Das Selbstbild der HR im Realitätscheck

05.07.2019  |  Robindro Ullah
Studie zur Selbsteinschätzung der HR
(c) gettyimages / EvgeniiAnd

HRler halten die eigenen Leistungen mehrheitlich für gut. Fach- und Führungskräfte aus anderen Abteilungen geben ihnen deutlich schlechtere Noten.

Viele offene Jobs, wenige Kandidaten und eine Mission, die nicht warten kann. Klingt nach der Situation vieler Unternehmen im Jahr 2019 – ist aber ein uraltes Problem. Kein Geringerer als Julius Caesar ärgerte sich vor mehr als 2.000 Jahren, nicht genügend Soldaten für seine Legion zusammenzubekommen. Man brauchte die entsprechende Ausbildung, verdiente nicht mehr als ein Schmied oder Bäcker, dazu war der Job im schlimmsten Fall tödlich. Aus Personalmarketing-Sicht ein schwieriger Fall. Also erließ der römische Feldherr im Jahr 55 vor Christus ein Dekret: Jeder Legionär, der einen neuen anwirbt, sollte ein Drittel seines Jahresgehalts als Bonus bekommen. Kein schlechter Deal – und das erste Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm der Geschichte.

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. (heart) Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++

Wo stehen wir heute, wenn es um Recruiting geht? Oder im nächsten Schritt um Personalentwicklung? Diese Fragen hat das Trendence Institut in einer deutschlandweiten Studie gestellt, bei der die Sicht von HR-Experten der von Fach- und Führungskräften gegenübergestellt wurde. Der Erhebungszeitungraum war Dezember 2018 bis Mai 2019. Die ersten Ergebnisse zeigen: Es ist noch viel Luft nach oben. Aber nicht immer sehen das beide Seiten so.

(c) Quadriga / Maria Navas Carrillo
(c) Quadriga / Maria Navas Carrillo

 
Besonders stark weichen die Einschätzungen beim Re­cruiting voneinander ab. Von den rund 500 befragten HR-Experten in Unternehmen ist die Mehrheit (72 Prozent) mit der Personalgewinnung zufrieden. Von den rund 1.400 befragten Fachkräften stimmen nur 49 Prozent zu. Jeder Zweite hadert also mit dem Recruiting – was wohl nicht oft bemerkt oder ernst genommen wird.

HRler schätzen sich selbst besser ein

Eine große Diskrepanz gibt es auch bei der Zufriedenheit mit der HR-Administration. Die Personaler glauben mehrheitlich, dass alles gut laufe (82 Prozent). Bei den Fach- und Führungskräften sind es 21 Prozentpunkte weniger. In Bezug auf die Beschäftigungsbedingungen geben 85 Prozent der HR-Experten an, dass das Thema bei ihnen in guten Händen ist. Aufseiten der anderen Beschäftigten sind es zehn Prozentpunkte weniger. Dennoch ist dies der Bereich mit der höchsten Zufriedenheit bei den Fach- und Führungskräften.

Nur in zwei Bereichen decken sich die Einschätzungen weitgehend. Und in beiden gibt es Nachholbedarf. Mit der Personalbetreuung sind knapp 68 Prozent der HRler zufrieden, bei den Fach- und Führungskräften wiederum fünf Prozentpunkte weniger. Vor allem aber hakt es bei der Personalentwicklung: Nur 55 Prozent der Personaler sehen sie momentan als gut an, bei den anderen Beschäftigten sind es ebenso wenig. Damit ist die Personalentwicklung der insgesamt am schlechtesten bewertete Bereich in der HR.

Warum schneiden Recruiting und Personalentwicklung so schlecht ab – und wo liegt Potenzial? In beiden Bereichen gibt jede zweite Fach- oder Führungskraft an, unzufrieden mit dem Status quo zu sein.

Wo besteht Nachholbedarf?

Fragt man die Personaler, wo im Bereich Recruiting sie im kommenden Jahr Schulungsbedarf sehen, dann landet So­cial Recruiting mit 62 Prozent auf Platz eins. Besonders in der Consulting-Branche, bei Banken und allgemein im Top-Management wird Wert darauf gelegt: 30 Prozent aller Personalleiter und CHROs sehen Bedarf. Dabei wird Social Recruiting von 81 Prozent, also von fast allen Unternehmen, bereits genutzt, von sehr kleinen bis hin zu ganz großen. Am beliebtesten sind Xing (85 Prozent) und Linkedin (78), zunehmend aber auch Facebook (65) und Instagram (43).

Auf Platz zwei folgt mit 55 Prozent das Personalmarketing, wieder mit stärkerer Ausprägung im Top-Management. Hier könnte es bisher daran hapern, die Arbeitgebermarke operativ umzusetzen – weil diese nicht gut definiert wurde. Nur 40 Prozent aller Firmen geben an, eine definierte Employer Brand sowohl intern als auch extern positioniert zu haben. Bei den kleineren Firmen ist es gut ein Drittel, doch selbst bei den größten Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern hat sich bisher nur die Hälfte darum gekümmert. Das verwundert, wenn man bedenkt, dass Employer Branding nicht nur für die Personalgewinnung zentral ist, sondern auch für die Bindung und Loyalität der Mitarbeiter.

Auf Platz drei beim Schulungsbedarf steht Active Sourcing (48 Prozent). Am höchsten scheint der Bedarf in der IT-Branche zu sein: Wer auf Bewerber wartet, statt auf sie zuzugehen, hat kaum noch Chancen. Insgesamt sind Unternehmen hier inzwischen gut aufgestellt. Selbst kleinere Firmen geben in der Studie zu 68 Prozent an, Active Sourcing zu nutzen. Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.

Übrigens: Nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Personaler nutzt ein Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm (56 Prozent). 68 Prozent setzen Headhunter ein – doch nur rund die Hälfte achtet dabei auf eine Zertifizierung.
Bei der Personalentwicklung gibt es vor allem hinsichtlich der Feedbackkultur Schulungsbedarf: 70 Prozent wünschen sich eine Orientierung dazu, wie Feedback zwischen digitalen Tools und agilen Formaten professionalisiert werden kann. Besonderen Bedarf hat die Forschung (40 Prozent). Zum Vergleich: In der Consulting-Branche sind es nur 17 Prozent. Bisher werden zum Beispiel Instant-Feed­back-Tools wenig verwendet: Nur knapp 22 Prozent der Personaler gaben an, diese zu nutzen. Auf Platz zwei folgt die Führungskräfteentwicklung (61 Prozent). Auch hier scheint die Beraterbranche wenig, die Forschung dagegen viel Bedarf zu haben (19 versus 27 Prozent). Auf Platz drei sehen die HR-Experten die klassische Personalentwicklung.

Es gibt also einiges zu tun im Bereich der Personalentwicklung. Wie Caesar sie gehandhabt hat, ist leider nicht überliefert. Fest steht aber: Drei Jahre nach der Erfindung seines Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programms stand seine Legion – und er zog mit ihr nach Gallien und begann seine Eroberungszüge.