Was ist ein Praktikum wert?

Der gesetzliche Mindestlohn ist beschlossen. Ausnahmeregelungen gelten unter anderem für Praktikanten – absolvieren sie ein freiwilliges Praktikum, erhalten sie den Mindestlohn erst nach drei Monaten. Trotzdem schreien Unternehmen auf. Warum sie ihre Einstellung zu Praktikanten überdenken sollten.

Eine Ausnahme vom Mindestlohn für Pflichtpraktika – also solche Praktika, die fester Bestandteil der Berufsausbildung sind – ist gerechtfertigt, keine Frage. Denn hier geht es darum, einem Auszubildenden oder Studenten Einblicke in die praktischen Betriebsabläufe eines Unternehmens zu geben. Der Nutzen liegt hier alleine im Erkenntnisgewinn des Praktikanten. Dem steht ein bedeutender Betreuungsaufwand vonseiten des Unternehmens gegenüber.

Mogelpackung Praktikum

Dennoch beklagen Unternehmen den Mindestlohn nach dem dritten Monat, der für Praktikanten fällig wird, die ein sogenanntes freiwilliges Praktikum machen. In der Regel handelt es sich dabei um Jobeinsteiger, die bereits über einen berufsqualifizierenden Abschluss verfügen. Aber bei wie vielen Praktikanten ist dieses Praktikum denn wirklich freiwillig? Vordergründig bieten Unternehmen solche Stellen mit dem Versprechen an, den Praktikanten zu einem späteren Zeitpunkt in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernehmen zu wollen. Ich höre von genug qualifizierten Bewerbern, die nur wegen der Hoffnung auf eine Festanstellung ein solches Praktikum beginnen, aber nur in wenigen Fällen tatsächlich in eine reguläre Anstellung übernommen werden. Kann das der Sinn eines Praktikums sein? Wohl kaum!

Statt über Mindestlöhne für Praktikanten sollte man zunächst über die inhaltliche Ausgestaltung von Praktika, also die Bedeutung, die hinter der „Generation Praktikum“ steckt, diskutieren. Bieten Unternehmen Praktikanten denn ein Aufgabenfeld, das sie auch regulär angestellten Mitarbeitern bei einer höheren Bezahlung bieten würden? Und wenn ja, sind studentische Praktikanten, die frisches Wissen von der Uni mitbringen, dann nicht mehr wert als 3,77 Euro – also den Betrag, den eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung noch 2011 als das durchschnittliche Praktikantengehalt ermittelte? Ich meine schon.

Hochschulen wollen, dass Unternehmen weiterhin Plätze für freiwillige Praktika anbieten, lassen ihnen aber bei der Ausgestaltung dieser freie Hand. Liebe Hochschulen, welchen Preis zahlen diejenigen qualifizierten Bewerber dafür, dass diese Aufgabe der freien Wirtschaft überlassen wird? Studenten sollen also sich selbst fördern, indem sie ihre Leistung, die auf teurer Hochschulbildung basiert, verschenken, und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können?

Umdenken und Alternativen finden

Sowohl Studenten als auch Unternehmen haben echte Alternativen zur Mogelpackung Praktikum. Unternehmen müssen ihre Sicht auf die Rolle von Praktikanten und Young Professionals ändern. Und Studenten? Sie müssen sich klar darüber sein, was sie wollen – bloße Orientierung oder sich als Young Professional einbringen. Eine Unterscheidung zwischen freiwilligen und Pflichtpraktikum wird in den Unternehmen in der Regel nicht getroffen. Deshalb sollte man sich sich über das Pflichtpraktikum hinaus nicht als Praktikant, sondern als Werkstudent im Unternehmen bewerben oder zu einem Dienstleister gehen, der darauf spezialisiert ist, gut qualifizierte Fachkräfte in Kundenprojekte zu vermitteln. Letzteres ist insbesondere für Hochschulabsolventen eine interessante Option und sollte einem freiwilligen Praktikum vorgezogen werden. Denn die Erfahrung zeigt: Wer gute Arbeit leistet und sich schnell in Arbeitsabläufe integriert, wird nicht lange auf ein Übernahmeangebot warten müssen.

Es ist begrüßenswert, dass die Politik dort einen Riegel vorschiebt, wo qualifizierte Praktikanten als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden. Nach wie vor liegt es an den Unternehmen, Praktika so zu gestalten, dass sie ihren Namen verdienen – so lange, bis Qualitätsvorgaben für Praktika vorliegen. Aber eins ist sicher: Mit der neuen Gesetzesregelung werden Vollzeitstellen nicht mehr mit dem Etikett „Praktikum“ besetzt. Sowohl Unternehmen als auch Berufseinsteiger müssen sich ihrer Definition vom Praktikum bewusst werden und gleichzeitig wissen, was sie wollen.