Der Demografische Wandel schlägt differenziert zu

Die Arbeitnehmer in Deutschland werden immer älter. Aber nicht alle Berufe sind deswegen gleichermaßen von Engpässen betroffen. Die drohen vor allem bei Elektroingenieuren, Zerspanungsmechanikern und Krankenschwestern.

Fachkräftemangel ist nicht gleich Fachkräftemangel, das zeigt sich mit Blick auf die Studie „Berufe im demografischen Wandel“ ganz deutlich. Sicher, die Deutschen werden weniger, der Anteil der Beschäftigten, die 55 Jahre oder älter sind, ist seit 1993 stark angestiegen. Damals lag dieser noch zwischen zwei und zwölf Prozent, je nach Berufsgruppe. 2011 waren es bereits zwölf bis 24 Prozent und für das Jahr 2020 wird ein Anteil von 16 bis 35 Prozent prognostiziert. Und das Durchschnittsalter in den einzelnen für die Studie untersuchten Berufen wird bis 2020 auf 42 bis 48 Jahre steigen. 1993 lag es nur in drei Berufen bei mehr als 40 Jahren. Aber all das heißt nicht, dass überall die Arbeitskräfte knapp werden.a
Denn die Studie, die die Universität Rostock im Auftrag der Initiative Neue Qualität der Arbeit durchgeführt hat, wirft einen differenzierten Blick auf Alterungstrends und Fachkräfteangebot. Dafür nahmen die Autoren 12 Berufsgruppen aus vier Tätigkeitsbereichen genauer unter die Lupe. Ende Oktober stellte die Leiterin der Autorengruppe, Thusnelda Tivig, gemeinsam mit Jutta Rump, die als Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability Themenbotschafterin der Initiative Neue Qualität der Arbeit ist, die Ergebnisse in Berlin vor.

Die zeigen, dass es vor allem bei den Zerspanungsmechanikern, Elektroingenieuren und Krankenschwestern knapp wird. Im Gegensatz dazu sind bei den Berufen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, also Chemiker, Physiker und Mathematiker, ebenso wie bei den Bankfachleuten und den Buchhaltern keine Engpässe im Beobachtungszeitraum zwischen 1993 und 2011 entstanden.

Jutta Rump (2. von links) ist Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability. Sie ist außerdem Themenbotschafterin Chancengleichheit und Diversity der Initiative Neue Qualität der Arbeit. / Foto: Laurin SchmidInteressant ist die Situation bei der Gruppe der sogenannten „Sonstigen Ingenieure“, zu denen vor allem die Wirtschaftsingenieure zählen. Dort gab es im Beobachtungszeitraum eine Verdopplung der Beschäftigtenzahl, das Durchschnittsalter lag mit 41,4 Jahren 2011 sogar niedriger als 1993. Einen Alterungstrend konnten die Forscher also bisher nicht feststellen. Sie schlussfolgern für diese Berufsgruppe: „Die ökonomische Entwicklung kompensiert die demografische.“

Anders sieht es bei den Elektroingenieuren aus. Dort ist das durchschnittliche Alter der Beschäftigten von 39,5 auf 44,8 Jahre gestiegen, bis 2020 prognostizieren die Forscher sogar einen Wert von 48,5. Unter den 12 untersuchten Berufen werden die Elektroingenieure dann im Schnitt am ältesten sein. Doch auch wenn die in diesem Beruf Tätigen immer älter werden, insgesamt sinkt die Beschäftigtenzahl seit Jahren. „Elektroingenieur ist ein Beruf, in den man spät einsteigt und den man oft früh verlässt; ein Wiedereinstieg in höheren Altersstufen fand bisher netto nicht statt“, meinen die Forscher. Als Vermutung, warum dies so ist, nennt Thusnelda Tivig die Wissensintensität in diesem Beruf, die ständig auf dem aktuellen Stand gehalten werden muss.

Thusnelda Tivig ist Inhaberin des Lehrstuhls für Wachstum und Konjunktur an der Universität Rostock und Leiterin der Studie „Work & Age“. / Foto: Laurin SchmidNoch stärker ist der Altersanstieg bei der Berufsgruppe „Krankenschwestern, Krankenpfleger und Hebammen“. Waren 1993 noch die jüngeren Altersgruppen stärker besetzt als die älteren, hat sich dieses Verhältnis in der Zeit danach umgekehrt und das Durchschnittsalter stieg um 6,6 Jahre. Bis 2020 könnte es sogar auf 46,5 steigen. Das liegt unter Umständen auch daran, dass diese Berufe offensichtlich für Ältere zunehmend attraktiv werden. Denn in der Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren stiegen im Untersuchungszeitraum der Studie vermehrt Menschen in diese Berufe ein. Besonders deutlich wird das bei der Anzahl der 61-Jährigen: 1993 waren nur 600 Beschäftigte in diesem Alter, 2011 waren es bereits 6.238. Die Gründe dafür vermuten die Forscher unter anderem in dem hohen Frauenanteil in diesem Berufsfeld. Möglicherweise sind viele der Frauen Wiedereinsteiger. Der steigende Anteil Älterer bringt aber neue Herausforderungen für die Arbeitgeber mit sich, sie müssen dafür sorgen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern und die körperlichen und psychischen Belastungen reduzieren.

Um den Alterungstrends und Fachkräfte-Engpässen zu begegnen, die die Studie aufzeigt, gibt es aber kein Allheilmittel. In der öffentlichen Diskussion ist meist pauschal die Rede davon, die Potenziale von Älteren, von Frauen und von unqualifizierten Jungen besser zu nutzen oder durch Migranten offene Stellen zu besetzen. Wichtig ist aber, meint die Autorengruppe um Thusnelda Tivig, berufsspezifische Antworten zu finden. Und die Volkswirtschaftlerin betont noch einen anderen Aspekt: Die Mobilität zwischen den Berufen. „Dieses Thema wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Erwerbspersonen wechseln zwischen ähnlichen Berufen, wodurch ein noch wenig beachtetes Potenzial entsteht, um einer sinkenden Verfügbarkeit von Arbeitskräften zu begegnen.“