5 Tipps für ein kluges Azubi-Personalmarketing

02.07.2019  |  Eva Stock
Der gute alte Schulbesuch lohnt sich noch immer, um Auszubildende zu finden.
(c) gettyimages / Image Source

Wo sind all die Azubis hin? Eva Stock gibt Tipps für ein Personalmarketing, mit dem Sie die junge Zielgruppe wirklich erreichen.

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit aus September 2018 zeigen: Die Bewerberzahlen in Punkto Ausbildungsplätze sinken weiter. Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze hingegen steigt kontinuierlich. Theoretisch müsste also jeder Bewerber-Topf seinen Ausbildungs-Deckel finden. Doch so einfach ist es wohl nicht.

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Alleine im Jahr 2018 gab es in Deutschland rund 49.000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Aber knapp 24.000 junge Menschen waren zu diesem Zeitpunkt immer noch auf Ausbildungssuche und somit verfügbar. “Naja gut, das sind halt die mit den schlechten Noten, die niemand haben will”, höre ich Sie denken.

Dass unter diesen 24.000 jungen Menschen nur “schlechte Arbeitnehmer” sein sollen, das kann ich nicht recht glauben. Besonders seit ich bei einem Anbieter von Recruiting-Software arbeite und ich dort aus erster Hand (nämlich von den Bewerbern) erfahre, wie mit jungen Talenten wirklich umgegangen wird. Gerade dann, wenn die Kandidaten keine stringente Schul- und Lebensbiographie aufweisen, ist das in Deutschland immer noch ein absolutes No-go.

Ich könnte jetzt darüber lamentieren, was landauf, landab an Missständen vorherrscht, wenn es darum geht, (jungen) Kandidaten Lust auf einen Job oder eine Ausbildung zu machen. Stattdessen habe ich aber lieber 5 Tipps und Anregungen zusammengefasst, mit denen Sie ihr Azubimarketing und den Umgang mit den jungen Talenten nochmal neu überdenken und auf das nächste Level heben können.

1. Warum der jungen Bewerbergruppe das Leben noch schwerer machen?

Wissen Sie noch wie es war, Ihr erstes Bewerbungsanschreiben zu verfassen? Haben Sie vielleicht Kinder zu Hause, die Sie bei genau diesem Thema unterstützen müssen? Dann wissen Sie, wie mühsam das Thema Bewerbung in Deutschland ist. Wir lieben nun einmal Formalien und Ordnung muss ja sein, oder?

In der Berufsvorbereitung durch die Schule zeigen sich in Deutschland immer noch große Wissens- und Bildungslücken. So lernen nur 20 Prozent der Schüler überhaupt, wie man sich über ein Online-Bewerbungsportal bewirbt, beziehungsweise dass es so etwas überhaupt gibt. Über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler lernen nämlich noch, wie man die klassische Bewerbung per Briefpost aufsetzt. (Azubi Report 2019, Territory Embrace) Doch selbst wenn die erste Hürde des formalen Bewerbungsaktes überwunden ist, folgt meist direkt die nächste: Intelligenztests, Vorauswahl, Fragenkataloge…

Viele dieser Tests sind schon einige Jahre und Jahrzehnte alt. Dass sich das Gehirn sowie die Aufmerksamkeitsspanne junger Erwachsener aber aufgrund vieler Faktoren mittlerweile verändert haben – dem tragen die wenigsten Auswahlverfahren Rechnung. Auch das Aussortieren über Noten oder über Rechtschreibfehler im Anschreiben ist sinnlos geworden. Wo kein Überfluss mehr an exzellenten Bewerberinnen und Bewerbern, da kein Rosinenpicken.

Es gilt: Die jungen Leute überhaupt erstmal abholen und für das eigene Unternehmen begeistern. Aber wie soll das passieren? Über ein hippes Recruiting-Video? Über Prämien wie iPhones oder Tablets, die neben dem Einstellungsvertrag winken? Lassen Sie uns lieber über etwas naheliegenderes nachdenken: den Schulbesuch.

2. Die guten, alten Schulbesuche sind immer noch die Königsdisziplin in der Nachwuchsrekrutierung

Gerade weil man sich als Unternehmen nicht darauf verlassen kann, dass die Abschlussklassen in das ganze Bewerbungsthema wirklich gut eingeführt wurden, sind Schulbesuche durch Unternehmen so wichtig. Nichts ist anschaulicher, als wenn echte Mitarbeiter von ihren Jobs erzählen.

Ein Tandem zwischen Ausbilder und Personaler eignet sich besonders. So kann man neben dem Einblick in die Berufspraxis auch gleich Tipps aus erster Hand für die Bewerbungsphase mitgeben. Am besten werden auch die Azubis und Trainees (gerade bei den Abiturientenklassen) mit eingebunden, um die Schüler auf Augenhöhe zu erreichen. Und selbst wenn jetzt jemand erst einmal studieren möchte: Es gibt in den meisten Studiengängen Pflichtpraktika – und schon haben Sie wieder eine Anknüpfungsmöglichkeit an das junge Talent.

Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass die Schulbesuche nur so gut sind, wie der Lehrer sie vorbereitet und die Klasse darauf eingeschworen hat. Daher lohnt es sich, längerfristige Beziehungen mit Schulen und den dortigen Lehrkräften aufzubauen.

3. Der erste Job ist die Eintrittskarte in die Berufswelt. Der erste Bewerbungszyklus der Check mit der Realität.

Die Realität der Jugendlichen heute ist ungleich komplexer als noch vor 20 Jahren. Das Internet und Social Media spülen eine Flut von Informationen in die jungen Gehirne. Die Berufschancen zwischen Influencer, Zerspanungsmechaniker und Eventkauffrau scheinen fließend. Wofür sich also entscheiden? Ist der erste Beruf wirklich “für immer”? Kann man etwas wirklich so gut, wie man dachte, dass man es kann?

