Aufgeben gibt es nicht

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Er ist einer der erfolgreichsten Schwimmer Deutschlands. Thomas Lurz überwindet im Wasser Entfernungen, an die sich andere nicht mal mit einem Boot heranwagen würden. Um das zu schaffen, muss der Freiwasserschwimmer sein Ziel fest vor Augen haben – und das mit Leidenschaft, jeden Tag.

Wenn Thomas Lurz bei einem Wettkampf antritt, liegen nicht selten zehn Kilometer Wasser vor ihm. Zehntausend Meter Wellen, Strömung, Dunkelheit, manchmal aber auch strahlend blaue, glasklare Tiefe. Ein Zug rechts, einer links, atmen. Zwischendurch ein Dreier-Durchgang, damit er die Seite wechseln und sehen kann, ob ein Gegner nicht an ihm vorbeizieht. Immer wieder, unzählige Male.

Die Bewegungen sind perfektionierte Routine, doch der Kopf arbeitet. „Man denkt an seine Technik, seine Taktik, schaut wo die Konkurrenz ist, wo man lang schwimmen muss, denkt ans Trinken und die Energieversorgung. Im Wettkampf geht die Zeit eigentlich schnell vorbei“, sagt Thomas Lurz. Kritisch ist der Autopilot nur im Training. Wenn hier die Konzentration nachlässt, können sich technische Fehler einschleifen, die dann irgendwann automatisiert und damit zum Problem werden. „Doch wenn ich weiß, heute muss ich nur locker meine Kilometer abschwimmen, um zu regenerieren, dann schweife ich gedanklich schon einmal völlig ab.“

An diesem Septembervormittag hat der Würzburger schon seine erste Trainingseinheit hinter sich. Um 6:30 Uhr ist er ins Becken gestiegen und zweieinhalb Stunden geschwommen. In Intervallen, je nach Trainingsplan, zehn Mal 400 Meter, fünf Mal 800 Meter oder auch einmal 50 Einheiten je 100 Meter. Thomas Lurz trainiert dabei ausschließlich in der Halle, nie in offenen Gewässern. „Im Schwimmbad kann ich meine Leistungen viel besser vergleichen. Die Bahnen sind immer gleich lang, das Wasser immer gleich warm. Ich weiß, wie viele Meter ich in welcher Zeit geschwommen bin, mit welchem Puls und in welchem Laktatbereich ich war“, sagt Lurz. Absolutes Effizienzdenken.

Wettkampfbedingungen lassen sich nicht simulieren

Die Varianzen liegen nach gut 20 Jahren Schwimmtraining nur noch im Zehntelsekundenbereich. Im offenen Gewässer wäre das nicht messbar. Ein See ist niemals gleich. Und Wettkampfbedingungen ließen sich ohnehin nicht simulieren, meint der 34-Jährige, schon allein weil er dort noch gut 80 andere Schwimmer um sich hat. Umso absurder erscheint Außenstehenden dieses Training unter Laborbedingungen und das Messen von Sekundenbruchteilen. Doch das täuscht. „Ich wurde letztes Jahr Weltmeister über 25 Kilometer mit nur vier Zehnteln Vorsprung. Auf diesem Leistungslevel ist man so dicht beieinander, da können dann Kleinigkeiten entscheidend sein.“ Spezialisiert ist er auf die Zehn-Kilometer-Distanz, die derzeit längste olympische Schwimmstrecke. Die 25 Kilometer schwimmt er nur selten, da dies auf Dauer zu Lasten seiner Grundgeschwindigkeit ginge. Auch die Langstrecke wird im Endspurt entschieden. „Die letzten tausend Meter sind die schnellsten“, sagt der zwölfmalige Weltmeister.

Thomas Lurz muss heute noch ein zweites Mal ins Wasser. Elf Trainingseinheiten Schwimmen in der Woche – meist zwischen sieben und neun Uhr morgens und dann erneut zwischen 16:30 und 18:30 Uhr. Dazu kommen noch sechs Einheiten Trockentraining, beispielsweise Muskelaufbau, Gymnastik oder Dehnübungen.

Thomas Lurz / Foto: Info PetersWie viel Kilometer er in seinem Leben schon geschwommen ist? 45.000 sind es wohl, schätzt Thomas Lurz und lacht. Das Schwimmen ist für ihn eine so alltägliche Bewegung, dass er, wenn er die ersten Züge macht, sofort merkt, ob die Trainingseinheit gut oder schlecht wird. Auch der eigene Körper ist jeden Tag anders. Eine Rolle spielen darf das nicht. „Natürlich ist es einfach, ein Training zu absolvieren, wenn es gut läuft, wenn man keine Schmerzen hat, keine Krämpfe. Und an manchen Tagen, wenn man sich nicht gut fühlt, ist es schwer, trotzdem hundert Prozent abzuliefern. Aber es sind genau diese Trainingseinheiten, die dann entscheiden, ob man sein Ziel erreicht oder nicht“, sagt er. Trainingseinheiten, die dann im Wettkampf vier Zehntel Unterschied bedeuten können.

Die richtige Taktik am Tag X

Große Sprünge wird Thomas Lurz mit mittlerweile 34 Jahren nicht mehr machen. Im Training geht es vor allem darum, das Leistungslevel zu halten, vielleicht noch Nuancen an der Technik zu verbessern und am Tag X die richtige Taktik zu haben. Erfahrung helfe da viel, meint er. Und Leidenschaft für seinen Sport sicher auch.

