IT für Normalos

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Foto: Thinkstock / Rawpixel Ltd.
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Digitale Kompetenzen werden für alle Mitarbeiter von Unternehmen immer wichtiger, die Berührungspunkte zur IT in allen Abteilungen zahlreicher. Wie Personaler sich selbst und andere Mitarbeiter fit machen für den Wandel – und für Gespräche mit Programmierern.

Einführung in das Internet der Dinge“, „Einführung in die Cybersicherheit“ und „IT-Grundlagen“: Das Programm der Cisco Net Academy (CNA) des gleichnamigen US-amerikanischen Netzwerkausrüsters bietet neuerdings auch Kurse für Nicht-Informatiker an. Cisco betreibt die CNA in Deutschland bereits seit 17 Jahren als unternehmenseigene Ausbildungsplattform, die bislang vor allem mit berufs- und allgemeinbildenden Schulen sowie Hochschulen zusammen arbeitet, um potenzielle IT-Nachwuchsarbeitskräfte auszubilden. Im vergangenen Jahr hat die Academy ihr Angebot erweitert: für Menschen, die keine Programmierer oder IT-Analytics-Experten sind. Die Angebote gibt es zum Beispiel in Kooperation mit Firmen, die ihre Mitarbeiter schulen wollen, ebenso in Einrichtungen zur Erwachsenenbildung.

Die Kurse sind deutlich kürzer als die klassischen Formate und derzeit je nach Umfang der Inhalte mit 15 bis 70 Stunden angesetzt: „Wir wollen dort keine Programmierer oder Netzwerktechniker ausbilden“, sagt Carsten Johnson, CNA-Manager für Deutschland. „Wir vermitteln vielmehr digitale Grundkenntnisse, damit die Teilnehmer den wachsenden Anforderungen an ihre IT-Kenntnisse im Job gerecht werden.“

Maschinen arbeiten zunehmend vernetzt

Vernetzte Kommunikation, Digitalisierung von Geschäftsprozessen, Internet der Dinge: In immer mehr Bereichen des täglichen Arbeitslebens, die zunächst einmal nichts mit IT im engeren Sinne zu tun haben, müssen Mitarbeiter digital arbeiten, sei es mit klassischen Computern, Smartphones, Tablets, virtuell verbundenen Maschinen und in vernetzten Teams. In den kommenden zehn Jahren sind Digitalkompetenz und ein grundlegendes Verständnis für Programmierung die Fähigkeiten, deren Bedeutung bei Fachkräften aller Unternehmensfunktionen am stärksten wächst. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Karrierenetzwerks LinkedIn unter deutschen Geschäftsführern und Personalmanagern. Für Unternehmen wird es entsprechend in Zukunft immer wichtiger, die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter auszubauen. Die Academy von Cisco hat erste Anfragen von Maschinenbauunternehmen, die ihre Industriemechaniker schulen wollen, erhalten: „Die Maschinen funktionieren zunehmend vernetzt“, sagt CNA-Manager Johnson. „Ein Maschinenbediener muss deshalb nicht programmieren können, aber er sollte erkennen können, ob die Störung einer digital gesteuerten Anlage möglicherweise von einem Softwareproblem verursacht wird. Ziel unserer Kurse ist es, dass die Mitarbeiter in ihrem eigenen beruflichen Handlungsfeld fit bleiben.“

