Weg vom Full Remote: Warum wir uns wiedersehen müssen

Vincent Huguet kennt das Konzept „Full Remote“ bereits aus der Gründungsphase seines Unternehmens. Hier erklärt er, warum es für ihn keine Dauerlösung ist.
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Vincent Huguet kennt das Konzept „Full Remote“ bereits aus der Gründungsphase seines Unternehmens. Hier erklärt er, warum es für ihn keine Dauerlösung ist.

In den vergangenen Monaten wurde reines Homeoffice zur Normalität. Und auch wenn der plötzliche und für viele aufgezwungene Wandel nicht unbedingt unter besten Bedingungen passiert ist – mit Kindern, die im Wohnzimmer spielen oder dem Küchentisch als Arbeitsplatz – kündigen nun immer mehr Unternehmen an, nicht zum alten Normalzustand zurückzukehren. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Dennoch findet für mich der neue Normalzustand nicht komplett remote statt. Und zwar nicht, weil wir uns Full Remote nicht vorstellen können, sondern weil Full Remote Teil unserer Identität in der Gründungsphase war.

Bei Malt, dem Unternehmen, das ich vor sieben Jahren mitgegründet habe, hatten wir von Anfang an eine offene Homeoffice-Politik. Zunächst aus Notwendigkeit, da Hugo, CTO und Mitbegründer, von Beginn an in Lyon gewohnt hat, aber auch, weil wir anfangs kein Geld hatten, um ein Büro zu finanzieren. Malt ist ein Marktplatz, der digitale Freelancer mit Kunden verbindet. Dementsprechend waren wir daran gewöhnt, mit Menschen in Kontakt zu stehen, für die diese Art zu arbeiten, völlig natürlich ist.

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Für die meisten Freelancer ist die Fernarbeit Normalität. In einer Umfrage, die wir kürzlich gemeinsam mit der Boston Consulting Group unter 2500 Freelancern auf Malt durchgeführt haben, hat sich das bestätigt. Bereits vor der Krise haben Freelancer mindestens 45 Prozent ihrer Zeit remote gearbeitet. Aber auch damals war uns schon klar, dass wir mit einer Berufsgruppe zusammenarbeiten, die moderne Arbeitsmethoden verinnerlicht hat und damit in Zukunft immer wichtiger werden wird. Von Freelancern lernen Unternehmen agile und autonome Modelle der Zusammenarbeit – eine Fähigkeit, die Unternehmen heute mehr denn je benötigen. Unser Auftrag war es, die beiden auf unkomplizierte Art zusammenzubringen.

Unser erstes Büro, und damit unser Hauptquartier, war zunächst in Paris. Ich hatte das Bedürfnis, neue Menschen persönlich kennenzulernen, um kreativer zu sein, Netzwerke aufzubauen, Kontakte zu knüpfen und aus meiner winzigen Pariser Wohnung herauszukommen.  Hugo in Lyon arbeitete die erste Zeit nur remote. Aber nachdem er einen Entwickler und dann einen weiteren eingestellt hatte, hatte das junge Team das Gefühl, einmal in der Woche einen Treffpunkt zu brauchen. Also nutzen sie zunächst einen Coworking-Space. Als das Team weiter wuchs musste ein festes Büro her. Was als Full-Remote-Team begann, hatte dann einen Ort, an den sie gehen konnten, wenn sie Lust dazu hatten. Nicht aus Verpflichtung oder Notwendigkeit, sondern auf eigenen Wunsch.

