Bewerben im Vorbeigehen

Durch das Smartphone lassen sich Absolventen und High Potentials leichter erreichen. Doch erfolgreiches Mobile Recruiting will gelernt sein: Wenige große Player verstehen es, mobile Bewerbungen zu erleichtern. Der Trend erfordert flexible Personalmanager.

Da sitzt er, der begehrte Student, im ICE auf dem Weg von Hannover nach München, um seine Freundin am Wochenende zu besuchen. Den Master-Abschluss fast in der Tasche, die Zukunft im Blick, nutzt der angehende Ingenieur die Stunden, um sein persönliches Profil in den sozialen Netzwerken auf den letzten Stand zu bringen – auf dem Smartphone mit Daten-Flatrate, versteht sich. Bei einem Karrierenetzwerk ergänzt er das Thema seiner Masterarbeit in seinen persönlichen Angaben und wird dabei auf ein Einstiegsangebot eines Unternehmens aufmerksam, das ihm auf seiner Profilseite ins Auge springt. Ein Klick, und der gesuchte Nachwuchs landet auf der mobilen Karriere-Website des Arbeitgebers. Ein weiterer Fingerstreich, und der beim Karrierenetzwerk gespeicherte Lebenslauf sowie Zeugnisse werden als Bewerbung auf der Webseite des Unternehmens hochgeladen, noch bevor der Mann den Münchener Hauptbahnhof erreicht hat. Ein Wunschtraum vieler Personalmanager? Mitnichten, wie verschiedene aktuelle Studien von Verbänden, Hochschulen und Beratungen belegen.

Stationäre Computer verlieren an Bedeutung

Das Anwerben von Nachwuchstalenten sozusagen im Vorübergehen ist ein wachsender Trend, der schon lange diskutiert wird und nun zum ersten Mal in ernstzunehmende Dimensionen vorstößt. Denn die Voraussetzungen sind gut: Die Internetnutzung mittels Smartphone hat in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zugenommen, so eine repräsentative Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture. Mit einem Smartphone im Netz unterwegs waren 70 Prozent der befragten Internetnutzer (2012: 50 Prozent; 2011: 28 Prozent). Mit einem Tablet-Computer surften 21 Prozent der Befragten (2012: 17 Prozent, 2011: 3 Prozent), mit einer Spielekonsole 19 Prozent. Die Internetnutzung mit Desktop-Rechnern oder Laptops sank erstmals: Statt 91 Prozent im Vorjahr gaben 85 Prozent der Befragten an, mit einem herkömmlichen PC online zu gehen. Folgerichtig zeigt sich, dass rund zehn Prozent der Unternehmen die Darstellung ihrer Karriere-Website oder ihrer Online-Stellenanzeigen für bestimmte Smartphones oder Tablet-PCs bereits optimiert haben oder einige schon heute Apps für die Stellensuche anbieten. Das ergab eine aktuelle empirische Untersuchung der Uni Bamberg, Uni Frankfurt und der Online-Jobbörse Monster. Immerhin drei Viertel der von der Hochschule RheinMain regelmäßig befragten Unternehmen gaben jetzt an, die Möglichkeiten der Bewerberansprache über mobile Endgeräte zu kennen und sich damit auseinanderzusetzen. Aus der vor einigen Jahren noch abseitigen Idee der mobilen Bewerbersuche ist eine veritable Methode erwachsen.

„Wir wollen interessierte Absolventen dort erreichen, wo auch immer sie sich gerade befinden“, sagt Irene Quaranta, Vice President Talent Management bei Fresenius. Der im Dax gelistete Konzern betreibt seit über einem Jahr eine für mobile Endgeräte optimierte Karriere-Website, über die sich Kandidaten jederzeit von unterwegs auf aktuelle Jobangebote bewerben oder den aktuellen Stand ihrer Bewerbung einsehen können. Gleichzeitig bietet das Pharma- und Gesundheitsunternehmen Lösungen, um Bewerbungen von unterwegs mit einem Klick über eine Verbindung zum Karrierenetzwerk Xing einzureichen und ist als Arbeitgeber mit aktuellen Angeboten auch bei Facebook präsent. Obwohl Fresenius weder zur technikbegeisterten Telekommunikations- oder IT-Branche zählt, hat der Konzern mit diesem mobilen Angebot unter Absolventen die Nase vorn. „Wir wollen uns einen Innovationsvorsprung sichern und erste Kontakte zu Interessenten auch gleich vertiefen“, so Quaranta. Mobile Recruiting solle dabei keine anderen Kanäle ersetzen, sondern vielmehr eine „zusätzliche Erreichbarkeit“ schaffen. Smartphone-Angebote sind das Instrument, um flexible und mobile Nachwuchskandidaten an der Angel zu behalten. Auch wenn offenbar noch nicht allzu viele von dem Köder gehört haben: Fresenius zählt in diesem Jahr bislang 15.000 Aufrufe des mobilen Angebots. Die klassische Karriere-Website, abrufbar auch über den stationären PC, bleibt mit 450.000 Aufrufen zunächst der Favorit der Interessenten.