Die ersten Bewerbungen und die dazugehörigen Gespräche sind gerade für junge Menschen der Lackmustest für die Welt der Erwachsenen. Daher sollte man als Personalentscheider auch ein besonderes Verständnis (und gegebenenfalls auch mal Nachsicht) gegenüber der jungen Zielgruppe entwickeln.

Wer heute nur noch auf die E-Mail als Kommunikationsmittel zu den jungen Menschen setzt, wird schnell enttäuscht sein, wenn niemand zum Termin auftaucht. Das Mailpostfach, so wie Sie es kennen, hat in dieser Generation ausgedient. Es wird höchstens noch verwendet, um etwas online zu bestellen oder sich einen Account für einen Streamingdienst einzurichten. Rufen Sie Ihren jungen Bewerber also ruhig an oder schreiben Sie eine Kurznachricht, um auf Nummer sicher zu gehen, dass die Einladung zum Gespräch auch wirklich wahrgenommen wurde.

Auch im Gespräch heißt es: Nachsicht walten lassen. Wahrscheinlich sind noch nicht alle Worte des jungen Kandidaten im Bewerbungsgespräch auf den Punkt gewählt. Vielleicht wirkt der Kandidat auch nur so unheimlich cool, weil er vor lauter Panik gar nicht mehr weiß, wie er sich verhalten soll? Machen Sie es den jungen Kandidaten so angenehm wie möglich und fragen Sie ruhig auch mal nach, wie aufgeregt ihr Bewerber ist, damit Sie darauf entsprechend eingehen können. Eine angenehme Gesprächsatmosphäre spricht sich auch schnell herum – und es könnte doch sein, dass sich dann noch jemand bei Ihnen bewerben möchte.

4. Die Ansprache muss nicht besonders ”trendy” oder “hip” sein – sie muss über die richtigen Kanäle erfolgen.

Influencer-Marketing, Social Targeting, Stories, Likes, Shares – heute dreht sich im Marketing fast alles um die Online-Kanäle. Das Schöne am Online-Marketing: Es ist konkret messbar. Die Zielgruppe ist auswählbar und es ermöglicht eine hohe Informationsdichte zur Wirksamkeit einer Kampagne. Aber Online Marketing allein ist auch kein Allheilmittel.

Lassen Sie sich keine Kampagnen “andrehen”, die gar nicht zu Ihnen und Ihrem Unternehmen passen. Seien Sie lieber authentisch uncool als künstlich “hip” und am echten Firmenalltag vorbei. Ein Marketing-Mix aus verschiedenen Kanälen ist immer gut. So können Sie auch mit Offline-Kampagnen (siehe Punkt 2 Schulbesuche – oder auch mal einem gut platzierten Plakat) durchaus noch Erfolge feiern.

Auch wenn Sie keinen eigenen Instagram- oder Facebook-Kanal haben, gibt es Möglichkeiten, wie Sie diese Kanäle trotzdem für zielgerichtete Werbung nutzen können. Lassen Sie sich ruhig auch mal von Kollegen aus anderen Unternehmen beraten, die durch positives Marketing bereits aufgefallen sind. Vernetzen Sie sich als Personalentscheider ruhig und gegebenenfalls können Sie auch mit mehreren Unternehmen gemeinsame Sache machen, um tolle Bewerber zu finden.

5. Erlebnistage müssen nicht viel kosten, sind aber ein tolles Personalmarketing-Tool

Eine besondere Art der Kontaktaufnahme mit der Zielgruppe der jungen Talente sind Erlebnistage beziehungsweise Tage der offenen Tür. Je nachdem, welche Zielgruppe Sie erreichen wollen, können Sie vor Ort in Ihrem Unternehmen ein umfassendes Programm gestalten. Ob Hackathon, Werksrundgang, einen Blick hinter die Kulissen…Hauptsache, Ihr Unternehmen wird nahbarer. Auf jeden Fall sollten Sie die Azubis, Trainees und Dualen Studenten Ihres Betriebes aktiv einbinden.

Ziel sollte es sein, keine Werbeveranstaltung runter zu rattern, sondern etwas zum Mitnehmen und Mitmachen anzubieten. Für Ihr Unternehmen hat eine solche Veranstaltung den Vorteil, dass es aus erster Hand hören kann, was sich die junge Zielgruppe wünscht. Zudem können Sie eventuelle Kandidaten ganz unkompliziert und direkt kennen lernen.

Falls Sie etwas mehr Geld bereitstellen können, sind beispielsweise auch Gruppenreisen mit besonderen Talenten eine schöne Möglichkeit, gerade Studierende an sich zu binden und ihnen mehr Einblick in das eigene Unternehmen zu bieten.

Sie sehen also: Es gibt viele Ansätze, wie Sie die jungen Zielgruppen erreichen können, um Ihre Ausbildungs- und Einstiegsstellen bestmöglich zu besetzen. Einige der Ideen erfordern mehr Aufwand, andere funktionieren vermeintlich unkomplizierter. Eines bleibt jedoch wichtig, bei allem was Sie tun: Verstellen Sie sich als Unternehmen nicht. Seien Sie ehrlich – die jungen Menschen können sehr wohl unterscheiden, was “fake” und was echt ist. Und vor allem: Haben Sie Spaß bei der Umsetzung. Es gibt keinen besseren Erfolgsgaranten als echte gute Laune.