Tinnitus – Stille kann so laut sein

MENTAL BREAK(DOWN)

True Story: Um 6:00 Uhr sollte ich an einem Mittwochmorgen den ICE von Mannheim nach Dresden nehmen. Um 2:15 Uhr weckte mich mein Brandmelder: ein Fehlalarm. Trotz aller Versuche, diesen abzustellen, plärrte er hell und schrill weiter. Nach 15 Minuten konnten wir das Gerät endlich zum Schweigen bringen – in meinem Ohr allerdings zirpte es weiter. Das führte dazu, dass ich statt in Dresden beim nächstgelegenen Uniklinikum landete. Ein akutes Lärmtrauma war die Diagnose: Watte-Gefühl, Ohrenschmerzen, Rauschen im Ohr. Meine Ohr-Odyssee begann.

Unsere Ohren sind unser leistungsfähigstes Organ. Akustische Reize werden schneller verarbeitet als Bilder durch unsere Augen. Während unser Gehirn ein visuelles Signal verarbeitet, haben wir im gleichen Zeitraum schon sechs bis acht Wörter verstanden. Unser Gehör ist 24/7 im Einsatz und dient dabei nicht nur dem Hören und Verstehen, sondern ist auch Stimmungsmacher, Empfänger von Warnsignalen und Orientierungshilfe im Alltag. Zugleich sind unsere Ohren sehr sensibel. Jeder Teil des Ohres kann durch äußere Einflüsse geschädigt werden. In Deutschland sind etwa 14 bis 16 Millionen Menschen schwerhörig und ca. drei Millionen Menschen leiden unter Ohrgeräuschen, dem sogenannten Tinnitus.

Lärm ist laut, nervt und macht krank. Wie laut die Welt sein kann (und dass so viele Menschen darunter leiden), war mir vor meinem Vorfall überhaupt nicht bewusst. Dem Umweltbundesamt zufolge hängt die Lärmbelästigung mit messbaren physikalischen Geräuschbelästigungen und zahlreichen nicht-akustischen Faktoren, wie Einstellung zur Geräuschquelle, Umweltbewusstsein oder individuellen Dispositionen ab. Nach einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2020 fühlen sich 76 Prozent der Befragten durch Straßenlärm, 43 Prozent durch Luftverkehr und 57 Prozent durch die Nachbarschaft in ihrem Wohnumfeld beeinträchtigt. Die meisten Menschen sind dabei mehr als einer Lärmquelle ausgesetzt. Für mich waren es klapperndes Geschirr, fallendes Münzgeld an der Kasse, Kindergeschrei (ok, das hatte mich schon vorher gestresst), Türen, die ins Schloss fielen – ich ertrug es von jetzt auf gleich nicht mehr. Besonders belastend aber: das Pfeifen in meinem Ohr.

Meine Grille im Ohr

Tinnitus klingt bei jedem Menschen anders. Bei mir war es eine Mischung aus Rauschen und einem hohen Grillenzirpen. Meine Grille im Ohr jammte von da an täglich, selten schwieg sie mit ihrem Konzert. Als sie dann eines nachts die Tonlage wechselte und nicht mehr synchron mit den richtigen Grillen draußen spielte, war ich kurz vor dem Durchdrehen. Der HNO-Facharzt machte mir wenig Hoffnung. Die Hälfte der Betroffenen erhole sich, vor allem in meinem noch jungen Alter, der Rest erleide Folgeschäden. Ab drei Monaten würde es dann chronisch. Das saß.

Von da an verbrachte ich Stunden im Internet (ich weiß, dümmste Angewohnheit ever, aber die wissenschaftlich-sozialisierte Hypochonderin in mir kann es nicht lassen). Nach vier Tagen kannte ich die gesamte Studienlage und – fuck off – der Ohrenmensch hatte recht. So richtig erforscht ist im Umgang mit Tinnitus und Hörsturz nichts wirklich gut – weder Ursache noch Medikation. Das macht die Behandlung recht undurchsichtig, obwohl es eines der gängigsten Phänomene ist, das nicht nur von Lärm, sondern auch durch (Berufs-)Stress ausgelöst wird, und betroffene Menschen temporär komplett ausknockt. Medizinische Fachkräfte gehen davon aus, dass akuter Stress dazu führen kann, dass das Innenohr weniger durchblutet und die Versorgung mit Sauerstoff herabgesetzt wird, was dann zu Ohrgeräuschen führen kann. Schlafstörungen und Depressionen können folgen – ich meldete mich erst einmal bei mir selbst krank.

In der zweiten Woche hoffte ich weiterhin auf Spontanheilung (etwa die Hälfte der Betroffenen erholt sich auch ohne Medikamente von selbst, genannt: Spontanremission), sah mich aber in meinen schlimmsten Vorstellungen in die Schlaf- und Arbeitsunfähigkeit gedrängt. Ich beobachtete den Tinnitus fortwährend, wie er seine Ton- und Lautstärke veränderte – dadurch erhielt ich ihn natürlich am Leben. Es ist schwer vorstellbar, mit so einem Ding im Ohr ein Leben lang zu „hören“. Mehr und mehr Menschen in meinem Umfeld berichteten mir allerdings von ihrer Grille im Ohr – das sei gar nicht so schlimm und auch ich würde schon noch damit klarkommen. Würde ich? Nein – also betete ich weiter meine Medikamente an, die ich sicherheitshalber gleichzeitig einnahm (unklare Studienlage und so, ich wollte nichts unversucht lassen, um mir nicht später Vorwürfe machen zu müssen): ein Cocktail aus Cortison, Blutverdünnung, Magnesium. Zusätzlich ging ich zur Osteopathin und in die Krankengymnastik (schadet ja meist nicht!). Ich trank viel, machte gemäß ärztlicher Anweisung moderat Sport.

