Selbstbestimmung, muss das sein?

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Beispiele dafür, dass ein Führungsstil, der vor allem auf Kontrolle setzt, zunehmend unbeliebter wird, sieht Jan C. Weilbacher nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch bei seinem Sohn. Eine Glosse

Die Pubertät beginnt immer früher. Ich muss mich jetzt auch schon mit meinem pubertierenden Sohn herumschlagen. Er legt neuerdings wahnsinnig viel Wert auf seine Freiheit und Selbstbestimmung. Kürzlich sagte der aufmüpfige Widerständler zu mir – nachdem ich ihn aufgefordert hatte, er solle jetzt aufräumen: „Du bist nicht der Bestimmer über mein Leben. Jeder bestimmt selbst über sein Leben.“ Da war ich zunächst etwas sprachlos, schließlich hatte ich nicht erwartet, dass solche Sätze zum Repertoire eines 5-Jährigen gehören können. Wer hat Dir denn den Quatsch erzählt, dachte ich und natürlich war klar, dass es nur meine Frau sein konnte, die ihn wohl zum Widerstandskämpfer ausbilden will. Ich malte mir aus, wie mich mein Sohn in zehn Jahren mit einem Messer bedroht, weil ich sein Taschengeld nicht erhöhen will. „Wenn Du nicht sofort aufräumst, lese ich Dir kein Buch mehr vor“, schrie ich dann beinahe. Ich war stinksauer. Aber anstatt nun endlich mal loszulegen mit dem Aufräumen, rief er direkt zurück: „Du darfst mich nicht erpressen.“ – Und was ist mit verhauen? Das sagte ich natürlich nicht, ich dachte es nur. Und ging erst einmal zu meiner Frau und verlangte ein Grundsatzgespräch über Erziehung. Man dürfe nicht so fordernd auftreten, sagte sie gleich zu mir, nachdem ich sie auf unser problematisches Kind ansprach. Woraufhin ich mir eine passende Wand suchte, um meinen Kopf dagegen zu schlagen. Ein gar nicht so schlechtes Gefühl, wie ich fand.

Auch bei einigen Unternehmen tut sich in Sachen Freiheitskampf allerhand – zumindest liest man davon in den Medien. Es gibt immer mehr Angestellte, die sozusagen – im übertragenen Sinne – in die Pubertät kommen und plötzlich anfangen zu rebellieren. Sie fordern ein selbstbestimmtes Arbeiten, Freiraum und Vertrauen. Angeblich soll sich das alles ja positiv auf die Produktivität auswirken. Aber wo soll das hinführen? Wenn man den Mitarbeitern den kleinen Finger reicht, reißen sie dem Chef doch gleich den Arm ab.

Bei Haufe-umantis haben die Angestellten sogar kürzlich den Geschäftsführer gewählt. Gewählt?! So ne Art Volksentscheid. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich zumindest die großen Konzerne dem Trend zu mehr Transparenz und Teilhabe, der in anderen gesellschaftlichen Bereichen stattfindet, noch lange verweigern. In Unternehmen müssen nun mal Entscheidungen getroffen werden – und das immer schneller –, da kann man halt nicht Lieschen Müller fragen, ob ihr das jetzt recht ist, das mit der neuen Markenstrategie. Aber unbequeme Wahrheiten auszusprechen, das ist hierzulande ja tabu. Der einstige Managementvordenker Bernd Stromberg mag ein wenig aus der Mode gekommen sein, manchmal sagt er jedoch immer noch sehr Richtiges, so zum Beispiel, dass Hierarchien wirklich viele Vorteile haben: „Gott hat ja auch nicht zu Moses gesagt: ‚Hier Moses, ich hab da mal was aufgeschrieben, was mir nicht so gut gefällt. Falls du Lust hast, schau doch da mal drüber.‘“ Wohl eher nicht. Stattdessen hieß es: „Zack, 10 Gebote! Und wer nicht pariert kommt in die Hölle.“ So muss es sein.

Und ja, ich weiß, der Führungsstil „Kontrolle und Anweisung“ ist nicht super populär. Aber ist er deswegen immer fehl am Platz? Ich meine, das ist doch wie bei meinem Sohn: Wenn man ihm keine Grenzen setzt, ernährt er sich nur von Schokolade und beschmiert die Wände mit Farbe. Daher habe ich ein bisschen das Urteil des Arbeitsgerichts Frankfurt im August bedauert, wonach die Angestellten der Modekette Hollister künftig auch ohne Begleitung durch Wachleute die Toilette aufsuchen dürfen. Gewagt. Die Mitarbeiter könnten die Entscheidung womöglich nun als Freifahrtschein sehen, heimlich Kleidungsstücke das Klo herunter zu spülen oder schlimmer: dort eine Party zu feiern. Natürlich sollte man bei Arbeitnehmern immer das Schlimmste annehmen.

Aber der Trend zu so was wie Freiheit und anderem Quark ist wohl nicht aufzuhalten, befürchte ich. Mir wird allerdings angst und bange, wenn die Generation meines Sohnes in die Unternehmen eintritt: die Nachfolger der Generation Z. Die akzeptieren wahrscheinlich gar keinen Chef mehr. Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie der Vorgesetzte meines Sohnes ihn bittet bis morgen ein paar Zahlen zu recherchieren und dieser erwidert: „Sie dürfen nicht über mein Leben bestimmen.“ Na ja, noch kann man eventuell durch die entsprechende Schulbildung gegensteuern.

Auf welche Schule schicken wir unser Kind eigentlich nochmal, Schatz? Was? Eine Waldorfschule? Verdammt.