese Form der Anerkennung mehr erwartet. Das Problem bei Führungskräften ist, dass sie meistens gar nicht wissen, was die Leute wirklich über sie denken und ob sie ihren Humor wirklich witzig finden. Es braucht also dringend eine Feedbackkultur, in der die Menschen einander sagen, wenn eine Grenze durch einen Witz überschritten wurde. Dazu braucht man als Führungskraft aber überhaupt erst mal ein Problembewusstsein oder zumindest eine Achtsamkeit für solch Zwischenmenschliches.

Aktiver Humor ist ein Ausdruck der Autonomie des Subjekts, schrieb einst die Linguistin Helga Kotthoff in Das Gelächter der Geschlechter. Als die Kabarettistin Maren Kroymann in den Achtzigerjahren als erste Frau mit eigenem Bühnenprogramm auf der Bühne stand, wurde sie mit Tomaten beworfen und ihr wurde zugerufen, sie solle lieber singen und aufhören zu quatschen. Wo stehen die Frauen heute, was ihre Autonomie im Humorvollen betrifft?
Führungskräfte und Vorstände sind hierzulande vorrangig männlich, das wissen wir alle. Im Comedybereich gibt es aber beispielsweise eine Bewegung, gerade bei den jüngeren Frauen, die ihre Inhalte auf Youtube oder Tiktok vermarkten und ein großes Publikum erreichen, ohne dass sie in ein Fernsehformat eingeladen werden mussten. Was dann aber wieder auffällt: In den Kommentarspalten wird hauptsächlich ihr Äußeres diskutiert. Bei Männern kommt kaum jemand auf die Idee, das zu kommentieren. Es wird also mit zweierlei Maß gemessen. Und da sind wir noch nicht mal bei den Menschen, die sagen, sie seien weder Mann noch Frau.

Unsere Gesellschaft befindet sich mitten im Megatrend Gender Shift. Lässt sich Humor in der heutigen Zeit noch in ein binäres Geschlechtsmodell einordnen?
In unseren Studien fragen wir die Menschen schon eine ganze Weile, wo sie ihr Geschlecht einordnen. Im Schnitt sind es dann zwei bis drei Menschen von ungefähr 100 bis 150 Teilnehmenden, die sich als non-binär, also weder Mann noch Frau, kategorisieren. Das Problem ist: Über diese kleine Anzahl lässt sich statistisch keine Aussage treffen. Bislang gibt es also keine Humorstudien, die Non-Binarität untersuchen. Die evolutionstheoretischen Ansätze greifen dabei viel zu kurz. Was Machtverhältnisse am Arbeitsplatz betrifft, sind trans und inter Personen sicherlich noch mal gefährdeter als Frauen, wenn sie Humor anwenden und sich damit Raum nehmen. Raum, den meist Männer für sich beanspruchen.

Wenn Sie in Ihren Humortrainings Frauen nahelegen, selbstabwertenden Humor zu hinterfragen: Was würden Sie denn trans und inter Personen raten?
Um den Status zu heben, sollte generell auf selbstabwertenden Humor verzichtet werden. Es sei denn, Menschen befinden sich in einem vertrauten und sicheren Umfeld. Um Selbstbewusstsein für die eigene Position zu entwickeln und dieses gleichermaßen nach außen zu verkörpern, würde ich am ehesten aufwertenden Humor anwenden. Das bedeutet, Situationen werden humorvoll umgedeutet.

Zum Beispiel?
Sagen wir einmal, ich habe kurz vor einem Vortrag einen großen Kaffeefleck auf meinem Oberteil. Ich könnte mich jetzt natürlich ärgern und in Stress geraten. Oder ich gehe auf die Bühne und sage: „Verehrtes Publikum, ich habe Ihnen heute den neuesten Rorschach-Test mitgebracht. Und wer das Muster auf meiner Bluse richtig deutet, bekommt nachher noch drei Minuten Privataudienz bei mir.“

Zur Gesprächspartnerin:

Tabea Scheel ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität Flensburg. Sie ist spezialisiert auf die Wirkung verschiedener Humorstile im Arbeitsalltag.
© privat

Tabea Scheel ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität Flensburg. Sie ist spezialisiert auf die Wirkung verschiedener Humorstile im Arbeitsalltag.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Humor. Das Heft können Sie hier bestellen.

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(c) Julia Nimke

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Redakteurin beim Magazin Human Resources Manager.  Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Die 38-Jährige hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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