Das lange Warten

Es begann die Phase des Wartens. Vor allem die Einschlaf- und Durchschlafprobleme machten mir zu schaffen. An alle Eltern: Noch mehr Bewunderung! Für mich als ungeduldiger Mensch ist Warten einfach kein guter Seinszustand. Kann ich im Außen nichts tun, werde ich innerlich rasend. Von der Tablettensuppe befürchtete ich diverse Nebenwirkungen, die das Ohr-Konzert natürlich weiter befeuerten. Trotzdem machte ich brav weiter mit dem Behandlungsplan, ging drei Mal am Tag spazieren, implementierte eine Ohrgymnastik (Ziehen seitlich am Ohr, um den Gehörgang zu weiten, damit alles abschwellen und sich meine sensiblen Härchen wieder aufrichten konnten). Mittlerweile hatte ich zum Einschlafen diverse Strategien entwickelt, z. B. die Nutzung von beruhigenden Sounds, die das Geräusch überdeckten und sechs Stunden lang spielten. Die Tinnitus-App Tinnitracks ist die erste medizinisch zugelassene App auf dem Markt zur Behandlung von Ohrgeräuschen. Ich sah mich schon als Power-Userin, da ich sehr anfällig für Smart-Health-Produkte bin. Nach einer kurzen Recherche entpuppte sich allerdings auch diese Behandlungsmöglichkeit als Sackgasse: Es gibt viel Kritik an der App, unter anderem von der Deutschen Tinnitus-Liga, sowohl was die Wirksamkeit als auch die Sicherheit anbelangt.

Auch Ende der zweiten Woche nach Exposition war ich nicht in der Lage, Termine wahrzunehmen und mein Team zu leiten. Stattdessen ging ich mit der Grille spazieren und beobachtete Enten. Durch den Tinnitus war ich nicht in der Lage, mich länger als 15 Minuten am Stück zu konzentrieren. „Entspannung, Sie haben insgesamt zu viel Stress“, hörte ich fast zwei Mal täglich, begleitet von dem zarten Streichen meiner Grille, die inzwischen leiser zirpte, aber immer noch hörbar. Vor allem die stillen Räume wurden zur Herausforderung: mein Arbeitszimmer, mein Bad, mein Bett – frühere Lieblingsorte wurden unbrauchbar.

Die dritte Woche: Ein Teams-Gespräch mit mehr als fünf Leuten – weiterhin unerträglich. Aber dann gab es plötzlich diesen einen Tag nach der gefühlt grausamsten Nacht, an dem der Tinnitus an Lautstärke abnahm. Danach kamen zwei schlechtere Tage, danach wieder ein guter. So ging das munter weiter – mit bis zu sechs Wochen Auf und Abs, sagte die Osteopathin, sollte ich schon rechnen.

Lärmschutz am Arbeitsplatz

Tinnitus ist und bleibt eine Volkskrankheit. Mit wie vielen Menschen habe ich gesprochen, die damit besser oder schlechter leben (auch unbehandelt!) – mit anderen, die es gar nicht als „Problem“ empfinden, weil sie sagen, es sei nicht störend für sie. Die Dunkelziffer ist also viel höher als die medizinisch gehandelte Zahl, vermute ich. Was heißt das für unsere Arbeitswelt? Wir sollten viel sensibler mit dem Thema „Hören“ umgehen – ein Hörsturz oder ein akustisches Trauma kann viele treffen. Sogar ein an sich harmloser Teams-Call kann akustische Traumata hervorrufen, wenn plötzlich ein schrilles lautes Geräusch durch die Leitung pfeift, weil die Internetverbindung hakt. Physische Gesundheit bedeutet eben auch digitale Gesundheit. Arbeits- und Lärmschutz sollten in Großraumbüros verstärkt werden. Nicht nur an Maschinen ist permanenter Lärm eine Belastung. Auch beim Dauer-Gemurmel in Video-Konferenzen kann es mit 30 oder 40 Personen in einem Großraumbüro echt anstrengend werden. Sogenannte Ruhezonen oder Ruhekabinen müssen daher unbedingt angeboten werden. Denn selbst wenn gerade in jungen Jahren alles noch gut und unbedenklich ist, vergisst das Gehör die Dauerbelastung nicht. Wie strapaziös das werden kann und welche nie angezweifelte Freiheit davon plötzlich betroffen ist, davon singt meine Grille täglich ein Lied!

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Simone Burel, Geschäftsführerin der LUB GmbH - Linguistische Unternehmensberatung

Simone Burel

Dr. Simone Burel ist Geschäftsführerin der LUB – Linguistische Unternehmensberatung, promovierte Sprachwissenschaftlerin und (Fachbuch-)Autorin. Ihre Arbeiten zu Sprache, Gender Diversity & Unternehmenskommunikation wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit der neuen Marke Diversity Company spezialisieren Burel und ihr Team sich auf einen neuen Schwerpunkt: Diversität in all ihren Dimensionen – neben den sechs klassischen Diversity-Dimensionen beschäftigen sie sich mit den unsichtbaren Faktoren soziale Herkunft und mentale Diversität. Das Thema Mental Health beschäftigt sie intern als Führungskräfte wie auch extern bei Kundinnen und Kunden