Mental Health: Spitzensportlerin Simone Biles als Vorbild

Die Kunstturnerin Simone Biles zeigte bei den Olympischen Spielen Bewusstsein für ihre mentale Fitness und trat kürzer – ein Schritt, den mehr Menschen wagen sollten.
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Die Kunstturnerin Simone Biles zeigte bei den Olympischen Spielen Bewusstsein für ihre mentale Fitness und trat kürzer – ein Schritt, den mehr Menschen wagen sollten.

Die US-amerikanische Kunstturnerin Simone Biles, die an allen sechs Disziplinen des Turnfinales der Olympischen Spiele in Tokio teilnehmen sollte, zog ihre Teilnahme beim Mehrkampf zurück mit der Begründung, dass sie psychische Probleme habe, sich Sorgen um ihre Leistung, ihre Sicherheit und ihren Einfluss auf das Team mache. Nachdem sie mehrere Tage lang ihre Mannschaftskameradinnen angefeuert hatte, kehrte Simone Biles zum Wettkampf zurück und gewann schließlich Bronze am Schwebebalken. Rücktritte oder Ausfälle von Sportler:innen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind kein Einzelfall – und nicht nur im Sport, sondern auch in der Berufswelt häufig anzutreffen.

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Das zeigt eine Umfrage von BetterUp Labs, der verhaltenswissenschaftlichen Forschungsabteilung des Unternehmens BetterUp, unter rund 1.700 Arbeitnehmer:innen in den USA im Juli 2021. Demnach hat jede:r dritte Arbeitnehmer:in in den USA schon einmal ein wichtiges berufliches Ereignis abgebrochen, weil er:sie den Druck als zu groß empfand.

Mentale Fitness ist eine unterschätzte Komponente unserer Leistungsfähigkeit

Hervorragende Bildung, technisches Können oder körperliche Bestform nützen uns oder unseren Teams wenig, wenn es uns an mentaler Fitness mangelt. Ich würde sogar behaupten, dass psychische Gesundheit und Wohlbefinden die am meisten unterschätzte Komponente für den Einzelnen ist, um Spitzenleistungen und Erfolg zu erzielen. Ebenso wird die Bedeutung, die sie in der Arbeitswelt einnimmt, unterschätzt.

Wie die oben genannte Befragung zeigt, wirkt sich die Beeinträchtigung der mentalen Fitness keineswegs nur auf einzelne Ereignisse aus. Sie führt ebenso dazu, dass man sich von täglichen Aufgaben zurückzieht oder sie vermeidet. So gibt mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer:innen an, ein risikoreiches Projekt gemieden oder abgelehnt zu haben, aufgrund von damit verbundenem Druck, Stress und Angst. Darüber hinaus gaben 60 Prozent an, dass sie aufgrund von Leistungsdruck schon mindestens einmal an ihre „persönliche Belastungsgrenze“ gestoßen sind.

Es lohnt auch, zu vergleichen, wie die Öffentlichkeit auf die Entscheidung von Simone Biles reagiert hat, um zu verstehen, wie sich Arbeitsstress und Druck auf uns und unsere Teams auswirken. Besonders interessant sind die folgenden Umfrageergebnisse: Die Teilnehmer:innen wurden gefragt, welche Termine sie aufgrund ihrer psychischen Verfassung ausfallen lassen würden und welche sie unabhängig von ihrem psychischen Zustand wahrnehmen würden.

Bei einer „wichtigen Arbeitsbesprechung“ aufgrund einer beeinträchtigenden psychischen Gesundheit zu fehlen, finden 36 Prozent der Befragten nicht in Ordnung. Bei einem Meisterschaftssportturnier nicht zu erscheinen, halten 24 Prozent für inakzeptabel und 35 Prozent würden zu einem Vorstellungsgespräch gehen, auch wenn ihre psychische Gesundheit angeschlagen wäre.

Dies verdeutlicht den immensen Druck, den viele Arbeitnehmer:innen auf sich selbst ausüben. Sie opfern ihre psychische Gesundheit für ihre Arbeit. Interessanterweise gaben fast alle Befragten an, dass sie Teamkolleg:innen unterstützen würden, die ihre eigene psychische Gesundheit über die Arbeit stellen. Auf die direkte Frage nach der Entscheidung von Simone Biles in Tokio gaben 83 Prozent der Befragten an, dass sie sie „meistens“ oder „vollständig“ unterstützen.

Mit anderen Worten: Es besteht eine allgemeine Diskrepanz zwischen einer stoischen Haltung der Selbstaufopferung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen, und einer einfühlsamen, unterstützenden Haltung anderen gegenüber. Um den Draht zu uns selbst und unseren psychischen Bedürfnissen ist es also nicht sehr gut bestellt.

Was wir für die Arbeitswelt lernen können

Ob Olympionike oder nicht, wir alle haben menschliche Bedürfnisse. Das Talent eines Menschen sollte niemals als etwas von der Person Getrenntes behandelt werden. Das Talent ist Teil eines komplexen menschlichen Wesens. Simone Biles ist nicht nur eine Repräsentantin ihres Landes, Medaillengewinnerin oder Teamkollegin. Sie ist ein ganzer Mensch, mit Ängsten und Bedürfnissen, guten und schlechten Tagen. Und wie jeder andere Mensch braucht auch sie Unterstützung, um ihr Bestes zu geben.

Natürlich geht es nicht nur um unsere „olympischen Momente“. Für die meisten von uns kann ein geringes geistiges Wohlbefinden dazu führen, dass uns Stress und Leistungsdruck in Meetings und bei gesellschaftlichen Veranstaltungen zu viel werden. Viele Menschen ziehen sich dann aus ihrem Leben zurück oder haben das Gefühl, es tun zu müssen. Doch kaum jemand spricht darüber, weil er oder sie befürchtet, verurteilt zu werden oder sich dafür schämt, nicht durchzuhalten. Doch viele Menschen empfinden das so, und Simone Biles ist durch ihre Entscheidung ein großes Vorbild für uns alle geworden. Die Bedeutung von geistiger Gesundheit und geistiger Fitness in Verbindung mit Leistung ist seit den Olympischen Spielen in Tokio neu im kollektiven Bewusstsein verankert.

Ich sehe den Fall sogar als Wendepunkt für die Beurteilung mentaler Fitness als Gradmesser von Leistung, den sich vor allem Führungskräfte in Unternehmen zu Herzen nehmen sollten. Sie sollten ihre Leistungsbereitschaft nicht nur als fachliche Fähigkeit betrachten. Auch die persönlichen Fähigkeiten, die notwendig sind, um Stress, Angst und Druck zu bewältigen, sind wichtig. Wir alle sollten an unserer mentalen Fitness arbeiten, damit wir, wenn unser persönlicher „olympischer Moment“ ansteht, bereit und der Aufgabe gewachsen sind. Mentale Fitness hilft uns aber auch, wenn wir eine Aufgabe nicht bewältigen können: Wir können uns dann mit gutem Gewissen erlauben abzubrechen, uns neu zu formieren und es an einem anderen Tag erneut zu versuchen.