„Größe ist nicht alles“

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Alireza Assadi in seinem Büro bei den Stadtwerken Oranienburg. / Foto: Anja Sokolow

Seine Ehrlichkeit wurde dem einstigen Teldafax-Finanzvorstand Alireza Assadi zunächst zum Verhängnis. Ex-Kollegen versuchten, ihn öffentlich als Verräter dastehen zu lassen. Doch die Aufrichtigkeit hat sich gelohnt. Während andere im Visier der Ermittler stehen, gelang Assadi ein Neuanfang bei einem deutlich kleineren Unternehmen.

Die Büromöbel in Buchen-Dekor und die Wände in Altrosa versprühen den Charme der frühen 90er Jahre. Pokale und Souvenirs in der Vitrine sind ebenfalls Relikte aus vergangenen Zeiten. Und das abstrakte, düstere Gemälde wirkt eher angsteinflößend als anregend. Luxuriös ist der Arbeitsplatz von Alireza Assadi nicht. Der 41-Jährige ist Geschäftsführer der Stadtwerke Oranienburg (Brandenburg) und hat schon ganz andere Büros gesehen. Zuletzt war er Finanzvorstand von Teldafax – mit Hunderttausenden Kunden einst einer der größten Strom- und Gasanbieter Deutschlands. Die Stadtwerke Oranienburg haben etwa 20.000 Abnehmer. „Aber Größe ist nicht alles“, sagt Assadi.

Die Pleite des Billigstromanbieters Teldafax gilt als eine der größten Firmeninsolvenzen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Assadi war lange der einzige Vorstand, der den Insolvenzantrag stellen wollte. „Doch im Oktober 2009 hat mich der Aufsichtsrat abserviert“, erinnert er sich. Erst zwei Jahre später ging der Antrag beim zuständigen Amtsgericht ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen zwei andere Ex-Vorstandsmitglieder und den Gründer Michael Josten wegen Insolvenzverschleppung, Bankrotthandlungen und gewerbsmäßigen Betrugs. Mitte Februar beginnt nun der Prozess vor dem Bonner Landgericht. Aus Sicht der Ermittler ging es der Teldafax Holding nur darum, mit möglichst vielen Kunden der Tochterunternehmen interessant für Anleger zu sein. Dass die Firma insolvent war und Verträge nicht mehr eingehalten werden konnten, habe die Führung bewusst in Kauf genommen.

„Heute nennen mich Menschen, die mich erkennen, manchmal ‚den einzig Ehrlichen von Teldafax‘ ‘‘, erzählt Assadi. Für diesen Ruf musste er kämpfen, denn die Firma wollte ihn als Verräter dastehen lassen. „Die wollten mich mundtot machen und vernichten und haben Anzeige wegen Geheimnisverrats erstattet“, erinnert er sich. Entsprechende Medienberichte folgten. Doch die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos und die Ermittlungen wurden eingestellt.

Eine Mischung aus Dreistigkeit und Naivität

„Die Zeit war hart, aber auch lehrreich. Heute bin ich wissender und weiser“, sagt der gebürtige Iraner, dem harte Zeiten nicht fremd sind. Mit 13 kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Mitten in der Pubertät und ohne Sprachkenntnisse. „Härter kann es einen nicht treffen“, meint Assadi, der von einer großen inneren Ruhe redet, die er auch ausstrahlt.

Dabei begann sein Start bei Teldafax im Herbst 2008 zunächst problemlos. Erste Verdachtsmomente, dass etwas nicht hundertprozentig in Ordnung sein könnte, seien im darauffolgenden Frühjahr aufgekommen, als eine Due Diligence für einen potenziellen Investor und der Jahresabschluss anstanden. „Als dann auch noch der Stromsteuerbescheid über einen zweistelligen Millionenbetrag ins Haus flatterte, haben wir gemerkt, dass es mit der Illiquidität und Überschuldung akut wird“, erinnert sich Assadi, der damals mit Wirtschaftsprüfern zusammenarbeitete.

Er habe immer wieder versucht, seine Kollegen zu überzeugen, endlich die Karten auf den Tisch zu legen, doch damit sei er auf taube Ohren gestoßen. „Es war eine Mischung aus Dreistigkeit und Naivität“, beschreibt der Ex-Vorstand das Verhalten der anderen. So lange es noch ging, hätten sie versucht, sich die Taschen zu füllen und gleichzeitig daran geglaubt, dass Josten die Firma retten werde. „Nach und nach hat sich deutlich abgezeichnet, dass ich allein auf weiter Flur bin“, erinnert sich Assadi. Er habe versucht, Kosten zu sparen und die Preise profitabler zu gestalten. Doch stattdessen wurden millionenschwere Sponsoring-Verträge abgeschlossen und Kunden mit noch niedrigeren Preisen gelockt.

Die Kündigung sei daher nicht überraschend gekommen: „Ich habe damit gerechnet, dass man mir irgendwann ans Leder geht.“ Großen Rückhalt habe er bei seiner Familie und privaten Beratern, darunter Juristen und Wirtschaftsexperten, gehabt. „Die haben mir schon früh nahe gelegt, rational zu bleiben, den Überblick zu behalten und alles zu dokumentieren“, sagt er. „Natürlich zweifelt man zwischendurch auch an sich und fragt sich, ob man nicht doch falsch gepolt ist und Wichtiges außer Acht lässt“, sagt Assadi. Doch die „Sparringspartner“ hätten ihm geholfen, dem Druck standzuhalten.

Die amerikanische Mentalität hat ihn geprägt

Finanziell sei die Kündigung kein Problem gewesen: „Unsere Dreizimmerwohnung war längst abbezahlt.“ Sicherheiten zu schaffen gehöre zu seinen Grundsätzen, betont Assadi: „Ich habe schon viele Highflyer gesehen, die nach der ersten Krise auf der Nase lagen.“ Das sei ihm noch nie passiert. Nach seinem Rauswurf fiel er nicht auf die Nase, sondern machte sich als Unternehmensberater selbstständig.

Ein Auftrag führte ihn auch nach Oranienburg. Damals wollte die Kommune die Stadtwerke zurückkaufen. „Irgendwann brauchten die einen neuen Geschäftsführer und haben mich gefragt“, erinnert sich Assadi. Dass sein Arbeitsplatz wenig glamourös ist, stört ihn überhaupt nicht: „Ich will mir hier alles selbst erarbeiten.“ Seine Mitarbeiter schätzen seine Art, vor allem seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.

Die Teldafax-Geschichte habe er heute längst abgehakt. „Ich bin extrem nach vorn orientiert“, sagt der Betriebswirt, der bereits zehn Jahre in US-amerikanischen Unternehmen gearbeitet hat. Die Mentalität, vor allem die Standhaftigkeit und der Optimismus, hätten ihn geprägt. „Wenn ein Amerikaner nach zehn Pleiten beim elften Mal erfolgreich ist, klopft man ihm auf die Schulter. Bei uns ist man schon nach einer Pleite gesellschaftlich gescheitert. Da ist es schwerer, wieder aufzustehen.“