Virtuelle Welten auf dem Vormarsch

Michael Schulte, Chef von Capgemini Consulting, über IT-Trends in der Wirtschaftswelt, digitale Transformation und wie das Internet eine Kulturveränderung in den Unternehmen vorantreibt.

Herr Schulte, es gibt einige digitale Trends: Mobilität zum Beispiel, Social Media oder Big Data. Was wird Ihrer Meinung nach die Unternehmenswelt am stärksten verändern?

Sie nennen die wichtigsten Trends. Wobei wir Mobilität unter einen größeren Trend einordnen: „Connected Devices“. Mobilität meint, dass Sie sich von einem beliebigen Ort Zugang zum Internet schaffen. „Connected Devices“ ist mehr. Sie nutzen Ihr Auto und dieses „Device“ sendet konstant Informationen über den Fahrzeugzustand und Ihr Fahrverhalten. Fehlerferndiagnose und passend dazu Wartungsvorschläge, oder aber der Austausch von Unfallinformationen – all das wird schnell Realität werden. Auch Versicherungen könnten dann in Zukunft passgenaue Versicherungen für Ihr Fahrverhalten anbieten. All das verändert grundlegend die Interaktion zwischen dem Automobilhersteller, dem Händler, der Fahrzeugversicherung und Ihnen als Fahrer. Die ganzen Kundenbindungsstrategien der Unternehmen sind tiefgreifend zu überarbeiten.

Können Sie den wichtigsten Trend nennen?

Big Data. Wir verzeichnen durch die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft eine Explosion an Informationen. Und mit diesen Informationen etwas Intelligentes anzufangen, also Business Analytics, ist für mich die wesentliche Herausforderung. Unternehmen, die aus ihrem eigenen Datenbestand sowie externen Informationen intelligent und zeitnah Impulse – beispielsweise für die Kundeninteraktion – ableiten können, verfügen über einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Wie steht es mit dem Thema Cloud Computing? Nur ein Hype oder alternativlos?

In nahezu allen Unternehmen gibt es schon Software-as-a-Service-Lösungen oder Infrastruktur-Dienstleistungen, die aus der Public Cloud bezogen werden. Auch wenn viele Fragen – insbesondere zur Datensicherheit – nicht abschließend beantwortet sind: Cloud Computing ist längst Realität. Mit Hilfe von Cloud-Lösungen lassen sich neue Geschäftsmodelle schnell realisieren und gut skalieren. Die Leistungsfähigkeit der unternehmensinternen IT wird so weniger zum Nadelöhr als dies so oft heute der Fall ist.

Wird die interne IT geschwächt, wenn Cloud Computing in einem Unternehmen Einzug hält?

Die Nutzung einer cloud-basierten Software für den Personalbereich kann ein HR Director natürlich selber extern einkaufen, soweit das die Governance seines Unternehmens zulässt. Er braucht zunächst nichts anderes als einen Zugriff zu einer Applikation, den ihm der Dienstleister einrichtet. Die Rolle der internen IT ändert sich hierdurch zwangsläufig. Die Software-Implementierungsleistung wird geringer. Dafür wird die Beratungsleistung wichtiger, beispielsweise die passende Cloud-Lösung zu finden. Herausforderungen bei Datenintegrität und Datensicherheit sind zu bewältigen, IT-Integrationsleistungen sind zu erbringen. Viele sehen im CIO von morgen den Innovationsmanager, der Digital Tools für ein Unternehmen erschließt und damit Geschäftstransformationen initiiert.

Sind die genannten IT-Trends eigentlich ein Teil der viel zitierten digitalen Transformation vor der viele Firmen stehen?

Das ist so. Digitale Transformation bedeutet das Nutzen von Innovation im Bereich der Digitalisierung, um etwas auf der Geschäftsseite signifikant anders zu machen und damit einen betriebswirtschaftlichen Nutzen zu erzielen. Wir alle kennen Beispiele für Unternehmen, die den Zug in Richtung digitales Zeitalter verpasst haben – nehmen Sie die aktuelle Entwicklung von Neckermann. Unternehmen sind erfolgreich, wenn sie klassisches Geschäft mit der Welt des digitalen Zeitalters verbinden können – schauen Sie sich den Erfolg von Amazon an, um bei den Versandhändlern zu bleiben.

Stehen das Internet und andere Vertriebskanäle nicht häufig in Konkurrenz zueinander?

