Der Dienstwagen als Bonus und Anreiz ist überholt

| |
(c) Getty Images / Sporrer/Rupp
(c) Getty Images / Sporrer/Rupp

Die Strahlkraft des Autos lässt nach, Alternativen zum Dienstwagen werden immer beliebter – auch weil Unternehmen heute weit mehr bieten als die früher übliche Bahncard. Damit erschließen sich Personalmanager vollkommen neue Anreize zur Motivation von Mitarbeitern.

Das ist mal eine echte Alternative: Wenn Manager der deutschen Tochter des japanischen Pharmaherstellers Daiichi Sankyo auf ihren Dienstwagen verzichten, bekommen sie dafür eine Kreditkarte. Deren monatlicher Verfügungsrahmen entspricht den Kosten, die dem Unternehmen entstehen würden, wenn der Mitarbeiter den teuersten Dienstwagen auswählen würde, für den er eine Berechtigung hat.

+++ Dieser Beitrag ist zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager erschienen. Eine Übersicht der Ausgaben und zu unseren Abo-Konditionen erhalten Sie hier. +++

Kreditkarte und Dienstwagen lassen sich auch kombinieren: je günstiger der Wagen, den ein Mitarbeiter auswählt, desto mehr Geld verbleibt jeden Monat auf der Karte. Ob ein Mitarbeiter mit seinem Guthaben Carsharing-Autos bucht, ein Bahnticket oder ein Fahrrad oder völlig andere private Ausgaben bezahlt, die überhaupt nichts mit Mobilität zu tun haben, ist ihm selbst überlassen. Bis zu drei Jahre können Mitarbeiter ihre Guthaben ansparen. Damit geht das Unternehmen über bisher übliche Angebote deutlich hinaus: „Die herkömmliche Alternative zum Dienstwagen, bestehend aus einer Bahncard plus ein paar Mobilitätsgutscheinen, reicht nicht, um den Verzicht auf einen großen Dienstwagen zu kompensieren“, erklärt Michael Müller, Fuhrparkchef von Daiichi Sankyo Europe in München. „Ein Kreditkartenguthaben hingegen schon.“

Ein Statussymbol dankt ab

Der Erfolg der vor drei Jahren eingeführten Regelung kann sich sehen lassen: Vor der Einführung des Mobilitätsbudgets wählten die Mitarbeiter fast immer den größtmöglichen Dienstwagen, da es keinen Anreiz für „weniger Auto“ gab. Mittlerweile verzichtet ein Viertel der Manager komplett auf einen Dienstwagen. Und von den verbliebenen drei Vierteln mit Dienstwagen wählt der weitaus größte Teil ein kleineres Auto, als ihnen zusteht.

Lange Zeit gab es in Unternehmen keine ernst zu nehmenden Alternativen zum Dienstwagen, die häufig angebotene Bahncard nutzten nur wenige. Doch nun scheint sich in vielen Unternehmen ein Kulturwandel zu vollziehen: Der Nimbus des Autos als Statussymbol bröckelt angesichts von Betrugsskandalen und drohenden Fahrverboten. Der viel umworbenen Generation Y ist ihr Smartphone ohnehin längst wichtiger als ein Auto. Der Wunsch nach einem Dienstwagen wird entsprechend seltener und der nach anderen Mobilitätsformen größer. Viele Arbeitgeber erweitern deshalb die Alternativen zum Dienstwagen bis hin zu sogenannten Mobilitätsbudgets, bei denen Mitarbeiter aus einer breiten Palette von Fortbewegungsmitteln auswählen können. Vor allem große Unternehmen haben das Potenzial neuer Mobilitätsincentives erkannt: 22 Prozent der deutschen Großunternehmen bieten bereits Mobilitätsbudgets an, in den kommenden Jahren soll es bereits rund jedes dritte Unternehmen sein, so das Fuhrparkbarometer 2017 des Flottendienstleisters Arval.

Mobilität ist ein wichtiger Incentive-Faktor

Auch Fuhrparkexperte Müller von Daiichi Sankyo spürt den Kulturwandel: „Die Einstellung zum Auto wandelt sich. Zudem gibt es aufgrund neuer Technologien und Geschäftsmodelle andere und bessere Möglichkeiten, mobil zu sein, als ausschließlich das eigene Auto zu verwenden.“ Weil Mobilität ein wichtiger Incentive-Faktor ist, will das Unternehmen seinen Mitarbeitern möglichst gute Alternativen zum Dienstwagen bieten: „Wir wollen als Arbeitgeber noch attraktiver werden“, sagt Müller, der direkt an den Personalgeschäftsführer berichtet. Freilich können die Mitarbeiter frei wählen, ob sie weiterhin ein Auto als Gehaltsbestandteil haben wollen.

