Die Zeit der Fleißigen

Wie entscheidend ist Talent für den beruflichen Erfolg? Talente mögen Aufsehen erregen, sagt Professor Cyrus Achouri. Karriere machen aber immer noch die Fleißigen.

Talentshows sind heutzutage sehr beliebt: „Deutschland sucht das Supertalent“, nicht nur im Singen, Tanzen oder Zaubern. Nein, auch die Wirtschaft hat die Talentsuche zur Chefsache erklärt. In Zeiten zu wenig qualifizierter Arbeitnehmer ist das sogenannte Talent Management heute ganz oben auf der Agenda der Personalabteilungen. Es gilt im scharfen Wettbewerb die „High Potentials“ zu gewinnen, sie zu fördern und zu binden.
Versteht man nur das unter Talent Management, hat man allerdings nur alten Wein in neue Schläuche gefüllt. Denn wendet man die heute vorhandenen professionellen Methoden im Recruiting, in der Personalentwicklung und -bindung mit den entsprechenden Leistungs- und Beurteilungssystemen an, so bezeichnet man mit dem Begriff „Talent Management“ nichts anderes, als das, was eine professionelle Personalabteilung seit eh und je tut – oder tun sollte.

Auf welche Begabung kommt es an?

Der Hype um das Talent Management bietet allerdings auch eine Chance: Die Chance anlässlich der vorhandenen Karrierepfade im Unternehmen den Blick darauf zu richten, auf welche Begabungen es für (Spitzen-)Leistung wirklich ankommt. Sind es tatsächlich die (angeborenen) Begabungen und Talente, die über Karriere und beruflichen Erfolg entscheiden?

Diese Schlussfolgerung hätte nicht nur Auswirkungen auf die eignungsdiagnostischen Instrumente, die man in den Unternehmen anwendet, um Talente und „High-Pots“ zu identifizieren. Sie würde auch darüber entscheiden, wie gut es einem Unternehmen gelingt, seine Mitarbeiter und damit auch das Unternehmen erfolgreich werden zu lassen.

Anstatt den Blick nur auf sogenannte Methoden des Talent Managements zu richten, muss sich ein Unternehmen fragen, was es überhaupt unter Talent verstehen will, wie Talent und beruflicher Erfolg zusammenhängen, und was ein Unternehmen tun kann, um seine „Mitarbeiter-PS“ auch auf die Straße zu bringen. Wie entscheidend ist Talent also für beruflichen Erfolg?

Sieht man sich Menschen an, die außergewöhnlich erfolgreich sind, so zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Sie haben ihren Erfolg größtenteils ihrem Willen, ihrem Ehrgeiz, ihrem Fleiß und ihrer Leidenschaft zu verdanken. Wie viel Talent sie von Geburt aus mitbrachten, war gar nicht so entscheidend. Heißt das, dass wir das, was wir wirklich wollen, auch erreichen können?

Auch wenn sich das theoretisch einfach anhört, stecken hinter dieser Aussage ganze Lebenserwerbsbiografien voller Fleiß, Entsagung und Hingabe an die jeweilige Arbeit. Zugleich sind diese Menschen meist nicht darauf aus, Anerkennung von außen zu bekommen. Das hätte sich auch nicht ausgezahlt. Vielmehr sind herausragende Ingenieure, Wissenschaftler oder Künstler von einer tiefen Liebe zu ihrer Arbeit erfüllt. Deshalb widmen sie ihr den Großteil ihres (meist sehr erfüllten) Lebens.

Fleiß, Leidenschaft und Motivation

Es macht also mehr Sinn, Talent nicht an der Erlangung spezifischer Preise, anhand von Auszeichnungen oder Erfolgen zu messen, sondern unter den Aspekten von Leidenschaft und Motivation für die Arbeit zu betrachten. Entscheidend ist weniger, was man schon gut kann, sondern vielmehr, was man gerne tut. Ist man zudem fleißig, kommt der Erfolg meist von allein.

Übertragen wir nun diese Erkenntnis der Talentforschung auf die Unternehmenswelt. Auch wenn wir nicht davon ausgehen brauchen, dass der durchschnittliche Mitarbeiter jederzeit mit Leidenschaft für seine Arbeit „brennt“ – die Gleichung bleibt gültig: Talent erzeugt Interesse. Interesse erzeugt Motivation. Motivation schafft durch Fleiß beruflichen Erfolg.

Bei all dem ist der Anteil des angeborenen Talents dann eigentlich zu vernachlässigen. Vielmehr noch: Die Talentforschung zeigt uns, dass diejenigen, denen früh ein herausragendes Talent zugesprochen wurde, später beruflich gar nicht unbedingt erfolgreich werden. Spätestens diese Aussage birgt doch für Unternehmen und ihre Mitarbeiter viel Beruhigendes: Talente mögen Aufsehen erregen –
Karriere machen immer noch die Fleißigen.