Wie moderne Führung aussehen sollte

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Foto: Thinkstock / Digital Vision
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Auch im Zeitalter der Digitalisierung gilt: Der Mensch kommt vor der Technologie. Denn Menschen, nicht Maschinen, verändern die Welt. Ein Plädoyer für den direkten Kontakt – von Angesicht zu Angesicht.

Was haben wir in Zukunft in Sachen Führung und Kommunikation zu erwarten? Gehen wir mit drei Beispielen in medias res.

Erstes Beispiel: Vor einigen Wochen habe ich mit Managern einen Workshop veranstaltet, bei dem es um Führen und Kommunizieren in der digitalen Welt ging. Die erste Frage an mich lautete: „Welche Apps und welche Social Media soll ich einsetzen, um mein Unternehmen zu führen?“

Zweites Beispiel: Einer meiner Kollegen leitete ein mehrtägiges, sehr teures Seminar für junge Manager, die teilweise bereits respektable Unternehmen führen. Er stellte dabei fest, dass sich viele Teilnehmer hinter ihrem Tablet oder Laptop verstecken und keine einzige Wortmeldung machen. Als er vorschlug: „So, jetzt schließen wir mal die Dinger und reden miteinander über das Thema“, war diese Aufforderung den Teilnehmern unangenehm. Anscheinend fühlten sie sich ohne ihre Gadgets unbeholfen und nackt. Eine Diskussion kam gar nicht erst in Gang.

Letztes Beispiel: Von einem Professor aus Stanford erfahre ich, dass viele seiner Studenten während des gesamten Studiums ihr Zimmer nie verlassen – mit Ausnahme der Vorlesungen.

Wir sprechen hier von heutigen und künftigen Führungskräften, die Unternehmen und damit Menschen in die Zukunft führen sollen. Sie sind fachlich in der Regel sehr gut ausgebildet, haben hochklassige Universitäten besucht und häufig einen vorzeigbaren Abschluss in der Tasche.

Nur, wie sieht es mit den menschlichen Qualifikationen aus? Hier liegt einiges im Argen. Gehen wir zurück zum ersten Beispiel: Was die Manager hören wollten, war: Wie kann ich führen, ohne direkt mit Menschen zu tun zu haben? Deshalb fiel meine Antwort für sie ernüchternd aus: „Die neuen Technologien können uns bei der Führung unterstützen. Es gibt Apps, die Informationsflüsse und Abläufe vereinfachen. Deshalb sollten wir sie dort nutzen, wo es sinnvoll ist. Doch auch in der digitalen Welt kommt der Mensch vor der Technologie.“ Selbst der amerikanische Präsident wird mit der Zeit lernen, dass eine Nation nicht über Twitter und Tweets geführt werden kann.

Manko an sozialer Kompetenz

Der Führungsexperte aus dem zweiten Beispiel sagte mir, dass er entsetzt gewesen sei über die zwischenmenschlichen Defizite, die sich bei den Teilnehmenden offenbarten. „Sie sind den direkten Umgang mit anderen nicht gewohnt. Es macht ihnen Mühe, dem Gegenüber in die Augen zu sehen. Sie gehen Konflikten aus dem Weg, indem sie Beziehungen per SMS beenden oder E-Mails einfach nicht beantworten.“

Die Beobachtungen, die mein Kollege gemacht hat, zeugen von fehlender sozialer Kompetenz. Menschen sind keine Maschinen, die erteilte Befehle ausführen. Menschen wollen Wertschätzung und Zuwendung. Sie wollen Orientierung und Verbindlichkeit. Deshalb sind Führung und Kommunikation ein untrennbares Paar. Ich kann zwar kommunizieren, ohne eine Führungsaufgabe zu haben. Doch ist Führung nur mit Kommunikation möglich.
Deshalb ist es auch in der digitalen Welt notwendig, dass wir die Kaskade der Führungskommunikation berücksichtigen. Das heißt: zuerst direkt, also von Angesicht zu Angesicht. Ist das nicht möglich, führt der Weg übers Telefon. Und erst an dritter Stelle folgt die E-Mail. Nicht umgekehrt.