Für Vertriebler etwa, die viel in der Fläche unterwegs sind und vielleicht obendrein auf dem Land wohnen, ist ein Dienstwagen nach wie vor attraktiv. Bei anderen Kollegen, gerade am Sitz der Zentrale in München, rennt Müller mit seinen alternativen Konzepten offene Türen ein: „Staus und Parkplatzprobleme in Großstädten machen das Auto für viele Menschen unattraktiv, hinzu kommt die hohe Versteuerung der privaten Nutzung. Wir haben viele Kollegen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen und am Wochenende mit dem Carsharing-Fahrzeug in die Berge fahren.“

Verhaltensprägende Anreize

Mit dem örtlichen Finanzamt hat Müller die Regelung abgeklärt: Die Kreditkarte gilt als elektronischer Gutschein, das Guthaben wird vom Bruttolohn abgezogen und der private Nutzen pauschal versteuert – für die Mitarbeiter eine attraktive Regelung, zumal meist vor allem Manager in gehobenen Gehaltsklassen einen Dienstwagenanspruch haben.

Zudem bietet Daiichi Sankyo auch Mitarbeitern ohne Dienstwagenanspruch Mobilitätsincentives: Die Mitarbeiter können mit einer Bruttogehaltsumwandlung ‒ und damit steuer- und sozialabgabenvergünstigt ‒ ein E-Bike leasen, 60 der 320 Mitarbeiter in der Münchener Zentrale nutzen diese Möglichkeit bereits. Zudem bekommen Mitarbeiter, die nicht mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren, eine Gutschrift bis zum maximal möglichen steuerfreien Pauschalbetrag von 44 Euro monatlich zusätzlich zu ihrem Gehalt. Müller sieht darin einen wirkungsvollen Hebel, den Umstieg weg vom Auto generell zu fördern: „Der Weg zur Arbeit ist verhaltensprägend“, sagt Müller. Heißt: Wer jeden Tag für den Arbeitsweg die Bahn nimmt, fährt auch sonst weniger Auto. Das ist gut für die Umwelt und ebenso gut fürs Unternehmen: Denn Mitarbeiter, die regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel nutzen, nehmen auf Dienstreisen in der Regel seltener ein Taxi.

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) hat vergangenes Jahr ein Mobilitätsbudget als Alternative zum Dienstwagen eingeführt. BCG-Berater können innerhalb ihres Budgets frei wählen, ob sie einen Wagen mieten, Bahn fahren oder sich ein Fahrrad zulegen. Das Angebot kommt gut an: Während 40 Prozent der BCG-Berater aus Deutschland und Österreich einen Dienstwagen nutzen, haben sich seit Anfang 2017 weitere 40 Prozent für das neue Konzept entschieden, die vorher keine Mobilitätsangebote ihres Arbeitgebers genutzt haben – Tendenz steigend. Damit habe sich die Attraktivität der BCG als Arbeitgeber innerhalb kurzer Zeit stark verbessert, vor allem in Bezug auf die stark umworbenen Nachwuchskräfte: „Wir beobachten einen Wandel in den Mobilitätsbedürfnissen unserer Mitarbeiter, vor allem bei den jungen Kollegen“, sagt Andreas Dinger, Partner & Managing Director der BCG. „Zudem sind viele unserer Berater unter der Woche unterwegs und nur am Wochenende in der Stadt. Sie wollen entsprechend flexibel sein und Mobilitätsangebote frei wählen können.“ Und weil Autos obendrein weniger emotional aufgeladen sind als früher, rücken die Kosten verstärkt in den Blick: Immer mehr Mitarbeitern ist ein hochpreisiger Dienstwagen wegen der Ein-Prozent-Regelung für die Privatnutzung schlicht zu teuer. Das Ende des klassischen Dienstwagens ist für Dinger freilich nicht gekommen: „Sobald ein Berater eine Familie gründet, wird der Dienstwagen häufig doch noch interessant.“

Leihen statt besitzen

Mittlerweile treten auch die ersten Fuhrparkdienstleister auf den Plan, die Mobilitätspakete anbieten: Beim Mietwagenanbieter und Dienstwagenflottenbetreiber Sixt können Unternehmen für ihre Mitarbeiter neuerdings Mobility as a Service (MaaS) buchen und innerhalb ihres Budgets einen Wagen mieten, das Carsharing des Kooperationspartners Drive Now oder den Sixt-Chauffeurservice nutzen. „Das Besitzenwollen eines Autos wird immer weniger wichtig, vor allem bei jungen Menschen“, beobachtet Jakob Brombacher, Produktentwickler bei Sixt. „Auch der Trend zur Urbanisierung macht das eigene Auto unattraktiver.“ Weiterer Vorteil aus Sicht von Arbeitgebern: MaaS funktioniert auch mit einem deutlich kleineren Budget, als für ein Leasingfahrzeug nötig wäre. „Das Paket ist auch für Mitarbeiter ohne Dienstwagenanspruch als Incentive interessant“, sagt Brombacher.

