Lernagile Top-Manager sind die Zukunft

Komplexität, permanente Veränderung und globaler, erbitterter Wettbewerb. Das sind die einzigen Gewissheiten, die es in der heutigen Wirtschaftswelt der Ungewissheiten noch gibt. Unternehmen müssen darum ihren Kurs bei der Führungskräfte- und Mitarbeiterauswahl radikal ändern: Von der Bewertung bisher gemachter Erfahrungen hin zur realistischen Einschätzung der Lernagilität – dem neuen zentralen Bewertungskriterium in der Personalentwicklung.

Eine der größten Sorgen von Konzernlenkern wie Familienunternehmern zugleich ist die Herausforderung, den Megatrends der heutigen Welt zu begegnen. Digitalisierung, Globalisierung, politische Unsicherheit und Ressourcenknappheit sind nur einige der Themen, die heute die Geschäftswelt nachhaltig verändern. Und das in einer nie gekannten Geschwindigkeit: Was heute funktioniert, muss morgen schon lange nicht mehr erfolgreich sein.

Ständig vor Augen geführt wird einem dies vor allem aufgrund der unaufhaltsam voranschreitenden Digitalisierung: Twitter, einer der heute wichtigsten digitalen Kommunikationskanäle, ist noch nicht einmal zehn Jahre alt. Das heute überall gegenwärtige iPhone von Apple ist sogar noch jünger, erst seit 2007 in Deutschland verfügbar. Trotzdem wird, auch jüngst nach der Veröffentlichung der sechsten Baureihe, bereits ausführlich über den mittelfristigen Tod nicht nur des iPhones, sondern gleich der ganzen Firma Apple diskutiert – weil angeblich die Innovationsfähigkeit abhanden gekommen sei.

Was einem der größten Innovationsmotoren der Welt der letzten Dekade hier zur Last gelegt wird, bedroht längst auch die klassisch produzierende Industrie genau wie das Dienstleistungsgewerbe. Plötzlich bauen High-Tech-Firmen wie Google Autos, Brillen, Roboter, Flugkörper oder bieten Finanzdienstleistungen an. Die „alte“ Wirtschaft erscheint heute in vielen Fällen überfordert mit der neuen Situation und rettet sich in Effizienzprogramme, um zumindest die Zahlen kurzfristig stabil zu halten – anstatt adäquate Antworten auf die drängenden strategischen Zukunftsfragen zu finden.

„Track record“ reicht nicht aus

Ein entscheidender Punkt für diese Überforderung ist das Modell der Rekrutierung und Mitarbeiterentwicklung der vergangenen Jahre. Unternehmen haben ihre Einstellungs- und Beförderungsentscheidungen vor allem darauf basiert, dass Manager und Mitarbeiter bereits in der Vergangenheit erfolgreich waren. Der Schluss, dass jemand, der bereits Erfolg hatte, auch erneut erfolgreich sein wird, liegt nahe und ist auch bis heute nicht grundsätzlich von der Hand zu weisen. Dennoch ist diese oberflächliche Betrachtung nicht ausreichend, um diejenigen zu entdecken, die Unternehmen auch in der Zukunft erfolgreich führen können. Inhaber, Chefs und Personaler müssen nicht mehr nur nach denjenigen Ausschau halten, die einen lückenlosen „track record“ liefern können – sondern vor allem nach denen, die das größte Potenzial mitbringen.

Das Wort „Potenzial“ ist bereits in vielfacher Weise bemüht worden. Schon lange suchen Rekrutierer und Personalentwickler „High Potentials“ und versuchen diese, in speziellen Programmen weiterzubilden und an das Unternehmen zu binden. Die entscheidende Frage ist: Woran messe ich Potenzial? Aufgrund der oben aufgezeigten Entwicklungen ist Potenzial nicht mehr nur anhand einer formalen Vita und damit Erfahrung ablesbar. Denn es gilt Zukunft zu gestalten und nicht die Aufgaben der Vergangenheit erneut zu bewältigen. Dementsprechend ist es vor allem die Lernagilität, die künftig über die Einschätzung von Potenzial und Eignung von Kandidaten entscheiden wird.

Von Erfahrung zu Lernagilität

Als lernagil sind Führungskräfte und Mitarbeiter zu bezeichnen, die sich beständig weiterentwickeln und neue Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben wollen. Es sind diejenigen, die nach Veränderung und Neuem dürsten und dies nicht als Bedrohung sehen. Und es sind diejenigen, denen es aufgrund ihrer sehr schnellen Lernfähigkeit gelingt, auch in schwierigen neuen Situationen, mit denen sie bisher noch nie konfrontiert waren, Erfolg zu erzielen.

Eine Korn Ferry Studie aus dem Jahr 2013 hat Unternehmen auf ihre Performance und die Lernagilität der Führungskräfte untersucht. Das Ergebnis: Die Firmen mit den lernagilsten Managern waren um mehr als 25 Prozent profitabler als die anderen. Gleichzeitig wissen wir: Nur 15 Prozent aller Menschen sind wirklich starke, agile Lerner.

Die Herausforderung ist es, genau diese agilen Lerner zu finden. Sie lassen sich anhand von fünf Faktoren messen:

  • Mentale Agilität – Welchen Grad an Komplexität versteht jemand? Wie schnell erkennt er die maßgeblichen Zusammenhänge und in diesen Zusammenhängen Dinge, die andere nicht sehen würden?
  • Menschliche Agilität – Wie schnell erkennt jemand, auf was sein Umfeld reagiert, wie es „tickt“? Findet er den jeweils richtigen Stil, um mit unterschiedlichen Persönlichkeiten unterschiedlicher Ebenen erfolgreich zu kommunizieren? Wie schnell kann er sich auf andere einstellen?
  • Veränderungsagilität: Freut sich jemand auf Neues, oder hat er eher Angst davor? Experimentiert er gern, oder muss er sich stets zu mindestens 100 Prozent sicher sein, bevor er handelt? Macht es jemandem Freude, Veränderung nicht nur mitzutragen, sondern an vorderster Front selbst zu gestalten?
  • Ergebnisagilität: Kann jemand auch in einer vollkommen neuen, erstmaligen Situation die Nerven behalten und exzellente Ergebnisse abliefern? Oder benötigt jemand stets Routine, um erfolgreich zu sein?
  • Selbstreflexion: Weiß jemand um seine Stärken und Schwächen und reflektiert diese in regelmäßigen Abständen? Sucht jemand Feedback, gibt Fehler zu und ordnet sich selbst und seine Rolle realistisch in Situationen ein?

Führungskräfte mit hoher Lernagilität sind die Antithese zu Status-quo-Chefs. Nur mit dieser Antithese wird es Unternehmen, vor allem auch den klassischen Industrien, gelingen, die notwendigen umfassenden Transformationen der nächsten Jahre erfolgreich zu meistern und auch weiterhin eine Rolle in einer Welt zu spielen, die heute und in Zukunft von disruptiven Technologien und Entwicklungen auf den Kopf gestellt wird.