Der große Treppenwitz

Auf dem Plan von Arbeitsministerin Andrea Nahles steht auch der Mindestlohn für Praktikanten. Eine Gesetzesinitiative, die niemand braucht, und mitunter fatal für die Praktikanten selbst, meint Christoph Jost. Ein Meinungsbeitrag.

Selten war ein Begriff für eine Arbeitsmarkt-Generation so prägend wie der der „Generation Praktikum“ – seit dem Jahr 2005 und einem entsprechenden Leitartikel in der ZEIT werden mit diesem vor allem negative Assoziationen verbunden. Denkt man an die „Generation Praktikum“, sieht man junge, ambitionierte Akademiker vom Kopierer zur Kaffeemaschine laufen – immer in der Hoffnung irgendwann doch einmal für ihre Tätigkeit bezahlt zu werden und vielleicht sogar eine inhaltliche Bewährungschance zu erhalten. Wir reden hier also nicht gerade über ein schönes Bild und zum Glück gehört es der Vergangenheit an.

Fachkräftemangel verändert den Umgang mit Praktikanten

In einer der größten Studien zum Thema – dem Praktikantenspiegel vom Januar diesen Jahres – hat Absolventa gemeinsam mit der Clevis Gruppe herausgefunden, dass die „Generation Praktikum“ längst nicht mehr existiert. Hintergrund: Durch den viel beschriebenen und kontrovers diskutierten Mangel an Fach- und Führungskräften in Deutschland und Europa haben sich die HR-Strategien in den Unternehmen fundamental verändert – eben auch in Richtung der jüngsten Akademiker-Generation auf dem Arbeitsmarkt, den Praktikanten. Viele Arbeitgeber – und vor allem jene, die besonders vom „War for Talents“ betroffen sind – bemühen sich zunehmend um ihre Praktikanten.

Der Hintergedanke liegt auf der Hand: Junge Akademiker sollen schon früh für die eigene Employer Brand begeistert und als die Führungskräfte von morgen an das Unternehmen gebunden werden. Die umsichtige Strategie scheint aufzugehen – denn: 82 Prozent der im Praktikantenspiegel befragten Teilnehmer sind mit ihrem Arbeitsverhältnis durchaus zufrieden und vergeben auf einer Skala von 1 (nicht zufrieden) bis 5 (sehr zufrieden) die Durchschnittsnote 4,35 – selbst die viel gescholtenen Medien- und Marketing-Unternehmen erhalten immerhin noch eine 3,76, wenngleich sie auch auf dem letzten Platz liegen. Interessant: Vor allem die Unternehmen, die besonders stark vom Fachkräftemangel gebeutelt sind (IT, Ingenieurswesen, und so weiter) erhalten besonders hohe Zustimmungswerte, was den Schluss nahelegt, dass sie sich besonders bemühen.

Die Next Generation Praktikum

Die „Generation Praktikum“ wie wir sie kennen, existiert also nicht mehr und wird – wenn man es mit Captain Picard und seiner Crew sagen wollte – von einer „Next Generation Praktikum“ abgelöst. Und das Beindruckende an dieser Veränderung auf diesem speziellen Arbeitsmarkt ist, dass sie Folge einer Selbstregulierung des Marktes ist. Das wirtschaftliche Phänomen des Fachkräftemangels sorgt an dieser Stelle für eine Veränderung, da Arbeitgeber einfach zu einem veränderten Verhalten gezwungen werden, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.

Mindestlohn-Initiative für Praktika – Treppenwitz der Politik

Just, als dies passiert, tritt allerdings die Politik auf den Plan und schreibt sich auf die Fahne, einen Zustand zu ändern, der längst verändert ist. Es klingt wie ein Treppenwitz, ist aber trotzdem bittere Realität: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles möchte der „Generation Praktikum“ ein für allemal ans Leder. Ein Mindestlohn für Praktikanten soll her, die Ausbeutung von Praktikanten ein Ende haben und faire Bezahlung die Regel sein. Die Idee: Alle, die ihr Praktikum länger als sechs Wochen absolvieren, sollen mit mindestens 8,50 Euro pro Stunde vergütet werden.

Ein nur auf den ersten Blick großmütiger Gedanke, denn würde diese Regelung bei den gegenwärtigen Praktikantenzahlen hart umgesetzt, bedeutete sie für die deutschen Arbeitgeber eine Mehrfachbelastung von weit mehr als acht Milliarden Euro – jedes Jahr! Klar, dass das viele Unternehmen in dieser Form nicht mitmachen würden. Die Folge: Weniger Praktika und damit weniger Möglichkeiten für junge Akademiker das Berufsleben kennenzulernen und ihre Ausbildung zu optimieren. Das wäre allerdings wiederum für viele Studenten eine fatale Situation. Das Gehalt ist für viele Praktikanten ohnehin nur ein Hygienefaktor, der fast vernachlässigbar ist. Eine Absolventa-Umfrage Ende letzten Jahres unter 800 Praktikanten bestätigte das. Denn 44 Prozent von ihnen fürchten, dass weniger Praktika angeboten, werden, sollte es tatsächlich zu einem gesetzlichen Mindestlohn für Praktikanten kommen. 72 Prozent der befragten Praktikanten wären bereits mit einem monatlichen Betrag zufrieden, der zwischen 400 und 800 Euro liegt. Das trifft übrigens bereits zu, was wiederum der aktuelle Praktikantenspiegel belegt: Das Durchschnittsgehalt für Praktikanten in Deutschland liegt derzeit bei 736 Euro – aus Sicht der meisten Praktikanten genau das, was sie erwarten.

Schaut man sich die Gesetzesinitiative also einmal vor dem Hintergrund der genannten Fakten an, kommt man zu einer klaren Erkenntnis: Sie geht komplett an den Bedürfnissen aller Beteiligten vorbei und ist weder im Sinne der Praktikanten noch im Sinne der Arbeitgeber. Hier sollen Rahmenbedingungen für einen Bereich geschaffen werden, der sich bereits nachhaltig selbst reguliert. Manchmal ist es vielleicht wirklich besser, sich erst einmal einen Kaffee zu kochen, bevor man unüberlegt handelt.