Das Gleiche gilt für ursprünglich nicht-technische Berufe, Beispiel Gesundheitsbranche: Immer mehr pflegebedürftige Patienten tragen daheim Geräte, die laufend wichtige Vitalfunktionen wie den Blutdruck messen und per Wlan oder Mobilfunk an eine überwachende Stelle senden. Funktioniert die Datenübertragung nicht richtig, klappt auch die Überwachung nicht. „Ein Pfleger sollte deshalb vor Ort erkennen können, ob eine stabile Datenübertragung gewährleistet ist oder nicht“, sagt Johnson.  5.000 Teilnehmer haben die ersten Grundlagen-Kurse im Jahr 2016 bereits durchlaufen. Gemessen an jährlich insgesamt 35.000 Lernenden der CNA in Deutschland ist das nur ein kleiner Teil, aus Sicht von CNA-Manager Johnson aber auch erst der Anfang. „Das ist für mich eine Eisberg-Situation, wir sehen derzeit gerade einmal die Spitze als Teil einer großen Entwicklung.“ Der Anteil der Kurse für Nicht-ITler wächst dynamisch, im Cisco-Mutterland USA ist das entsprechende Angebot bereits deutlich gewachsen. „Wir bereiten Lehrer für verschiedene Kurse vor, übersetzen die Inhalte ins Deutsche, das läuft alles gerade im großen Stil an.“

Der Medienkonzern Bertelsmann hat eigens eine Kooperation mit Google und der Online-Weiterbildungsplattform Udacity gestartet, um die eigenen Mitarbeiter auf breiter Front für den digitalen Wandel vorzubereiten. „Die digitale Transformation macht neue Qualifikationen erforderlich, und das häufig recht schnell“, sagt Ausbildungsleiter Steven Moran. Für ihn geht es um zweierlei: Erstens müssen Mitarbeiter kurzfristig ihre digitalen Kompetenzen erweitern, um in der sich rasch wandelnden Arbeitswelt ihren Job machen zu können. Und zweitens sind solche Fähigkeiten eine wichtige Voraussetzung dafür, dass ein Mitarbeiter nicht vom Computer ersetzt wird. „Beide Aspekte gehören eng zusammen und gehen nahtlos ineinander über“, sagt Moran. „Je größer die digitalen Kompetenzen eines Mitarbeiters sind, desto besser sind seine Aussichten auf zukunftssichere, erfüllende Aufgaben im Job.“

Weiterbildung spielt in dieser Sicht eine wichtige Rolle, sie ist nicht mehr ein hübscher Bonus, den Unternehmen ihren Mitarbeitern spendieren, sondern fundamental notwendig. „Wir müssen die Art, wie Mitarbeiter lernen, weiterentwickeln“, sagt Moran. Der bislang häufig abstrakt gebliebene und schon etwas abgenutzte Begriff des „lebenslangen Lernens“ bekommt in dem Zuge eine neue Aktualität, und wird vor allem ganz konkret: „Mitarbeiter müssen beispielsweise jederzeit und von überall neben dem Job lernen können“, sagt Moran. Auch hier ist die digitale Transformation wie so oft nicht nur das Problem, sondern auch Teil der Lösung: Längst suchen Menschen bei kleinen Problemen erst einmal bei Google und in Foren nach einer Lösung oder schauen, ob ein Video auf Youtube mit entsprechenden Ratschlägen weiterhilft.

Das Problem aus Firmensicht: Die allgemein zugänglichen Informationen im Netz unterliegen keinem Qualitätsmanagement und taugen deshalb nicht immer. Bertelsmann-Mitarbeiter können deshalb auf Firmenkosten beim kostenpflichtigen Online-Video-Anbieter Lynda nachschauen, wo ausschließlich Profis Tipps geben. Bertelsmann sieht Weiterbildung nicht nur als Notwendigkeit für die eigenen Mitarbeiter, sondern als Geschäftschance: Das Unternehmen hat den Bereich Weiterbildung als zusätzlichen Geschäftszweig etabliert und zählt mittlerweile nach mehrere Finanzierungsrunden zu den größten Anteilseignern des Start-ups Udacity.