Während Sixt sich auf automobile Mobilität beschränkt, gehen andere Anbieter wie der Autoleasing-Makler Belmoto einen Schritt weiter: Das Unternehmen arbeitet momentan an dem Konzept einer Mobilitätskarte, mit der Mitarbeiter von Kundenunternehmen alternativ zu einem Leasing-Dienstwagen sämtliche Verkehrsmittel vom Carsharing über Mietautos bis hin zu Bahn und Flugzeug nutzen können. „Das Interesse und die Nachfrage nach einem solchen Produkt ist enorm“, sagt Belmoto-Geschäftsführer Philip Kneissler. Das Unternehmen hat bereits mit ersten Bestandskunden die konkrete Konzeptionierung gestartet, im ersten Quartal kommenden Jahres soll die Mobilitätskarte regulär als Dienstleistung verfügbar sein.

Alternativen zu den klassischen Anreizen Bahncard oder Jobticket

Die Walldorfer Softwareschmiede SAP bietet ihren Mitarbeitern schon seit einiger Zeit klassische Alternativen zum Dienstwagen wie Bahncard und Jobticket an. Das Unternehmen will allerdings nicht nur den Umstieg auf andere Verkehrsmittel, sondern auch die möglichst umweltfreundliche Nutzung von Autos fördern: 650 der insgesamt 16.500 Firmenfahrzeuge in Deutschland sind bereits heute Elektroautos, bis 2020 sollen es 20 Prozent der Fahrzeuge sein.

SAP legt über ein Bonus-System für besonders ökologische Autos bis zu 10.000 Euro bei der Anschaffung drauf, um den Umstieg zu erleichtern. „Die Mitarbeiter schauen meist vor allem auf den Anschaffungspreis ‒ und der liegt bei Elektroautos in der Regel etwas höher als bei vergleichbaren herkömmlichen Modellen“, sagt Marcus Wagner, Projektleiter Nachhaltigkeit bei SAP. „Die Gesamtkosten von Elektroautos sind allerdings häufig sogar niedriger.“ Für Mitarbeiter rechnet sich ein E-Auto damit erst recht, zudem haben die Mitarbeiter im Rahmen ihres Budgets die freie Auswahl bei allen gängigen Herstellern. 200 Ladesäulen hat das Unternehmen an seinen Standorten in Deutschland bereits installiert, der Strom ist für Mitarbeiter inklusive.

Fahrrad statt Automobil

Zudem können Mitarbeiter unabhängig vom Dienstwagenanspruch seit 2015 einen Teil ihres Gehalts für ein Fahrrad-Leasing umwandeln. Das Konzept kommt an: Bereits 2.500 Mitarbeiter fahren mittlerweile ein Leasing-Rad, das sie bei einem von 3.000 Händlern für Anschaffungspreise von 750 Euro bis zum High-End-Elektro-Rad für 10.000 Euro ordern können. Die monatliche Leasingrate zahlt SAP vom Bruttogehalt, der Arbeitnehmer spart damit Lohnsteuer und Sozialabgaben, muss dafür allerdings wie beim Auto ein Prozent des Anschaffungspreises pro Monat für die Privatnutzung versteuern. „Das Fahrrad ist als Verkehrsmittel optimal, weil es gleichermaßen die Umwelt schont und die Gesundheit fördert“, sagt Wagner. „Die jährliche Mitarbeiterbefragung hat ergeben, dass deutlich mehr Kollegen mit dem Rad zur Arbeit kommen, seit wir das Leasingangebot gestartet haben“, sagt Wagner. „Gleichzeitig geht der Trend weg vom Auto.“

In der ländlichen Region der Konzernzentrale in Walldorf kommen zwar noch 70 Prozent der Belegschaft mit dem Auto zur Arbeit, das sind aber immerhin sechs Prozent weniger als im Vorjahr. In Großstädten ist die Auto-Quote ohnehin niedrig und sinkt weiter, in Berlin etwa kommen nur noch 24 Prozent der Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit, 7,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Zudem hat SAP bereits vor vielen Jahren die Mitfahrzentrale TwoGo eingerichtet, um die Nutzung von Autos zu optimieren. Mittlerweile haben sich 17.000 Mitarbeiter und 60 weitere Firmen als Kunden registriert. „Das gemeinsame Autofahren spart nicht nur Geld und schont die Umwelt“, sagt Wagner. „Obendrein lernen sich auch Mitarbeiter kennen, die sonst keinerlei Berührungspunkte hätten.“ Nebenbei erschließt SAP damit neue Geschäftsfelder – fürs Car-Pooling und die Verwaltung der E-Auto-Flotte hat die Softwareschmiede eigene Apps entwickelt.

Weiterbildungen zum Thema Personalentwicklung und Benefits