Moralisch korrekt – Haltung zeigen ist angesagt

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Mit Kritik offen umgehen, Widerspruch fördern: Gelebte Haltung in Unternehmen bedarf organisatorischer Rahmenbedingungen.
(c) gettyimages / engineervoshkin

Mit Kritik offen umgehen, Widerspruch fördern: Gelebte Haltung in Unternehmen bedarf organisatorischer Rahmenbedingungen, sagt Frank Schabel von Hays.

Kaum ein Thema geht derzeit so ab wie Haltung. Wohlgemerkt die innere Haltung: Unser Handeln und Reden soll auf starken inneren Werten, auf einem Moralkodex basieren. Keine Überraschung, dass bei der die Suche nach Seminaren zu innerer Haltung im Internet einige Hundert Treffer aufschlagen.

Woran liegt es, dass Haltung so boomt? In aller Regel hilft die Logik einer mechanischen Kausalität nicht weiter. Vielmehr machen zyklische Betrachtungsweisen mehr Sinn. Dies gilt erst recht beim diffizilen Thema Haltung, in das zwei Subjekte untrennbar miteinander verwoben sind: Individuum und Organisation.

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Deshalb beantworte ich die oben gestellte Frage auf diesen beiden Ebenen. Fangen wir mit der Organisation an. Unser Vertrauen in unsere Institutionen und Organisationen ist erschüttert. Zu groß ist oft die Kluft zwischen dem, was sie propagieren und wie sie de facto handeln. Denken wir nur an die ökologische Zerstörung unseres Planeten. Erkannt ja, gehandelt nein. Genau dies ist der inhaltliche Kern von „Fridays for future“. Viele Systeme finden derzeit keinen Hebel, diese Diskrepanz aufzulösen.

Driven by Purpose – konsequent sollte das Handeln schon sein

Ob hier der vielbeschworene „purpose“ hilft, der sich zu einem neuen Geschäftsfeld für Managementberatungen aufgeschwungen hat, bleibt fraglich. Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Unternehmen ihr Geschäftsmodell in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen und auf diese Weise Sinn stiften (wollen) für all ihre Stakeholder. Nur sollten sie dann auch konsequent danach handeln.

Wenn dies nicht gelingt, springen Individuen in die Bresche. Gegen die unbeweglichen Tanker ziehen sie ihre eigene moralische Flagge auf und zeigen Haltung. Das passt wunderbar zu unserer singulären Gesellschaft, in der das Ich vor dem Wir steht. In einer Welt, in der heute viele Menschen Achtsamkeit auch als politische Korrektheit hochhalten.

Haltung des Individuums ist Haltgeber in unsicheren Zeiten

Damit schließt sich der Kreis. Da Systeme nicht auf der Höhe der Zeit agieren, weil sie in ihre Sachzwänge verstrickt sind, entwickelt sich die Haltung des Individuums zur zentralen Instanz, zum Haltgeber in unsicheren Zeiten. Das ist mehr als verständlich – und trotzdem sollten wir diesen Trend kritisch hinterfragen und auf seine Dialektik verweisen. Haltung zeigen ist auch ein Indiz für den steigenden Narzissmus, einer der Schattenseiten der zunehmenden Individualisierung. Es ist derzeit angesagt, Haltung zu postulieren und diese über Social Media zu präsentieren.

Interessant wird es, wenn Haltung auf dem realen Prüfstand steht, wenn es ernst wird: Wer opfert seinen Job, seine Karriere, seinen Status, um auch in kritischen Situationen Haltung zu zeigen? Siegt dann doch wieder der schnöde, gleichwohl menschliche Opportunismus? Systemkonformität vor Haltung? Ein uralter Konflikt, der bereits im antiken Theater zelebriert wurde. Zu fragen wäre analog zum purpose von Organisationen: Haben es Menschen, die über Haltung verfügen, nötig, darüber Reden zu schwingen? Eine in der Person verankerte Haltung macht sich nicht selbst zum Thema, eine narzisstische dagegen schon.

Haltung findet also nicht im luftleeren Raum statt, sondern in sozialen Interaktionen. Das führt uns zum Kreislauf zwischen Individuum und Organisation zurück. Um Haltung zu leben, bedarf es organisatorischer Rahmenbedingungen. Wie beispielsweise, dass Unternehmen mit kritischen Themen offen umgehen, dass sie Widerspruch fördern und pluralistisch diskutieren. Dann hat es Haltung nicht mehr nötig, sich zu inszenieren, sondern ist untrennbar mit einer gelebten Unternehmenskultur verbunden.