Mit einem Klick zur Bewerbung

Zwar ist die Rekrutierung über mobile Kommunikationsmittel auch für das Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen Accenture „noch kein Massenmedium“, sagt Simone Wamsteker, verantwortlich für das Recruiting im deutschsprachigen Raum, „aber für unsere technikaffine Zielgruppe ist das der Kanal der Zukunft.“ In Deutschland, Österreich und der Schweiz geht das Unternehmen schon so weit, über eine Schnittstelle zu Xing die sogenannte „One Click“-Bewerbung zu unterstützen. Der Lebenslauf muss nicht mehr von Hand in die Bewerberdatenbank eingetippt werden, sondern eine Software sorgt dafür, dass auf Wunsch des Bewerbers alle Daten, die im Xing-Profil hinterlegt sind, automatisch in das System des Unternehmens einfließen. Genau daran scheitert aber schon bei vielen Unternehmen die schöne neue Welt des Mobile Recruitings. „Häufig fehlt noch die Verankerung in der Personalmanagementstrategie und den Backend-Prozessen“, räumt Stephan Böhm, Professor für Telekommunikation und Mobile Media an der Hochschule RheinMain, ein, „zwar bieten einige Unternehmen mobil abrufbare Karriereseiten, aber es hapert dann an den weiteren Schritten.“ Unter allen Umständen müssten Unternehmen, die sich dazu entscheiden, Kandidaten über das mobile Internet anzusprechen, die „mobile Sackgasse“ verhindern. Wer sich mobil bei einem Unternehmen als Interessent registriere, der dürfe nicht im zweiten Schritt aufgefordert werden, seine Daten am stationären Rechner vom Lebenslauf in Bewerbungsformulare  abzutippen. Auch beim Bewerbermanagement gilt es, die Hausaufgaben zu erledigen. „Das Verhalten und die Erwartungen der Bewerber verändern sich“, beobachtet Böhm, „wer sich mobil bewirbt, verlangt auch effizientere Prozesse und eine schnellere Antwort.“ Tagelange Bearbeitungsfristen wie bei klassischen Bewerbungsmappen per Post dürfte kaum ein Mitglied der „Generation Y“ mehr akzeptieren – die Besten wären dann schon bei anderen Unternehmen.

Konservativ denkende Personaler werden einen Kulturschock erleben

Mit der sich verändernden Technik ist auf der Seite der Personaler mehr Flexibilität gefragt. Das beobachtet auch Sven Laumer vom Lehrstuhl für Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen der Uni Bamberg: „Besonders Recruiter müssen sich jederzeit auf ein veränderndes Mediennutzungsverhalten der unterschiedlichen Zielgruppen einstellen.“

Bei Accenture hat man das verstanden. Höchstens 48 Stunden darf es dauern, bis sich ein Recruiter bei einem Interessenten telefonisch oder per E-Mail meldet, der sich über sein Smartphone beworben hat. Die Beratung nutzt dabei keine externe Agentur, sondern hält selbst die Zügel in der Hand. „Wir kümmern uns selbst um die mobilen Bewerber, weil Mitarbeiter unser höchstes Gut sind“, sagt Wamsteker.

Auch bei Fresenius rechnen die Personaler bereits mit einem neuen Anspruch mobiler Bewerber. „In der Perspektive wird eine schnellere, aber auch persönlichere Ansprache der Kandidaten gefragt sein“, vermutet Quaranta. „In jedem Fall wächst beim mobilen Recruiting die Bedeutung des persönlichen Gesprächs. Früher haben sich Kandidaten auch mit der Bewerbungsmappe oder einem besonders ausführlichen Anhang differenziert. Heute ist der Unterschied zwischen Bewerbern auf den ersten Blick schwerer auszumachen.“

Denn bei Bewerbungen, die beispielsweise über eine Smartphone-App beim Unternehmen eingehen, gibt es kein persönliches Anschreiben mehr. Die Miniaturtastaturen der Smartphones und das Gebot der Schnelligkeit lassen für die klassische Briefform keinen Raum mehr. Ein Kulturschock für manche konservativ denkende Unternehmen, aber auch „ein notwendiger Wandel“, stellt Gero Hesse, Mitglied der Geschäftsleitung der Agentur Medienfabrik Gütersloh, fest. „Viele Unternehmen müssen ihre Erwartungen überdenken und an sich arbeiten.“ In Asien, dem viel beschworenen Vorbild für mobile Bewerbungen, ist das Smartphone oder der Tablet-PC ein gängiges Instrument für die stetige Suche nach der besseren Stelle. In Indien werden Stellenausschreibungen von Interessenten auch gerne auf Facebook mit Freunden geteilt, was dazu führt, dass zu Bewerbungsgesprächen schon einmal ein Bekannter mit ähnlichen Qualifikationen mitgebracht wird. Asiatische Verhältnisse sind hierzulande zwar eher nicht zu erwarten. „Aber in zwei bis drei Jahren wird es unter deutschen Unternehmen einen starken Ruck hin zu Mobile Recruiting geben, denn dann treten die Schüler auf den Arbeitsmarkt, die mit dem mobilen Internet aufgewachsen sind“, so Hesse.

QR-Codes erzeugen wenig Begeisterung

Wie viel allerdings die vor wenigen Jahren noch als großer Hoffnungsträger gehandelte Technologie der „Augmented Reality“, der erweiterten Wirklichkeit, zum mobilen Talente-Fang beitragen kann, ist umstritten. Der Traum: Der Nutzer sollte beispielsweise während eines Gangs durch die Stadt freie Stellen passend zu seinem Profil in seiner Umgebung angezeigt bekommen. In der Realität sind die Anwendungen übersichtlich. Auf Jobmessen bieten wenige Arbeitgeber per Bluetooth-Funkverbindung ihren Interessenten im Vorbeigehen Informationen zum Unternehmen an. Und die sogenannten QR-Codes, schwarz-weiße Markierungen auf Anzeigen und Plakaten, die mit dem Smartphone gescannt werden können und dann direkt auf eine Internetseite weiterleiten, erzeugen bislang wenig Begeisterung. Neue Möglichkeiten für die intelligente Mitarbeitersuche ergeben sich möglicherweise erst, wenn im nächsten Jahr die Datenbrille von Google auf den Markt kommt. Die Forscher und Entwickler sind schon bei der Arbeit.