Tage, an denen er viel darum geben würde, liegenbleiben zu können, anstatt im Morgengrauen ins Schwimmbad zu steigen, die kennt Thomas Lurz aber ebenfalls. Sie sind beileibe nicht selten. Eine Option ist das nicht. Er geht trotzdem ins Wasser. „Ich weiß genau, wenn ich heute nicht trainiere, meine Konkurrenz tut es. Die wird besser und ich schlechter. Das muss man sich vor Augen halten und dann beißt man sich durch“, erläutert er und seine Stimme lässt an seinem Ehrgeiz keinen Zweifel. Aber es ist eine einfache Rechnung, und die gelte im Sport wie im Berufsleben, betont er. „Ich muss klar wissen, was eigentlich mein Ziel ist. Und ich muss selbstkritisch hinterfragen, was ich denn tun muss, um es zu erreichen.“ Für Thomas Lurz sind das die Welt- und Europameisterschaften und nicht zuletzt Olympia. Bei gerade einmal zwei Qualifikationsplätzen für Deutschland und drei Plätzen auf dem Treppchen ist für Auszeiten kein Raum. „Entweder ich nehme das auf mich, oder ich brauche kleinere Ziele“ sagt er, „aber natürlich ist der Erfolg der beste Motivator. Und solange man erfolgreich ist, motiviert man sich auch immer wieder dadurch.“

Aber warum diese langen Strecken, warum nicht 50 oder 100 Meter Freistil? Ganz einfach: „Ich schwimme die zehn Kilometer, weil ich da gewinnen kann“, sagt Thomas Lurz, „man muss wissen, wo seine Talente liegen, wozu die eigenen Fähigkeiten taugen.“ Auf den 50 Metern liegt er bei etwa 21 Sekunden, alles andere als schlecht für jemanden, der mit 1,83 Meter und Schuhgröße 43 nicht gerade die ideale Schwimmerfigur hat. „Aber damit wird man kein Olympiasieger“, ergänzt er.

Dass ihm eher die langen Distanzen liegen, hat sich schon beim Laufen im Sportunterricht gezeigt. War er auf 100 Meter gut, war er auf 1.000 schon der Schnellste. Die Rolle, die der Kopf dabei spielt, ist wohl größer als die des Körpers. „Ich wusste, je länger die Strecke wird, desto mehr tut es weh für jeden, aber ich kann mich da ganz gut durchbeißen“, erinnert er sich. Wille und Durchhaltevermögen als Talent.

Zum Schwimmen kam Thomas Lurz durch seinen älteren Bruder Stefan. Diesen hatte die Sportlehrerin zum Schwimmen geschickt. Der kleine Bruder ist dann einfach mitgekommen, auch wenn er eigentlich mehr Spaß am Fußball hatte. „Aber ich habe dann bei meinem allerersten Schwimmwettbewerb gleich eine Medaille gewonnen und dann war das Thema eigentlich erledigt, welchen Sport ich mache“, sagt Thomas Lurz. Sieben Jahre alt war er da. Seit 2005 trainiert Stefan Lurz seinen kleinen Bruder. Beim Feindbild „Trainer“ winkt dieser belustigt ab. „Ich denke, man muss das eher als Teamverhältnis sehen. Wir wollen ja gemeinsam ein Ziel erreichen. Bei diesem Sport muss man so viel Eigenmotivation mitbringen, da muss er mich nicht quälen, eher bremsen.“

Sportbotschafter und Personalentwickler

Die Frage, was nach dem Sport kommt, war für den Schwimmer des SV Würzburg 05 von Anfang an eine ganz wichtige. Die Einstellung, mit der er an seine Karriereplanung ging, unterscheidet sich nicht von der, mit der er jeden Tag ins Wasser steigt. Die Fachhochschulreife war ein Muss, trotz Trainingseinheiten und Wettkämpfen. Das Gleiche gilt für sein Studium der Sozialwissenschaften. Auch wenn ihm schnell bewusst wurde, dass aus ihm kein Sozialpädagoge wird, „war es für mich auch immer klar, dass ich es durchziehe. Aufgeben gibt es nicht“, betont Lurz.

Seit gut anderthalb Jahren arbeitet er für s.Oliver, zuerst als Sportbotschafter und inzwischen ist er in der Personalentwicklung für das Gesundheitsmanagement zuständig. Eine Zukunft als Personalmanager ist für ihn durchaus vorstellbar. Ergeben hat sich dies über die Vorträge, die er regelmäßig hält. Sport ist für die Berufswelt eine gute Metapher und das nicht nur, weil sich jeder darin wiederfinden kann. Viele Menschen kennen ihre eigenen Ziele nicht, wissen nicht, wofür sie zur Arbeit gehen. Es sei aussichtslos, so Motivation zu finden, ist Thomas Lurz überzeugt. „Wenn ich morgens um sechs ins Becken soll und ich noch nicht einmal weiß für welchen Wettkampf, dann springe ich doch nicht ins Wasser, dann wird da inhaltlich nichts herauskommen.“ Darüber hinaus engagiert sich Thomas Lurz auch noch in seiner Stiftung für Behindertensport und geht einem Lehrauftrag an der Universität Würzburg nach.

Das alles unter einen Hut zu bringen ist eine echte Herausforderung, denn hauptberuflich ist er immer noch Sportler und auch sein Tag hat nur 24 Stunden. Ohne ein gutes Zeitmanagement geht es nicht und auch nicht ohne strikte Prioritäten und tägliche Kompromisse. Das gilt umso mehr, seit er Vater eines inzwischen fünfmonatigen Sohnes ist: „Im Sport bleibt nur ein kleines Zeitfenster, um erfolgreich zu sein. Und wenn mein Ziel Olympia ist, dann wissen meine Freundin und mein soziales Umfeld, dass ich dafür alles geben muss“, sagt der Schwimmer, „aber diese Zeit wird irgendwann auch mal vorbei sein.“ Und dann wird anderes die Hauptrolle spielen.