Die geforderten digitalen Kompetenzen für Nicht-ITler reichen mittlerweile bis an die Grundfesten der Informatik: Das Schreiben von Programmen. Der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs forderte bereits vor Jahren, dass jeder Mensch lernen solle, einen Computer zu programmieren, weil es das Denken lehre. Ganz so weit wollen Weiterbildungsexperten zwar noch nicht gehen – aber ein Grundverständnis des Programmierens wird zweifelsohne immer wichtiger: „Wenn man eine Vorstellung davon hat, was Programmieren ist und was man damit erreichen kann, erleichtert das die Zusammenarbeit mit der IT“, sagt Patrick Hypscher, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Weiterbildungsdienstleisters Skill Hero Academy. „Außerdem kann man jenseits des Tagesgeschäfts neue digitale Strategien deutlich besser entwerfen, wenn man die Grundzüge des Programmierens und die Mechanismen dahinter verstanden hat.“ Seit vergangenem Jahr können Personalmanager, Geschäftsführer, Berater und Vertriebler jeweils auf sie zugeschnittene Kurse der Academy besuchen, in denen sie eben diese Grundzüge erlernen. „Meist ist bei den Kursteilnehmern zu Beginn ein diffuses Gefühl da, mehr verstehen zu wollen“, sagt Hypscher.

Die Inhalte der jeweils zweitägigen Kurse sind hingegen sehr konkret: Wie arbeiten Datenbanken? Wie baut man Funktionen und grafische Bedienfelder auf? Was genau war nochmal ein Algorithmus? Hört sich trocken an, soll es aber nicht sein: Zum Einstieg programmieren die Teilnehmer einen Roboter, der sich später per Smartphone oder Tablet steuern lässt.

Personaler mit IT-Kenntnissen

Die Kurse für HR-Manager haben direkten Bezug zum Alltag, erklären etwa, wie ein Chatbot auf der Bewerberseite funktioniert und wie man Talent-Management-System und Recruiting-Kanal miteinander verbinden kann. „Personalmanager lernen bei uns, wie sie ihre Anforderungen an die IT-Kollegen im Haus und an externe Dienstleister so formulieren, dass sie auch das gewünschte Ergebnis bekommen“, sagt Robindro Ullah, HR-Berater und fachlicher Leiter des Kurses für Personaler an der Skill Hero Academy. Vor allem können sie auch besser einschätzen, welche Ziele realisierbar sind und welche nicht. „Man kann deutlich besser argumentieren und seine Wünsche durchsetzen, wenn man weiß, was machbar ist und wo es aus technischer Sicht tatsächlich Probleme gibt.“

Entsprechend kann ein Personalmanager nachbohren, wenn der Dienstleister etwa die Anbindung des e-Recruitings an die Karriereseite schlicht für unmöglich erklärt. Umgekehrt sind vermeintlich einfache Wünsche gelegentlich nur mit großem Aufwand realisierbar, etwa bei Ergänzungen einer Bewerberprofil-Eingabemaske „Als Laie denkt man, der Kollege in der IT müsse nur mal eben ein weiteres Häkchen setzen, tatsächlich muss er aber eine ganze Datenbank umbauen“, sagt Ullah. Er weiß, wovon er spricht, der Berater war früher selbst Programmierer für Datenmodelle bei einem deutschen Großkonzern. „Viele IT-Leute wissen es obendrein zu schätzen, wenn man sich als Laie etwas eingearbeitet hat, und sind aufgeschlossener bei gemeinsamen Projekten.“

Mit Blick in die Zukunft werden Programmier-Grundkenntnisse jenseits einzelner Projekte für HR-Manager auch strategisch wichtiger: Immer mehr Unternehmen bauen im Personalbereich systematisch eine IT-Landschaft auf, bis hin zu einem Social Web inklusive sämtlicher Lebensläufe, auf deren Basis man intern rekrutieren, Qualifikationen abfragen und Weiterbildungen organisieren kann.

„Um solche vernetzten Systeme im HR-Bereich planen zu können, ist es hilfreich zu wissen, wie Datensätze aufgebaut sind“, sagt Ullah. Hinzu kommt der Vorbild-Charakter: Personalmanager dürften ihre Kollegen deutlich glaubhafter vom Sinn und Zwecke einer IT-Grundlagen-Fortbildung überzeugen können, wenn sie selbst schon mal einen Roboter programmiert haben – und dabei womöglich auch noch ein wenig Spaß hatten.