Wir müssen uns wiedersehen – warum die Zukunft der Arbeit nicht völlig remote ist

Ich habe die vielen Vorteile der Fernarbeit aus erster Hand erfahren und bin trotzdem überzeugt, dass wir uns besonders nach Corona wieder persönlich treffen müssen. In den meisten unserer damaligen Homeoffice-Teams warteten alle gespannt auf unsere Meetings vor Ort. Wenn sie ins Büro kamen, dann in erster Linie, um unter Leute zu kommen und kreativ zu denken, und nicht, um Konzentrationsarbeit zu leisten. Meine Erfahrung ist, dass das Lösen von Problemen, das Kreativität und Teamarbeit erfordert, in einem Besprechungsraum oder bei ein oder zwei Bierchen viel einfacher ist. Wir sind soziale Lebewesen, und obwohl die Werkzeuge immer besser werden und morgen vielleicht Virtual Reality Magie bewirken wird, bin ich überzeugt, dass Millionen von Jahren Körpersprache und physische Verbindung nicht vollständig ersetzt werden können.

Jetzt, da die meisten von uns zum ersten Mal Fernarbeit erlebt haben, möchte niemand mehr zur alten Normalität des Pendelns in überfüllten U-Bahnen oder Autobahnen zurückkehren. Wir treten eindeutig in eine neue Phase unserer Arbeitsweise ein, und das sind hervorragende Neuigkeiten.

Trotz dieser neuen Möglichkeiten der Fernarbeit sehe ich auch, was unsere Mitarbeiter sagen. Die meisten möchten sehr gerne wieder ins Büro zurückkehren. Ich habe es letzte Woche in unserem Münchner Büro erlebt, als sich einige von uns persönlich getroffen haben. Entscheidungen konnten plötzlich sehr schnell getroffen werden und alle schienen glücklich zu sein. Wir sind soziale Lebewesen, wir brauchen einander. Wenn wir mit anderen zusammenkommen, werden wir bessere Fachleute und bessere Menschen.

Wir müssen nicht die ganze Zeit vor Ort sein, oder alle zur gleichen Zeit, aber indem wir zur Arbeit „gehen“, erkennen wir an, dass das Leben zurück ist, dass auch unsere Kunden und Anbieter wieder arbeiten und dass es Zeit ist, wieder Entscheidungen zu treffen und neue Projekte voranzutreiben. Natürlich müssen wir alle notwendigen Vorkehrungen für die Rückkehr ins Büro treffen. Ich habe zum Beispiel seit Jahren das Konzept aufgegeben, systematisch Hände zu schütteln oder morgens jedem ein französisches „Küsschen“ zu geben. Mit dem amerikanischen Abschieds-„Winken“ habe ich herausgefunden, dass ich im Winter weniger Erkältungen (oder Schlimmeres…) bekomme.

Aber was müssen Büros bieten, damit Mitarbeiter wieder Lust haben zur Arbeit zu kommen?

Damit die Mitarbeiter wieder gerne das heimische Arbeiten gegen Meetings im Büro eintauschen, muss das Büro Vorteile bieten, die es zu Hause nicht gibt. Wenn ein Büro beispielsweise gut ausgestattet ist und Komfort bietet, erleichtert das den Menschen die Arbeit und sie werden sich gern dort aufhalten. Dazu gehört eine gute technische Ausstattung, aber auch Dinge wie eine gemütliche und geschmackvolle Einrichtung, guter Kaffee, eine Küche oder verschiedene Lunch-Möglichkeiten. Das Büro muss ein Ort sein an dem Menschen gerne zusammenkommen, weil sie dort ihre Kollegen treffen, mit denen sie Spaß haben und gut zusammenarbeiten. Eine zentrale Lage erleichtert für viele den Arbeitsweg und bietet auch ein After-Work-Life.

 

Ich denke das Wichtigste ist, die Benefits, die Mitarbeiter sich wünschen, zu berücksichtigen und dann darauf zu vertrauen, dass Menschen gerne zusammenkommen. Bei Malt vertrauen wir darauf, dass jeder Mitarbeiter am besten für sich entscheiden kann, wann er besser zu Hause und wann er besser im Büro arbeitet. Und wir sehen, dass es funktioniert und das Büro für viele noch nicht ausgedient hat – zumindest nicht komplett.