„Jeder ist ein Versager vor seinen Möglichkeiten“

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Der Philosoph und Schriftsteller Sven Hillenkamp schreibt vom Ende der Liebe und den Zwängen der Freiheit. Schuld an diesem Unglück sind unsere unendlichen Möglichkeiten. Was das bedeutet und warum das auch mit Arbeit zu tun hat, erklärt er im Interview.

Herr Hillenkamp, Sie sagen in Ihrem Buch, die Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten heutzutage sorgt dafür, dass wir Liebe oder auch den Erfolg, den wir haben, als unbefriedigend wahrnehmen. Wie genau ist das zu verstehen?
Wenn Sie eine Möglichkeit wahrnehmen, dann bedeutet das automatisch, dass Sie etwas wahrnehmen, das nicht wirklich ist. Wenn Sie beispielsweise die Möglichkeit sehen, in den Süden zu fahren, dann nehmen Sie wahr, dass Sie im Augenblick eben nicht im Süden, sondern im grauen, kalten Norden sind. Oder wenn Sie Erfolgsmöglichkeiten sehen, dann nehmen Sie wahr, dass Sie diesen möglichen Erfolg nicht haben, also in diesem Sinne erfolglos sind. Genauso ist es bei allen Liebes- und Sexualmöglichkeiten. Die sind ebenfalls etwas, das im Augenblick nicht wirklich ist. Immer, wenn ein Mensch einer Möglichkeit begegnet, reißt sozusagen in seiner Wirklichkeit ein Loch auf. Ein Erfolgs- oder Liebesloch, wie auch immer. Das erzeugt eine Sehnsucht aber auch Beschämung, weil man denkt, man müsste diesen Erfolg eigentlich haben.

Der Unterschied ist dann also nicht, dass wir nach Möglichkeiten suchen – das tut der Mensch ja seit jeher –, sondern dass wir ein unglaublich weites Feld an Möglichkeiten sehen, und uns deswegen unbefriedigt fühlen?
Ja, aber was den Unterschied ausmacht, ist, dass diese Möglichkeiten in dieser Freiheitsstruktur schon immer als äußere existieren. Es wäre etwas ganz anderes, wenn man einfach nur sagen würde, der Mensch ist nicht festgelegt wie das Tier, sondern kann sich hierhin und dorthin entwickeln. Was hier aber passiert, ist, dass die Möglichkeiten ihm von außen schon vorgehalten werden. Liebesmöglichkeiten, sexuelle Möglichkeiten, Erfolgsmöglichkeiten, werden ihm ja vom Unternehmen, in dem er arbeitet, vom Nachtleben, von allen möglichen Strukturen präsentiert. Und man sieht sie ja auch an den Mitmenschen um sich herum, die sie ja zum Teil verwirklichen. Das ist ein Riesenunterschied. Man ist tatsächlich mit etwas konfrontiert, mit dem man sich vergleichen kann. Ein Urzeitmensch beispielsweise, bei dem diese Möglichkeiten noch nicht in der äußeren Wirklichkeit, in einer Gesellschaft Gestalt angenommen haben, kann nicht angesichts des Möglichen unglücklich werden, weil er sich nicht vergleichen kann. Es ist etwas ganz anderes, wenn man diese Möglichkeiten sehen kann. Dann entstehen Begehren und gleichzeitig der Schmerz, die Frustration, weil diese Dinge dann nicht stattfinden.

Woran kann man diesen Umbruch festmachen, dass wir diese Dinge auf einmal sehen?
Daran, dass so etwas wie Freiheitsstrukturen entstehen. Das sind Strukturen, die man überall beobachten kann, im Nachtleben, an der Universität, in Unternehmen, die ganz offiziell Spielräume geben. Die ganz klar sagen: Du sollst kreativ sein, Du sollst dich persönlich entwickeln, Du kannst eine ganz tolle Karriere machen, Du kannst in einen Club gehen und Kontakt zu Menschen aufnehmen. Wenn man in einer traditionellen Gesellschaft lebt, vor der Moderne oder zu ihrem Beginn, dann gilt noch: wie der Vater so der Sohn. Wenn man Arbeiterkind ist, wird man selbst Arbeiter und so weiter. Da konfrontieren einen die gesellschaftlichen Strukturen überhaupt nicht mit Möglichkeiten.

Und heute ist das anders?
Ja, und zwar in der Weise, dass überall ein Unendliches möglich scheint. Das ist so erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert entstanden, zum Teil auch erst in den 70er, 80er Jahren. Wenn man schaut, wann sich Dinge wie die Frauenbefreiung wirklich massenhaft durchgesetzt haben, oder man die Haltung zur Homosexualität nimmt und das Versprechen aus den ganzen Talentshows, dass alle eben Künstler werden können. Das sind wirklich neue Dinge, die zu einer Massenerfahrung werden.

