Daumen hoch, Daumen runter

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Sind Personaler die Türsteher der Arbeitswelt? Der Vergleich hinkt, schließlich geht es nicht nur ums Absagenschreiben, sondern auch um die Suche nach den richtigen Kandidaten. Eine Mischung von Türsteher und Koberer – das trifft es eher. Eine Glosse

Die männliche Jugend ist nicht selten eine Phase voller Qualen und Demütigungen. Da ist zum Beispiel das Mädchen, das man anhimmelt, die aber nicht weiß, dass man existiert; der coole und beliebte Klassenkamerad, der einem jeden Tag das Leben schwermacht („Was ist das denn für ein peinlicher Pullover“); oder auch der Mathelehrer, der einen mit zweifelhaften Methoden versucht zu motivieren („Du bist die größte Mathe-Niete, die jemals diese Schule besucht hat“). Und nicht zu vergessen: Immer und immer wieder wird man von diesen verdammten Disko-Türstehern abgewiesen, die einem – nach Stunden des Wartens – aufgrund einer menschenverachtenden Selektion einfach den Zugang verweigern und damit klarmachen, dass man nicht dazugehört, ein Verlierer ist. Eine unglaubliche Ungerechtigkeit ist das.

Gott sei Dank hatte ich eine Jugend, in der mir das alles erspart geblieben ist.

Es gibt im Übrigen ja nicht nur Türsteher vor Diskotheken, sondern auch „Türsteher der Arbeitswelt“. Diesen Begriff habe ich zumindest neulich in einem Artikel gelesen, der sich um Dienstleister drehte, die Bewerbungen für Kandidaten schreiben, um so deren Jobchancen zu verbessern. „Wer einen guten Job haben möchte, der muss häufig erst an den Personalern vorbei, mit einem guten Bewerbungsschreiben. Sie sind die Türsteher der Arbeitswelt“, hieß es in dem Artikel.

Wenn ich Türsteher höre, muss ich immer an Sven Marquardt denken, den bekanntesten Türsteher Berlins, der am Eingang des noch bekannteren Technoclubs Berghain steht. Über ihn stand mal in der FAZ: „Respekt, heißt es, muss man sich verdienen. Sven Marquardt muss das nicht. Er muss einfach nur zur Tür hereinkommen – oder vor der Tür stehen. Schweres Eisen in Nase, Lippen und Ohren, Tätowierungen bis ins Gesicht, langer Mantel, schulterlanges Haar: der Hüne muss vor dem Club Berghain selten jemanden zurechtweisen.“ Aha. Von den Personalmanagern, die ich bislang kennen gelernt habe, sahen die wenigsten wie Türsteher aus. Vielleicht hilft ein Blick in Wikipedia, um herauszufinden, ob sich in den Beschäftigungen von Türstehern und Personalern einige Ähnlichkeiten finden lassen. Dort kann man über Türsteher lesen: „Zu den Aufgaben eines Türstehers gehört das Abweisen von Personen, die aus der Sicht des Veranstalters nicht in die Zielgruppe der Veranstaltung passen. Türsteher üben in ihrem Auftrag das Hausrecht aus. Hierbei gibt es einige übliche Kriterien, nach denen Türsteher auswählen: Aussehen, Alter, Kleidung, Geschlecht, Alkoholpegel.“ Okay, auch manche Personaler bewerten diese Kriterien ziemlich hoch. Vor allem das mit dem Alkoholpegel. Der Vergleich hinkt aber trotzdem.

Sicherlich gehören Bewerbungsabsagen zum Joballtag eines Personalers, aber der Kern der Tätigkeit dürfte das nicht sein. Im Gegenteil. Es geht darum, die richtigen Kandidaten zu finden. Und um die zu bekommen, hilft es nicht, sich einfach nur breitbeinig vor die Tür zu stellen und ein grimmiges Gesicht zu machen. Der Personaler muss heutzutage selber aktiv werden und für sein Etablissement, also ich meine Unternehmen, werben. Der HRler sollte also mehr St.Pauli-Koberer als Berghain-Türsteher sein. Den Begriff „Koberer“ kennen Sie nicht? Auch da hilft Wikipedia: „Ein Koberer ist ein Türsteher oder Portier, der Kunden von der Straße zum Besuch eines Amüsierlokals (Nachtclub, Sex-Club, Strip-Lokal) auffordert. Die dabei gewählte Form der Kundenansprache ist oft deftig bis obszön und häufig aggressiv. So stellen sich Koberer auch Passanten in den Weg.“

Na ja, also vielleicht hilft Wikipedia nicht immer weiter. Koberer und Personaler – das sind doch zwei eher unterschiedliche Berufe. Der Personaler scheint mehr so eine Mischung zu sein aus Berghain-Türsteher und Kiez-Koberer: Aktiv um die passenden Kandidaten buhlen und denen, die einem überhaupt nicht weiterhelfen, freundlich absagen beziehungsweise nach draußen begleiten, wenn sie stören. Eventuell könnte man Personaler mit Fußball-Managern vergleichen: Die sind auch immer auf der Suche nach den Spielern, die die Mannschaft nach vorne bringen. Gleichzeitig kriegen sie von dubiosen Spielervermittlern Fußballer wie saures Bier angeboten.

Mir ist leider die große Fußballkarriere versagt geblieben. Mein Trainer hat mich in der A-Jugend irgendwann ausgebootet. Dann dachte ich mir, gehe ich halt in Diskotheken.