Der innere Widerspruch von Design Thinking

(c) gettyimages/scyther5
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Als Innovationsansatz ist Design Thinking derzeit überaus populär. Der Autor Tim Seitz diskutiert das Konzept erfrischend unvoreingenommen und neutral. Dafür bedient er sich soziologischer Methoden.

Eine Rezension von Anna Gielas

Tim Seitz: Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus
Tim Seitz: Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus. Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur, Transcript Verlag: 24,99 Euro

Die knappe Design-Thinking-Abhandlung des Soziologen Tim Seitz ist jedem zu empfehlen – sowohl Skeptikern, die die Methode als esoterisch abtun, als auch Anhängern, die in ihr die Lösung ihrer Probleme wittern. Beide Lesergruppen werden dank Seitz einen nüchternen Blick auf Design Thinking erhalten, das aktuell als hochbeliebtes Allzweckmittel für den Umgang mit allerlei unternehmerischen Herausforderungen gilt, vor allem als Innovationsansatz.

Tim Seitz hat die Design Thinker in Aktion erlebt: Sieben Wochen lang hat er eine der vielen Agenturen in Berlin begleitet, sowohl bei der internen Geschäftsentwicklung als auch bei externen Projektdurchführungen. Dank seiner Rolle als Beobachter bietet er aufschlussreiche Einsichten. So beschreibt Seitz im ersten Kapitel einen Workshop, bei dem kritisches Feedback im Vordergrund stand: Hier sollte offener Dialog in einem sicheren, kreativen Freiraum stattfinden – und artete binnen Minuten in einen kaum kontrollierten Austausch von Anekdoten aus.

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Seitz’ sachlich-neutraler Beobachtungsstil lädt ein, sich mit solchen Schwächen gründlich und bedacht auseinanderzusetzen. Er reiht seine Beobachtungen nicht einfach aneinander, sondern stellt sie gut strukturiert vor – und diskutiert sie. Hierfür bedient er sich zentraler soziologischer Theorien, horcht und klopft die Methode ab. So zeichnen sich für den Leser sowohl Vor- als auch Nachteile der Methode ab, ohne dass Seitz sie als solche bewertet.

Ein Phänomen der Gegenwart

Die interessanteste – und im Titel erwähnte – Beobachtung stellt Seitz am Ende vor. Hier diskutiert er Design Thinking als ein „Phänomen der Gegenwart“: Es diene als Gegenmittel zu wirtschaftlichen Wachstumsmaximen und einer sinnentleerten Arbeit. Indem es beispielsweise formelle Hierarchien temporär außer Kraft setzt, soll es – so die Hoffnung seiner Verfechter – Freiraum für selbstbestimmtes Arbeiten schaffen.

So weit, so gut. Doch im Verlauf des Kapitels skizziert Seitz den inneren Widerspruch der Methode: Einerseits wollen Design-Thinking-Vertreter mit ihrer Methode gezielt einzelne Strukturen unseres heutigen Wirtschaftssystems entkräften – andererseits gehorcht Design Thinking durchgehend genau jenen ökonomisch orientierten Prozessen, die es aufheben soll. Für Seitz ist dies ein „nur schwer aufzulösender Widerspruch“. Und der ein oder andere Leser wird ihm recht geben. Und sich fragen, ob Design Thinking statt Innovation und Sinnstiftung nicht bloß kurzlebige, oberflächliche Ausbrüche aus festgefahrenen Strukturen bietet.

Fazit

Der schmale Band nimmt sowohl Befürwortern als auch Kritikern den Wind aus den Segeln – und zwingt den Leser zu einer besonnenen Herangehensweise an die Innovationsmethode.

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