Sie haben den beruflichen Kontext angesprochen. Kann das Gefühl, alles erreichen zu können, nicht auch Ansporn sein? Unternehmen spielen ja ganz bewusst damit.
Genau. Wenn man nicht angespornt werden würde, wäre man ja auch nicht frustriert, dass man hinter diesem Möglichen zurückbleibt. Das ja die Voraussetzung. Aber das ist erst einmal wie in allen diesen Bereichen etwas Positives. Erst einmal ist es toll, dass ein Unternehmen Spielräume gibt für die Entwicklung und die Karriere, dass einem nicht vorgeschrieben wird, wenn man zu heiraten hat und wann. In ihrem Ursprung sind das die wertvollsten Elemente der Moderne. Es schlägt dann nur für viele in Einsamkeit um, in permanente Sehnsucht und in das Gefühl, zurückzubleiben hinter dem, was man eigentlich erreichen sollte. Das sind dann die Schattenseiten dieser Freiheiten, aber der Anfang ist immer etwas Positives.

Mit Prognosen ist es ja immer schwer, aber wie wird das weitergehen? Werden wir ein gesellschaftliches Problem bekommen?
Ein gesellschaftliches Problem, würde ich sagen, ist es massiv schon. Heutzutage vergleicht ja jemand, der auf der Suche nach einer Liebesbeziehung ist, vieles mit realen Erfahrungen, mit all den Begegnungen, die er schon einmal gehabt hat. Für die Arbeitswelt gilt das auch. Jeder in dieser Ordnung, in allen Berufen, die sich verunendlicht haben, ist a priori ein Versager. Jeder Spitzenmanager weiß, was immer er auch geleistet hat, die Gewinne könnten höher sein, der Aktienkurs hätte weiter steigen können, die Umstrukturierungen hätten weiter vorangeschritten sein können. Jeder ist a priori ein Versager vor seinen Möglichkeiten. Das produziert einen Wahnsinnsdruck, Beschämung und Wertlosigkeitsgefühle – schon jetzt.

Sehen Sie Lösungsansätze?
Nein, die sehe ich nicht. Ich wüsste nicht, wie man diese Unendlichkeit der Möglichkeiten ausschalten können sollte, ohne zugleich die Freiheit zu beschneiden, die wir ja haben wollen. Das wäre letztlich die Rückkehr in eine vormoderne Gesellschaftsordnung, die wir auch gar nicht zu Wahl haben. Es gibt ja keine Partei, die die Rückkehr ins Mittelalter anbietet. Das wäre auch reichlich schwer hinzubekommen. Und es würde uns vor allem auch nicht wünschenswert erscheinen.

Dann bleibt ja eigentlich nur, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass all diese Möglichkeiten relativ sind und daran nicht die Welt scheitert.
Selbst das würde ich nicht sagen. Die persönliche Welt kann sehr wohl daran zerbrechen, wenn die Konsequenz ist, dass man über viele Jahre allein bleibt und Beziehungsversuch nach Beziehungsversuch scheitert. Oder man nie wirklich das im Beruf machen kann, was man sich erträumt und sich deswegen permanent als Versager fühlt. Das geht in psychologischen Begriffen gesprochen bis hin zur Depression, zu wirklichen Leidenszuständen. Insofern zerbricht daran die persönliche Welt des Einzelnen sehr wohl. Das einzige, was man wissen kann ist, dass diese Erfahrung nicht den persönlichen Neurosen entspringt, sondern eine objektive gesellschaftliche Grundlage hat. Aber das ist bestenfalls nur ein sehr schwacher Trost. Man ist immer noch allein und fühlt sich gescheitert. Man kann das mit einer Romanlektüre vergleichen. Für den Augenblick des Lesens gibt es ein Gefühl des Aufgefangenwerdens. Aber dann macht man das Buch zu und geht gewissermaßen zurück in sein Leben.

… und muss damit zurechtkommen.
Ja, man ist nicht dauerhaft gerettet durch so eine Lektüre. Deswegen würde ich diesen Reflexionen auch nicht zu viel zutrauen. Sie sind schon nötig. Aber wir reden hier von intellektuellen Prozessen, und intellektuelle Prozesse werden einem niemals die Liebe und einen Lebensgefährten ersetzen. Wenn man denkt, die Arbeit sei fruchtbar und eigentlich will man etwas anderes, wie viel ist dann diese Erkenntnis wert, wenn das der Alltag ist? Eine intellektuelle Erkenntnis ist eine intellektuelle Erkenntnis, Liebe ist Liebe und Arbeit ist Arbeit. Das sind verschiedene Dinge und das eine gleicht nicht das andere aus.