Dies muss nicht so sein. Wer sich ein neues Auto kauft, informiert sich zumeist im Internet und kauft danach den Wagen bei einem Händler. Die Automobilhersteller haben sich hierauf eingestellt und bieten ihren Kunden das Internet als Show Room an. Es geht also um das Managen von Marken über die verschiedenen Kanäle hinweg. Wenn Sie einen Wintermantel online bei einer der Top-Marken kaufen, wollen Sie ihn gegebenenfalls auf Ihrer anstehenden Dienstreise ins Ausland in einem der dortigen Läden dieser Marke umtauschen. Dieses Multi Channel Management ist eine große und oft unbewältigte Herausforderung.

Die digitale Transformation wird sich nicht nur auf dem Konsumentenmarkt bemerkbar machen. Wie verändert das Internet die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen?

Was wir erleben, sind international aufgestellte Unternehmen, die sich immer weiter extern wie intern globalisieren. Durch die Digitalisierung werden Geschäftsprozesse wie Produktentwicklung oder Supply Chain Management global einheitlich gestaltet, stärker automatisiert und mit einer integrierten und harmonisierten IT-Plattform hinterlegt.
Zudem wird sich der Informationsaustausch mit Kunden, Lieferanten und anderen Partnerunternehmen weiter intensivieren. Greifen wir die bereits angesprochenen „Connected Devices“ wieder auf: Ein Unternehmen verkauft Produktionsanlagen, bekommt kontinuierlich online Informationen über deren Zustand und nutzt diese, um seinen Kunden innovative Wartungskonzepte anzubieten. Es entstehen somit neue Möglichkeiten, Kunden dauerhaft zu binden und erweiterte Serviceleistungen anzubieten.

Welche Auswirkungen hat die digitale Transformation auf die Kultur eines Unternehmens?

Denken Sie an Foren, in die externe Dienstleister oder Kunden eingebunden sind und in denen beispielsweise die Anwendung einer innovativen Chemikalie besprochen wird. Sich da zu behaupten und effektiv zu sein, ist im Vergleich zu klassisch ausgeprägten Kommunikationskanälen eine große kulturelle Herausforderung. Führung beispielsweise definiert sich auch völlig anders. In Foren findet eine Kommunikation unter Gleichen statt, die Grenzen zwischen extern und intern verschwimmen.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen grundsätzlichen Trend zu flacheren Hierarchien?

Zweifelsohne. Das liegt ganz wesentlich an der nachkommenden Generation. Diese Talente erwarten aufgrund ihrer Erfahrungen mit sozialen Netzwerken flachere Hierarchien und eine direktere Ansprache. Zeitnahe Interaktion über mehrere Kanäle wie E-Mail, NetMeetings, Wikis oder Foren ist gefordert. Jedoch: Bei diesem Veränderungsprozess sind Unternehmen von Überreaktionen leider nicht gefeit. Oft zu hören sind Beschwerden aufgrund von Information Overflow. Und das Bedürfnis nach Führung bleibt bestehen.

Was macht die Digitalisierung mit der Arbeitsorganisation? Wird es vermehrt Teams geben, die vor allem virtuell miteinander in Kontakt stehen?

Wir verzeichnen einen starken Trend hin zur Projektorganisation. Das ist eine Transformation, die in der digitalen Welt noch mal kräftig beschleunigt wird. Durch die gebotene Virtualität ist es leichter, sehr internationale Projektteams zu bilden. Ein Unternehmen wird so agiler, interne Spezialisierung nimmt zu, Sprach- und Zeitgrenzen werden übersprungen. Kulturelle Vielfalt wird so Teil der Unternehmenskultur.

Was bedeutet eine solche virtuelle Welt Ihrer Ansicht nach für die Mitarbeiterbindung?

Schon heute wird häufig von Zuhause aus oder von unterwegs gearbeitet. Man arbeitet somit eher in einer virtuellen Community. Das kann dazu führen, dass die Hemmschwelle sinkt, aus dieser Gemeinschaft auszubrechen. Das Portfolio an Instrumenten zur Mitarbeiterbindung wird sich somit weiterentwickeln müssen. Jedoch: Gerade die digitale Welt bietet viele Möglichkeiten, sich als attraktiver Arbeitgeber darzustellen. Vieles, was Mitarbeiter heute fordern, wird erleichtert: flexible Arbeitszeiten, schnelle Interaktionen, multikulturelle Arbeitsumgebungen, effektiver Zugriff auf Wissen.

Welchen Menschentypus brauchen Unternehmen in einer internationalen, virtuellen Arbeitswelt?

Zunächst einmal muss man Spaß an Kommunikation haben und adaptiv sein für Umgebungen, die kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Gefordert ist Offenheit, schnell neue – oft virtuelle – Beziehungen aufzubauen. Mitarbeiter müssen in der Lage sein, mit den technischen Hilfsmitteln, den Digital Tools, effektiv umzugehen. Und schließlich ist es wichtig, aus vielen Informationen schnell die herauszugreifen, die wichtig sind.