Medienkonsum in Zeiten des Kriegs

Rezension

Im Alter von 27 Jahren zog Ronja von Wurmb-Seibel nach Afghanistan. Sie hatte bislang als Politikjournalistin für Die Zeit gearbeitet und wollte nun den Menschen nahekommen, über deren Leben sie berichtet – statt nur in Redaktionskonferenzen über sie zu sprechen. Der Preis ist hoch: Die dramatischen Schicksale der Menschen aus dem Kriegsgebiet wiegen schwer auf ihrer Seele. Sie musste lernen, sich davon abzugrenzen, schuf sich Auszeiten, schaute Naturdokumentationen, blieb tagelang in der Wohnung. Linderung verschaffte ihr dann jedoch eher ein Entschluss: Sie würde künftig in jeder Geschichte nach einem Hoffnungsschimmer suchen.

In einem Bericht über Blindgänger, die Bundeswehr und NATO-Truppen in Afghanistan zurückgelassen haben, entschied sie sich, nicht nur über die verstümmelten und getöteten Menschen zu berichten: Sondern jene zu porträtieren, die diese Minen räumen und dass diese Räumungsteams dringend die Koordinaten der Trainingsplätze der westlichen Truppen bräuchten, um die nicht explodierte Munition entschärfen können.

Ihre Recherche offenbarte also eine mögliche Lösung des Problems. Größere Bekanntheit erlangte die Journalistin dann im Jahr 2017 mit ihrem Kino-Dokumentarfilm True Warriors und ihrem Erzählband Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg. Nun widmet sie sich in ihrem erzählenden Sachbuch den verheerenden Auswirkungen der Art, wie Geschichten erzählt und konsumiert werden. Wie wir die Welt sehen ist vier Tage nach Kriegsausbruch erschienen, am 28. Februar 2022 – und ist damit von brisanter Aktualität in einer Zeit, in der viele pausenlos mit Schreckensnachrichten konfrontiert sind, sich also im Doomscrolling verlieren.

Raus aus der prätraumatischen Belastung

Die Forschung über Medienkonsum zeigt: Es sind nicht nur die Menschen traumatisiert, die direkt vom Terrorismus betroffen sind, sondern auch jene, die dem Terrorakt durch Nachrichten und Bilder der Gewalt beiwohnen. Zu viele negative Nachrichten lösen Ängste aus und versetzen uns in eine Art Hilfslosigkeit. „Prätraumatische Belastung“, heißt das in der Traumaforschung. Dieses Prinzip waltet auch über uns, wenn wir Nachrichten über Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen, die Coronapandemie oder die Gräueltaten des Krieges in der Ukraine sehen und hören.

Wurmb-Seibels Buch ist eine Art Anleitung zum balancierten Nachrichtenkonsum und gleichermaßen eine Aufforderung, den Blick für die Dinge zu schärfen, die uns wieder handlungsfähig machen: also Menschen und Initiativen, die Problemen etwas entgegensetzen und über Lösungen nachdenken. Für einen Workshop, den die Autorin für Redaktionen konzipierte, brachte sie diese Perspektive auf eine einfache Formel. Dinge, die uns nicht gefallen, sind „Scheiße“, Ideen, die eine Bewegung zu einem fiktiven Idealzustand provozieren, heißen „X“. „Scheiße plus X“ bringt uns dazu, nicht nur zu fragen: Wer, was, wo, warum, wann? Sondern auch: Was sind die nächsten Schritte?

Balancierter Nachrichtenkonsum

Wir wir die Welt sehen ist ein Beitrag zum Diskurs über den sogenannten Konstruktiven Journalismus, der seit einigen Jahren die redaktionelle Arbeit in einigen Medienhäusern hinterfragt und verändert. Über die Begrifflichkeit wird noch diskutiert, es ließe sich auch Lösungsorientierter Journalismus nennen oder Impact Journalism oder eben: „Scheiße plus X“. Wurmb-Seibel hat jedem Kapitel eine Liste mit Tipps und Handlungsempfehlungen beigefügt, die dabei helfen, Nachrichten gesünder zu rezipieren.

Sie hinterfragt die Gültigkeit von Nachrichtenfaktoren (beispielsweise Konflikt, Bedeutsamkeit, Dauer, Prominenz, Kontroverse, Nähe), kritisiert die Heldenerzählung und sagt: Nicht ein einzelner Mensch kann Dinge verändern, sondern eher gemeinschaftliches Handeln. Sie ruft den Medien zu, auch einmal auf den Gegner, die Feindin in einer Geschichte zu verzichten und den allmählichen, längst eingetretenen Verbesserungen Aufmerksamkeit zu ­schenken. Sie zitiert Fragen von der Stiftung Gapminder, die die Tücken unserer Wahrnehmungen offenbaren, diskutiert Studien und relevante Publikationen. Ihre Sprache ist dabei unkompliziert, nahbar.

Den Genderstern verwendet sie jedoch ausnahmslos bei Personenbezeichnungen, sodass es manchmal schwierig ist, ihr zu folgen (ein*e gute*r Lehrer*in), oder er auch bei Wörtern wie Kolonialherr*innen irritiert. Das schmälert jedoch nicht das Anliegen der inzwischen 36-Jährigen, endlich aus der Spirale an negativen Geschichten auszusteigen. Das gilt für den Medienbetrieb, aber auch für berufliche und persönliche Gespräche. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bringt sie auf den Punkt, warum wir uns dann besser fühlen: „Angst ist ansteckend, Mut auch.“

 

Ronja von Wurmb-Seibel, Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien.Kösel Verlag, 18 Euro, 240 Seiten. Erschienen im Februar 2022.
© Kösel Verlag

Ronja von Wurmb-Seibel, Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien. Kösel Verlag, 18 Euro, 240 Seiten. Erschienen im Februar 2022.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Risiko. Das Heft können Sie hier bestellen.

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(c) Julia Nimke

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Redakteurin beim Magazin Human Resources Manager.  Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Die 38-Jährige hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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