Arbeiten im Cyberspace

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Cyberspace
Foto: Thinkstock / Igor Stevanovic

Die Digitalisierung der Gesellschaft gleicht einer Lawine, die man nicht aufhalten kann, die alles überrollt und verändert. Das Zuhause wird zum Smart Home, die Stadt zur Smart City, aus dem stets präsenten Mitarbeiter der Mobile Worker. Damit umzugehen, müssen wir lernen.

Es war einmal, dass Büroarbeit zu festgelegten Zeiten an einem festen Ort verrichtet wurde. Das hat sich im Zuge der Digitalisierung grundlegend verändert. Computer und Internet haben den Typus des Mobile Worker möglich gemacht, der, ausgestattet mit einem transportablen digitalen Equipment, nicht mehr zu feststehenden Arbeitszeiten an einem bestimmten Platz im Büro seine Arbeit verrichtet.

Zeit- und Ortsunabhängigkeit

Die Einführung gleitender Arbeitszeiten war ein erster Schritt in Richtung  Zeitautonomie gewesen. Inzwischen ist auch die Kernarbeitszeit im Schwinden begriffen. Der Mobile Worker hat es weitgehend in der Hand, wann und wo er arbeitet.

Anfragen, die online übermittelt werden, muss er nicht sofort beantworten. All dies weist auf einen beträchtlichen Zuwachs an Selbstbestimmtheit hin. Andererseits muss sich der Mobile Worker selbst eine zeitliche Ordnung schaffen, die seinen Tag strukturiert. Zeitstress ist dabei nicht auszuschließen, wenn er sich nämlich „verzettelt“. Auch die Möglichkeit, sich Fragen und Sachverhalte erst einmal durch den Kopf gehen zu lassen, ist nicht immer vorteilhaft, denn mitunter ist eine rasche Entscheidung erforderlich. Bei einer asynchronen Kommunikation können aus Dialogen leicht Monologe werden; die Argumente der anderen Person verschwinden aus dem Kurzzeitgedächtnis, so dass der eigenen Standpunkt nicht infrage gestellt ist und nicht überprüft wird.

Der Mobile Worker  kann mit seiner transportablen digitalen Ausrüstung überall arbeiten, nicht nur im Home Office, sondern auch in der Bahn, dem autonomen Auto oder anderswo. Wenn er ab und an in die Firma kommt, muss er sich nach einem freien Schreibtisch umsehen. Das einstmals primäre Territorium, der persönliche Schreibtisch, steht nicht mehr zur Verfügung. Es ist zu einem sekundären Territorium geworden, das ähnlich wie ein Platz im Lesesaal einer Bibliothek oder im Theater von etlichen anderen Zugangsberechtigten für eine begrenzte Zeit genutzt werden kann. Diese Umwandlung bedeutet den Verlust eines halbprivaten, jederzeit nutzbaren  Platzes, den man mit persönlichen Dingen ausgestaltet und sich zu eigen gemacht hat, mit dem man sich deshalb auch emotional verbunden gefühlt und identifiziert hat. All das gilt nicht für sekundäre Territorien; sie sind neutrales Terrain.

Veränderungen auf der Individualebene

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ohne Fürsorge und Unterstützung durch seine Mitmenschen nicht überleben könnte. Die sozialen Bedürfnisse nach Kontakt, Kommunikation und Zugehörigkeit haben existentielle Bedeutung, es sind „anthropologische Konstanten“, die in den Kulturen, in denen Menschen leben, überformt und ausdifferenziert werden. Online-Kontakten fehlt im Unterschied zu Face-to-Face-Begegnungen die physische Nähe, die Authentizität und Sinnlichkeit. Es gibt keinen bekräftigenden Händedruck, keine Berührung, keine aufschlussreiche Mimik und Gestik. Die sozialen Bedürfnisse können so nicht mehr wie bisher befriedigt werden.

Zuviel Informationen, beschleunigte Abläufe, erhöhte Anforderungen und der Druck, mit einer komplizierten Technologie umgehen zu müssen, erhöhen den Leistungsdruck und damit auch die Befürchtung, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Eine typische experimentelle Versuchsanordnung, um die mentalen Grenzen der Informationsverarbeitung und die Auswirkungen eines hohen Leistungsdrucks zu erforschen, sind Doppelaufgaben. Untersuchungen im Fahrsimulator zeigen, dass die Fahrleistung spürbar beeinträchtigt wird, wenn während des Autofahrens telefoniert wird. Die Folgen einer „Informationsüberflutung“ sowie erhöhter Anforderungen sind Stress, Angespannt sein, ein verringertes Wohlbefinden, Unentschlossenheit und Leistungseinbußen.

Eine räumliche Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort kann wegen des damit verbundenen Ortswechsels vorteilhaft sein. „Being away“, ein physisches und psychisches Weitwegsein von der Alltagswelt, ist ein bedeutender Erholfaktor. Ein Manager, der sich für ein paar Tage ins Kloster zurück zieht, greift auf diesen Erholfaktor zurück. Im Home Office entfällt dieser Erholfaktor. Die Erholung wird erschwert, Stress kann weniger leicht abgebaut werden.

Wenn Arbeiten, die bisher Menschen verrichtet haben, genauso gut oder effizienter von Computern oder Robotern erledigt werden können, wird die menschliche Arbeitsleistung entwertet. Computer können inzwischen Texte schreiben. Roboterjournalisten könnten künftig menschliche Autoren ersetzen. Auch wenn der Mobile Worker orts- und zeitunabhängig arbeiten kann, bleibt er einem nicht unerheblichen Leistungsdruck unterworfen. Mit digitaler Technologie lässt sich ein Belohnungs- und Bestrafungssystem installieren, das die Arbeitsleistung bewertet. Belohnungen sind ein höheres Gehalt, eine schnellere Beförderung, Fortbildungsmöglichkeiten, mehr Urlaubstage und so weiter, bei nicht zufriedenstellenden Leistungen entfallen Gratifikationen, was sich nachteilig auf den beruflichen Werdegang und Lebensweg auswirken kann.

Empfehlungen

Auch wenn sich die Digitalisierungs-Lawine nicht aufhalten lässt, so lassen sich doch Refugien jenseits davon schaffen. Dazu gehören „Third Places“, realeOrte, an denen sich die Menschen beziehungsweise die Mitarbeiter spontan oder verabredet treffen können. Third Places haben bestimmte Qualitäten und sie zeichnen sich durch ein angenehmes Ambiente aus. Auch eineFirmenkantine mit schönem Mobiliar, angenehmer Beleuchtung und einer großen Fensterfront, die einen Ausblick aufs Grüne ermöglicht, kann ein Third Place sein. Hier wird das Bedürfnis nach authentischen Face-to-Face Kontakten befriedigt und ein kurzeitiges being away ermöglicht. Die Mitarbeiter fühlen sich wert geschätzt und zugehörig.