Der Stanford-Professor aus dem dritten Beispiel stellte sich die Frage, was aus einer Studenten-Generation werden solle, die ihre Eltern als beste Freunde bezeichnet. Seine Studenten könnten von ihrem Zimmer aus die ganze Welt erreichen. Einen realen Schritt ins Zimmer des Kommilitonen zu setzen, falle ihnen jedoch schwer. Sie lebten in einer Welt der Unverbindlichkeit und der indirekten Kommunikation, obwohl sie ständig miteinander über Facebook, Whatsapp, Instagram und Snapchat verbunden seien. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, was passiert, wenn sich zwei junge Menschen treffen? Sie begrüßen und umarmen sich und im Anschluss reden sie nicht mehr miteinander, sondern beschäftigen sich mit ihren mobilen Geräten. Beide sind dann über das Onlinenetz mit Freunden verbunden: also online mit den Abwesenden, offline mit dem Gegenüber.

Wenn ich Menschen im Hinblick auf ihre Führungseignung beurteile, achte ich in ihrem Lebenslauf zwar auf die Diplome und Abschlüsse. Genauso wichtig ist mir allerdings, was der Kandidat oder die Kandidatin sonst noch gemacht hat oder macht. Betreibt er einen Einzelsport oder ist er Mitglied in einem Team? Hat er neben der Ausbildung Erfahrung gesammelt in Aushilfsjobs, wo er mit Menschen konfrontiert war? Wo hat er sich engagiert? Mit welchen Werten ist er aufgewachsen?

Erst daraus ergibt sich ein aussagekräftiges Bild, ob der Kandidat für eine Führungsaufgabe taugt oder nicht.

Das Geheimnis der Führung

Einer meiner Kunden, der in seiner Laufbahn auf der ganzen Welt Unternehmen erfolgreich führte, hat mir sein Geheimnis der Menschenführung verraten. „Ich habe in meinem Leben keinen einzigen meiner Mitarbeitenden jemals gefragt, wie es ihm gehe. Das habe ich gesehen. Wenn ich jedoch den Eindruck hatte, jemandem ging es nicht gut, habe ich ihn direkt angesprochen und gefragt, was los sei, ob ich ihm helfen könne.“ Dieses wirkliche Interesse am Menschen, diese Compassion, wie die Amerikaner sagen, trug wesentlich dazu bei, dass sich in seinem Unternehmen stets eine wertschätzende Kultur entwickelte, mit geringer Fluktuation und hoher Identifikation.

Egal ob die Führungskräfte jung oder bereits erfahren sind – gerade in Zeiten der Digitalisierung gilt mehr als jemals zuvor: Führen heißt Kommunizieren. Wer direkt auf die Menschen zugeht, kann sie begeistern, Teams zu Höchstleistungen motivieren, im Dialog Konflikte lösen.

Heute, wo Roboter den Menschen teilweise ersetzen können, besteht die Kunst der Kommunikation und Führung vor allem in der Erkenntnis, dass der Mensch vor der Technologie kommt. Denn es sind Menschen, nicht Maschinen, die die Welt verändern und voranbringen. Wer mit Menschen richtig umgeht, schafft sich ein Umfeld der Kooperation, in dem Fortschritt und Erfolg die logische Konsequenz sind.

Deshalb lautet mein Rat – ganz gleich welcher Generation eine Führungskraft angehört –, ob als junger Wilder oder alter Hase: Gehen Sie auf die Menschen zu, reden Sie mit Ihrem Gegenüber und klappen Sie zwischendurch Ihren Laptop zu. So erleben Sie die Welt direkt: real, in 3-D und in Farbe. Und nicht nur virtuell und gefangen im Netz.